Militärexperte: “Wir sind nicht im Krieg, aber auch nicht mehr im Frieden”

Beim Sicherheitspolitischen Bodenseekongress in Bregenz diskutierten internationale Experten über gesellschaftliche Verantwortung, neue Bedrohungen und warum Verteidigungsbereitschaft nicht selbstverständlich ist.
Wie steht es um den Verteidigungswillen in Europa? Diese Frage steht im Zentrum des 12. Sicherheitspolitischen Bodenseekongresses im Bregenzer Landhaus. Vertreter aus Österreich, Deutschland und der Schweiz diskutieren dabei nicht nur militärische Aspekte, sondern vor allem die Rolle der Gesellschaft. Das Thema ist klar formuliert: „Wehrwille/Verteidigungswille als Fundament für eine funktionsfähige Armee – Spannungsfeld zwischen Wunschdenken und Notwendigkeit“.

Sicherheitslandesrat Daniel Allgäuer betont in seiner Eröffnungsrede die zentrale Bedeutung dieses Ansatzes. „Eine moderne Sicherheits- und Verteidigungspolitik kann nur dann wirksam sein, wenn sie in der Gesellschaft fest verankert ist.“ Der Verteidigungswille sei „kein abstraktes Konzept“, sondern Ergebnis einer funktionierenden geistigen Landesverteidigung.

Gleichzeitig spricht Allgäuer Defizite an. Dieser Bereich sei in Österreich „über mehr als zwei Jahrzehnte massiv vernachlässigt“ worden. Die aktuelle Entwicklung sei daher erst ein Anfang. „Die Stärkung des Verteidigungswillens ist eine gesamtstaatliche, gesamtgesellschaftliche Aufgabe.“
Sicherheitspolitische Lage
Auch in den einleitenden Worten wird der Zusammenhang zwischen Politik und Bevölkerung deutlich. „Kann ich von der Bevölkerung einen Wehrwillen erwarten, wenn die Politik kein klares Bekenntnis zur umfassenden Landesverteidigung abgibt?“, lautet eine zentrale Frage.
Die Vorträge zeigen, dass sich die sicherheitspolitische Lage grundlegend verändert hat. Der Krieg in der Ukraine wirkt weit über das Schlachtfeld hinaus. Desinformation, politische Einflussnahme und gesellschaftliche Spannungen werden zu sicherheitsrelevanten Faktoren.
Ein gemeinsamer Nenner ist die Bedeutung der Gesellschaft. „Wir als Soldaten können bei der Verteidigung unserer Freiheit nur so gut sein, wie die Gesellschaft, die uns trägt“, sagt Generalleutnant a. D. Alfons Mais, Inspekteur des Deutschen Heeres 2020 bis 2025.
Auch aus österreichischer Sicht wird dieser Ansatz bestätigt. Wehrwille sei „ein gesamtstaatliches Bildungsziel“, erklärt Brigadier Klaus Klingenschmid in seinem Vortrag.
Der Kongress macht deutlich, dass Verteidigungsbereitschaft nicht verordnet werden kann. Sie entsteht dort, wo politische Entscheidungen glaubwürdig sind und gesellschaftliches Vertrauen vorhanden ist.
Zeitenwende und neue Realität
Alfons Mais, Inspekteur des Deutschen Heeres von 2020 bis 2025, beschreibt die sicherheitspolitische Lage in Europa als grundlegend verändert. Der Angriff Russlands auf die Ukraine habe die bisherige Ordnung erschüttert. „Die europäische Friedensordnung ist pulverisiert“, sagt er.

Mais zeichnet dabei ein vielschichtiges Bedrohungsbild. Klassische militärische Konflikte seien nur ein Teil. Russland setze gezielt auf hybride Methoden. „Die Auseinandersetzung Russlands mit dem Westen beginnt nicht auf dem Schlachtfeld, sie hat bereits begonnen. Wir sind nicht im Krieg, aber auch nicht mehr im Frieden.“
Damit rückt er Desinformation, politische Einflussnahme und gesellschaftliche Spaltung in den Mittelpunkt. Ziel sei es, Demokratien von innen zu destabilisieren. Diese Entwicklung stelle neue Anforderungen an Staaten und Gesellschaften.
Auch die Rolle der USA bewertet Mais kritisch. Die bisherige sicherheitspolitische Ordnung sei nicht mehr selbstverständlich. Europa müsse stärker eigenständig handeln. Für Deutschland bedeutet das eine Neuausrichtung. Begriffe wie „Zeitenwende“ oder „Kriegstüchtigkeit“ prägen die politische Diskussion. Gleichzeitig sieht Mais Defizite, etwa bei Ausrüstung, Personal und Strukturen.
Beim Thema Wehrwille legt er den Fokus bewusst auf die Gesellschaft. Es gehe nicht darum, Personalprobleme zu lösen, sondern um eine grundlegende Haltung. „Ist es dieses Land wert, verteidigt zu werden?“
Er verweist dabei auch auf Umfragen. Nur ein Teil der Bevölkerung sei bereit, im Ernstfall zu kämpfen. Gleichzeitig sei die Zustimmung zu einem Wehrdienst deutlich höher. Daraus ergibt sich für ihn ein Widerspruch.
Das Fazit des ehmals obersten truppendienstlichen Vorgesetzten der Teilstreitkraft Heer der Deutschen Bundeswehr ist eindeutig: Verteidigungsfähigkeit und gesellschaftlicher Wille sind untrennbar. „Freiheit und Frieden gibt es nicht umsonst.“ Ohne breite Unterstützung in der Bevölkerung bleiben auch militärische Maßnahmen begrenzt wirksam.
Die Auseinandersetzung Russlands mit dem Westen beginnt nicht auf dem Schlachtfeld, sie hat bereits begonnen.
Alfons Mais, Generalleutnant und Inspekteur des Heeres a.D.
Wehrwille entsteht nicht von selbst
Brigadier Klaus Klingenschmid beschreibt die Situation in Österreich als komplex. Wehrwille gehe weit über das Militär hinaus.

Ein zentraler Faktor ist die Neutralität. Sie sei „Teil unserer Identität“, habe aber auch Auswirkungen auf die Wahrnehmung von Sicherheit. Er spricht von einer „Verteidigungsdelegation“: Viele Menschen gingen davon aus, dass im Ernstfall andere Staaten Verantwortung übernehmen. Diese Haltung spiegle sich auch in Umfragen wider. Eine Mehrheit erwartet Unterstützung aus Europa, während deutlich weniger bereit sind, selbst aktiv beizutragen. Für Klingenschmid ist das keine moralische Frage, sondern eine Realität, die berücksichtigt werden müsse.
Sein Ansatz setzt bei der Bildung an. Wehrwille sei „ein gesamtstaatliches Bildungsziel“. Es gehe darum, Verständnis für Sicherheit zu schaffen und Menschen einzubinden. Gleichzeitig warnt er vor falschen Annahmen: „Wir wünschen uns, dass der Wehrwille hoch ausgeprägt ist … das ist eine nicht näher bestätigte Wunschvorstellung.“
Am Beispiel der Heeresunteroffiziersakademie zeigt er konkrete Maßnahmen. Ziel ist es, nicht nur Fähigkeiten zu vermitteln, sondern auch Motivation und persönliche Entwicklung zu fördern. Ein zentrales Element ist der sogenannte Multiplikatoreffekt, denn gut ausgebildete Soldaten wirken als Vorbilder. Die Ergebnisse seien messbar: Die Zufriedenheit unter Grundwehrdienern sei gestiegen, ebenso die Bereitschaft für eine militärische Laufbahn.
Sein Fazit: Wehrwille entsteht nicht von selbst. Er ist das Ergebnis langfristiger Arbeit, klarer Kommunikation und glaubwürdiger Strukturen.
Viele Menschen gehen davon aus, dass im Ernstfall andere Staaten Verantwortung übernehmen.
Klaus Klingenschmid, Brigadier, Kommandant Österreichische Heeresunteroffiziersakademie
Die Psychologie des Wehrwillens
Hubert Annen nähert sich dem Thema aus militärpsychologischer Sicht. Im Mittelpunkt steht die Frage, was Menschen tatsächlich motiviert, Dienst zu leisten. „Wenn wir unsere Aufgabe gut machen, dann benennen wir die Dinge und machen sie dadurch fassbar“, sagt er.

Die Daten zeigen ein widersprüchliches Bild. Die Zustimmung zur Armee ist hoch, gleichzeitig sinkt die persönliche Bereitschaft. „Wenn man dann selbst betroffen ist, sieht das Ganze etwas weniger günstig aus.“
Ein zentrales Problem ist für Annen die Wahrnehmung. Viele junge Menschen empfinden alternative Dienste als sinnvoller. Der Militärdienst werde oft erst dann positiv bewertet, wenn man ihn selbst erlebt hat. Aus psychologischer Sicht nennt er zentrale Faktoren für Motivation: Vertrauen, Sinn und Kameradschaft. „Die Leute wollen fair behandelt werden“, bringt er es auf den Punkt. Ebenso entscheidend seien Erfolgserlebnisse und das Gefühl, gebraucht zu werden.
Besonders wichtig ist die Rolle der Führung. Ausbilder prägen das Bild des Militärs nachhaltig. „So ist Militär“, sei oft die Schlussfolgerung nach ersten Erfahrungen im Dienst. Annen betont, dass Wehrwille nicht selbstverständlich ist. Er müsse aktiv gefördert werden: „Ohne Vertrauen und glaubwürdige Führung bleibt Verteidigungsbereitschaft abstrakt.“
Ohne Vertrauen und glaubwürdige Führung bleibt Verteidigungsbereitschaft abstrakt.
Hubert Annen, Dozent für Militärpsychologie, ETH Zürich