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Pröll: “Solche Turbulenzen sind nicht gut für den Fußball”

25.04.2026 • 22:15 Uhr
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November 2025: Pröll gratuliert ÖFB-Teamchef Ralf Rangnick nach dem Play-off-Sieg gegen Bosnien und Herzegowina zur WM-Qualifikation. GEPA

Interview. Am Dienstag war der ÖFB-Aufsichtsratsvorsitzende Josef Pröll in Vorarlberg. Auf der VFV-Geschäftsstelle in Hohenems sprach der 57-Jährige mit der NEUE über die Zukunft des ÖFB, die heimische Ligenstruktur und Trump.

Wo ist es schwieriger, seine Visionen umzusetzen: In der Politik oder im Fußball als ÖFB-Aufsichtsratsvorsitzender?
Josef Pröll:
Das ist ja gleich wirklich eine gute Frage. Ich glaube, es ist schon komplexer in der Politik, weil du dort erst in einer Koalition einen gemeinsamen Wert finden musst, dann kommt noch die Opposition dazu, die wieder eine andere Meinung einbringt – die Prozesse dauern allgemein länger. Ich denke, als Aufsichtsratsvorsitzender des ÖFB mit den operativen Kräften im Rücken ist es einfacher, mit den neun Landespräsidenten und der Bundesliga auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen. Es steckt natürlich schon viel Arbeit dahinter, einen Konsens zu finden und es bedarf einiger Koordinationsarbeit, aber es läuft deutlich effizienter ab.

In Österreich wird gerne über Personen diskutiert, aber sehr selten und sehr ungerne über Strukturen. Weil kaum einer Veränderung will und weil fast ein jeder glaubt oder zumindest hofft, es hängt alles nur an Einzelpersonen?
Pröll:
Das zugrundeliegende Thema ist, dass Strukturen immer eine Geschichte haben. Sie sind oftmals vor langer Zeit entstanden, sie sind gewachsen und es fällt vielen schwer, eine Historie und etwas Etabliertes für neue Pfade zu verlassen. Es ist aber notwendig. Deswegen habe ich mit dem Strategieprozess im ÖFB auch dafür Sorge getragen, dass wir nicht nur eine neue Strategie für Österreichs Fußball andenken, sondern dann auch umsetzen – und das impliziert, dass sich an dieser neuen Strategie auch die Strukturen orientieren müssen. Es ist, wie Sie es richtig sagen: Man darf ein System nicht ausschließlich an Personen festmachen, wir brauchen auch eine strukturelle Erneuerung.

Pröll: "Solche Turbulenzen sind nicht gut für den Fußball"
ÖFB-Macher Josef Pröll im Gespräch mit NEUE-Sportchef Hannes Mayer. Stiplovsek

Wenn sich nichts ändert, kann sich nichts ändern.
Pröll:
Es klingt banal, aber ganz genau so ist es. Wenn sich nichts ändert, kann sich nichts ändern. Strukturänderungen, und das darf man nicht vergessen, sind oftmals mit viel Ungewissheit vor der Zukunft verbunden, gerade im Verbandswesen: Trägt die Neuordnung zum Erfolg bei oder birgt sie nicht auch eine Gefahr des Scheiterns? Diese Frage ist sehr wohl berechtigt, denn Ändern des Veränderns willen führt genau so wenig ans Ziel, wie alles beim Alten zu belassen. Man muss immer abwägen, bevor man Entscheidungen trifft – und für dieses Abwägen der Vor- und vielleicht auch Nachteile muss man vorbereitet sein. Zuallererst muss der Zweck der Umstrukturierungen klar definiert sein. Gleichzeitig sollte man sehr genau abschätzen können, was die unmittelbaren Folgen der einzelnen Maßnahmen sind, damit es hinterher keine vermeidbaren Überraschungen gibt. Am Ende gilt: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Das gilt auch für die Strukturen im österreichischen Fußball.

In Vorarlberg wackelt die VFV-Akademie. Das kann weder Ihnen noch dem ÖFB als Institution gefallen.
Pröll:
Es liegt in der Natur der Sache, dass es überhaupt nicht in unserem Sinne ist, wenn Leistungszentren oder Akademien österreichweit gefährdet sind. Im Gegenteil, sie müssen auch zukünftig tragende Säulen unserer Ausbildung sein. Die Frage ist natürlich, wie und mit welchen Geldmitteln, wo und mit welcher Ausstattung diese Nachwuchseinrichtungen geführt werden. Auch das wird im Rahmen der Strategiedebatte zu klären sein. Denn wenn ich über Strukturveränderungen spreche, dann betrifft das selbstverständlich auch die Nachwuchs­ausbildung. Im Fußball hat sich viel verändert in den letzten Jahren, deshalb ist das jetzt eine große Chance, zu hinterfragen, was denn die optimale Struktur für eine Akademie oder ein Leistungszentrum wären. Ich habe vorhin die VFV-Akademie in der Mehrerau besucht und bin beeindruckt, was hier in Vorarlberg geleistet wird. Mich hat auch beeindruckt, mit viel Engagement sich die Verantwortlichen der Nachwuchsarbeit verschrieben haben. Jetzt gilt es gemeinsam zukunftsträchtige Lösungen zu diskutieren.

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Pröll verabschiedet in Bregenz den scheidenden VFV-Präsident Horst Lumper. GEPA

Der langjährige VFV-Präsident Horst Lumper hat sein Amt vor einem Jahr zurückgelegt, weil er nicht mehr Teil des ÖFB sein wollte. Was sagt das über den damaligen Zustand aus und was hat sich seither verändert?
Pröll:
Ich kann über das, was sich damals beim und um den ÖFB abgespielt hat, wenig sagen. Ich bin am 18. Mai in Bregenz in mein Amt gewählt worden. Mein aktueller Besuch in Vorarlberg ist also die Rückkehr an den Ort, an dem meine Reise beim ÖFB begonnen hat. Natürlich habe ich damals die medial kommunizierten Querelen und Themen im ÖFB mitbekommen, aber ich selbst habe diese Konflikte in dieser Härte nie angetroffen. Warum dem so ist? Ich habe es offengestanden lange nicht verstanden, warum Teile des Präsidiums einen Externen für das Amt des Aufsichtsratsvorsitzenden gesucht haben. Jetzt verstehe ich es: Weil ich einer war, der von außen in das System hineinkam und damit mit all diesen Verwundungen der Vergangenheit nichts zu tun hatte. Und das war, glaube ich, ein guter Startpunkt für einen Einigungsprozess. So würde ich das zumindest ein Jahr später resümieren. Mein Vorteil ist mitunter auch, dass ich aus meiner Vergangenheit den Umgang mit föderalen Strukturen gewohnt bin, mir ist bewusst, dass Teilorganisationen eingebunden und gehört werden müssen. Ich bin jemand, der auf das Persönliche setzt, deshalb bin ich draußen in den Bundesländern und halte nicht nur Kontakt mit den Aufsichtsratsmitgliedern und ÖFB-Mitarbeitern. Nach meinem Besuch in Vorarlberg fahre ich nach Kärnten – und dann habe ich innerhalb von elf Monaten alle Bundesländer besucht, und das werde ich auch weiter so halten. Für mich steht der direkte Kontakt im Mittelpunkt, dass man sich gemeinsam kümmert und entscheidet. Wie das davor war, weiß ich nicht.

Unmittelbar vor Ihrer Wahl brachte der „Falter“ Vorwürfe auf, sechs Landesverbände hätten zu Unrecht Corona-Förderungen bezogen, obwohl sie keine Einbußen gehabt hätten, was nun geprüft werde. Die Präsidenten der sechs Landesverbände, die Förderungen erhielten, seien auffälligerweise auch die lautesten Kritiker von ÖFB-Teamchef Ralf Rangnick. Die drei Verbände, die keine Förderung beantragten, dazu aber von Akteuren im Verband gedrängt worden seien, stünden hinter Rangnick. Die Zusammenhänge wirkten konstruiert, aus ÖFB- und Landesverbandskreisen lanciert und durchaus politisch motiviert: Der „Falter“ gilt als politisch links, Sie waren ÖVP-Vizekanzler.
Pröll:
Ich glaube, in vielen Strukturen, nicht nur in der Politik, wird auch politisch gedacht, mit Interessenssphären, mit Einflussnahme. Ich habe vor einem Jahr allen klar gemacht, dass ich zum ÖFB bekommen bin, um ehrenamtlich, gemeinsam mit dem Präsidium und der Bundesliga, den österreichischen Fußball neu zu positionieren und weiterzuentwickeln. Das geht nur mit einem starken Zusammenhalt. Die Verwundungen der Vergangenheit haben für mich keine Bedeutung. Sie hemmen uns in der Weiterentwicklung. Ob die Berichte vor meiner Wahl auf den damaligen Gräben beruhten, will ich ebenso wenig selbst beurteilen wie die Frage, ob es mir gelungen ist, die verschiedenen Akteure im österreichischen Fußball wieder zu einen. Das soll die Öffentlichkeit tun. Ich fühle mich jedoch durchaus in der Position, Menschen zusammenzuführen, um wieder gemeinsam nach vorne zu blicken.

Pröll: "Solche Turbulenzen sind nicht gut für den Fußball"
ÖFB-Sportdirektor Peter Schöttel und ÖFB-Macher Josef Pröll haben noch viel vor. APA

Für das Nachvorneblicken braucht es auch ein Nationalstadion, zumindest darüber sollten sich alle im österreichischen Fußball einig sein.
Pröll:
Es braucht ein Nationalstadion, das wir ganz klar als Multifunktionsarena denken. Ein nur auf Fußball zugeschnittenes Stadion wäre zu wenig, weil zu teuer und zu wenig Nutzbarkeiten. Wir müssen uns mit Veranstaltern von Konzerten und vielen anderen zusammentun.

Die politischen Mühlen mahlen allerdings sehr langsam.
Pröll:
Weil der Druck auf die öffentlichen Budgets enorm ist. Das verstehe ich als jemand, der selbst politisch in der Verantwortung war. Man sieht ja, wie derzeit auf Bundesebene ein Zweijahres-Budget mit einem gewaltigen Sparpaket verhandelt wird. Die öffentlichen Haushalte sind angespannt und wenige trauen sich in solchen Zeiten aus der Deckung, selbst für ein so tolles und notwendiges Projekt wie einer Multifunktionsarena als Nationalstadion Geld aufzustellen. Das heißt, wir müssen schauen, gibt es private Investoren und was kann der Bund und das jeweilige Bundesland, wo es dann stehen soll, dazu beitragen? Wir werden jedenfalls trotz dieser knappen Budgets nicht vom Thema ablassen. Ich werde den Bau einer Multifunktionsarena für Österreich nicht nur denken, sondern auch pushen.

Was macht das gerade auch als Ex-Politiker mit Ihnen, wenn FIFA-Boss Gianni Infantino immer und immer wieder Donald Trump hofiert und dem US-Präsidenten eine Bühne bietet?
Pröll:
Man muss bei der Bewertung weiter zurückgehen. Als damals Kanada, USA und Mexiko den WM-Zuschlag erhalten haben, hat die ganze Welt innegehalten und diese Entscheidung begrüßt, weil der amerikanische Kontinent die Einigkeit gezeigt hat, vereint eine Weltmeisterschaft auszutragen. Damals konnte noch keine Rede von all den Dingen sein, die Donald Trump jetzt umsetzt. Die FIFA hat damals die Unterstützung von Trump für diese gemeinsame nordamerikanische Bewerbung begrüßt und wird auch jetzt mit Donald Trump umgehen müssen. Ob dabei das Verhalten von FIFA-Präsident Infantino manchmal zu überschießend ist? Das würde aus der Distanz nicht beurteilen wollen. Ich habe Gianni Infantino als jemanden kennengelernt, dem der Fußball extrem am Herzen liegt. Die eine oder andere Geste gegenüber Trump hätte ich so nicht gesetzt, das sage ich ganz offen, da gab es sicherlich Momente, die Anlass zur Kritik geben. Letztendlich darf man dennoch nicht ausblenden, dass die jetzige Situation, die sicherlich nicht nur für die FIFA, sondern auf vielen Ebenen sehr herausfordernd ist, auf einer demokratischen Entscheidung in den USA beruht. Diese Entscheidung haben wir zu akzeptieren. Donald Trump ist Präsident eines großen Ausrichterlands, dementsprechend wird er bei der WM eine Präsenz haben. Das war auch in der Vergangenheit mit anderen Staatsleuten der Ausrichterländer so, nur fielen deren Auftritte bei der Bewertung nicht so stark ins Gewicht, wie das heute bei Trump aus sicherlich nachvollziehbaren Gründen so ist.

Das Nationalteam boomt, die Liga schwächelt – das kann nicht im Interesse des ÖFB sein.
Pröll:
Als ÖFB dürfen wir nie nur die Nationalmannschaft sehen. Wir sind verantwortlich, und das ist aus meiner Sicht die Hauptaufgabe, für den Breitensport mit über 2000 Vereinen in Österreich bis hin zur Spitze in der Bundesliga – ich werde nicht müde, diese Hauptverantwortung als Signal zu setzen. Es kann nicht ein ÖFB gegen die Bundesliga oder umgekehrt sein, sondern wir müssen den Fußball in seiner Gesamtheit vom Breitensport bis zum Spitzensport, bis zu den Nationalteams der Männer und Frauen sowie den Nachwuchsauswahlen gemeinsam denken. Und ja, die Bundesliga hat derzeit ihre Herausforderungen, zum Beispiel ökonomisch, auch die Frage der zweiten Liga steht wie vieles im Raum. Auch das werden wir bei unserer Strategiedebatte zu diskutieren haben.

Es kann nicht sein, dass jede Saison Zweitligisten wegbrechen.
Pröll:
Nein, das kann weder im Interesse des ÖFB noch von irgendwem sein, dem der österreichische Fußball am Herzen liegt. Solche Turbulenzen sind nicht gut für den heimischen Fußball, das strahlt nach innen und nach außen ab. Die nüchterne Bewertung ist, dass in Österreich aktuell eine Ligenstruktur besteht, bei der zum Beispiel in der aktuellen Saison in der 2. Liga wieder zwei Vereine in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten sind. Und wie Sie das richtig angedeutet haben, diese Schwierigkeiten wiederholen sich. Was heißt das für die Zukunft? Ich glaube, die aktuellen Formate werden beleuchtet werden müssen. Es gibt legitime Fragen, sicherlich auch sportlicher Natur. Entlang der Vorfälle und Beispiele werden wir die Diskussion führen und zu einer gemeinsamen Strategie kommen müssen.

Auch wenn das zum Abschluss keine sonderlich originelle Frage ist, ist natürlich ein Ausblick auf die WM unverzichtbar: Was ist für Österreich möglich bei der WM?
Pröll:
(lacht) Ich finde, wir führen ein interessantes Gespräch, an gewissen Themen kommt man nicht vorbei, seien wir froh, dass wir als Teilnehmerland über die WM sprechen dürfen. Natürlich ist das eine Frage, die immer wieder an mich gerichtet wird: Die sportliche Bewertung der Gruppe überlasse ich dem Teamchef und dem Team um unseren Sportdirektor Peter Schöttel. Trotzdem habe ich, als einer, der als Funktionär an der Spitze steht, natürlich eine Sichtweise. Meine Anforderung ist, dass wir sehr aktiv und offensiv die Gruppenspiele angehen, um das Beste aus unseren Qualitäten herauszuholen. Mit diesem Ansatz haben wir uns ja auch für die WM qualifiziert. In einem Turnier kann viel passieren. Wenn wir in der Gruppe weiterkommen, beginnt die WM so ein bisschen neu. Aber jetzt gilt es erstmal, mit vollem Elan, Optimismus und Kraft in die Gruppenphase zu starten und dort eben aktiv aufzutreten. Ich bin da guter Dinge. Denn es ist spürbar, wie sich unsere Jungs freuen, beim Nationalteam zu sein und wie stolz sie sind, für Österreich zu spielen. Das war auch bei den Freundschaftsspielen gegen Ghana und Südkorea Ende März so. Und das wird bei der WM sicher noch viel mehr der Fall sein.

Und wie Sie es ja auch schon erklärt haben, bei der Vertragsverlängerung von Ralf Rangnick ist nicht entscheidend, wann sie passiert: Ob vor oder nach der WM?
Pröll:
Für mich ist viel wichtiger, dass es beim ÖFB für Ralf Rangnick ein klares Commitment gibt, das von sehr vielen im österreichischen Fußball mitgetragen wird. Es herrscht große Einigkeit darüber, dass Ralf Rangnick mit seinem professionellen und sportlichen Zugang Österreichs Fußball weitergeholfen hat und auch in Zukunft weiterhelfen würde. Deswegen will ich ihn an den ÖFB binden. Wir haben noch etliche Fragen zu klären, diese inhaltlichen Fragen sind viel wichtiger als der Zeitpunkt der Verkündung: Die Qualität der Einigung ist das Wichtigste.