Italien mit zwei Titeln vor dem Zweiten Weltkrieg

Ein Vierteljahrhundert wurde für die Durchführung eines ersten Fußball-Weltturniers gekämpft. Die letztlich unaufhaltsame Idee setzte sich trotz vieler globalen Krisen durch.
WM-Geschichte des Fußballs in sechs Teilen.
Teil 1: 1930 bis 1938
Die erste Fußball-WM 1930 in Uruguay: Weltmeister Uruguay. Angesichts des geringen Interesses der europäischen Verbände an einer Teilnahme an der ersten WM in Uruguay waren bei diesem Turnier zum einzigen Mal in der Geschichte der Fußball-WM keine Qualifikationsspiele nötig. Die einzigen vier europäischen Länder – Frankreich, Belgien, Rumänien und Jugoslawien – wurden in die vier Gruppen der Vorrunde gestellt, wo sie also durchwegs auf amerikanische Konkurrenten trafen. Weil das neuerbaute Centenario-Stadion erst im Verlauf der Vorrunde fertiggestellt wurde, fand die erste Partie der WM in Gruppe D zwischen den USA und Belgien im Estadio Pocitos in Montevideo statt. Dabei setzten sich die US-Amerikaner, die kurz vor der WM noch kurzfristig sieben schottische Spieler eingebürgert hatten, klar mit 3:0 durch. Die weiteren Vorrundenspiele wurden im Parque Central ausgetragen, bis nach fünf Tagen endlich im Centenario mit der Partie zwischen Uruguay und Peru das eigentliche Eröffnungsspiel stattfand.

Traumkulisse
Vor geschätzten 100.000 Zuschauern, die fehlenden Sicherheitsvorkehrungen lassen keine genaue Besucherzahl zu, setzten sich die Gastgeber mit viel Mühe mit 1:0 durch, wobei der Treffer zudem mit dankbarer Unterstützung von Peru-Goalie Padron zustande gekommen war. Für die einzige faustdicke Überraschung in der Vorrunde sorgte Jugoslawien, das in Gruppe B gleich im ersten Spiel gegen die mitfavorisierten Brasilianer mit 2:1 gewann und nach einem 4:0 gegen Bolivien den Gruppensieg und damit den Einzug ins Semifinale fixieren konnte. In Gruppe C und D zogen Gastgeber Uruguay und die USA mit zwei weiteren Siegen ohne einen Gegentreffer ins Semifinale ein.
Bis zuletzt spannend verlief der Kampf um den Gruppensieg in Gruppe A, der einzigen Vierergruppe. Argentinien und Chile hatten ihre beiden ersten Partien gegen Frankreich und Mexiko gewonnen und trafen im letzten Spiel der Vorrunde im Centenario aufeinander. Vor 45.000 Zusehern entwickelte sich eine dramatische Partie: Nach zwei Toren von WM-Torschützenkönig Stábile sorgte Chile-Goalgetter Subiabre mit seinem vierten WM-Treffer für den Anschluss. Kurz vor der Pause kam es dann nach Foul und Revanchefoul zu einer Massenschlägerei – in Südamerika damals nicht unüblich. Der belgische Referee Langenus, der später auch das Finale leitete, beendete das Gerangel diplomatisch mit dem vorzeitigen Pausenpfiff. Nach dem dritten Tor der Argentinier war die Partie entschieden. Extrem einseitig verliefen dann die beiden Semifinalspiele: Sowohl Argentinien als auch Uruguay setzten sich jeweils klar mit 6:1 durch. Im Spiel der Argentinier gegen die USA erlitt Mittelläufer Raphael Tracey einen Beinbruch, spielte dennoch bis zur Pause durch, weil Spieler damals nicht ersetzt werden durften. Nach zwei weiteren Verletzungen waren die US-Boys chancenlos und kassierten Tor um Tor.

Traumfinale
Im Spiel des zweifachen Olympiasiegers Uruguay gegen Jugoslawien gingen die Mannen vom Balkan überraschend in Führung und hielten lange gut mit, ehe sich die Celeste, auch dank dreier Tore von Pedro Cea, noch klar durchsetzen konnte. Damit stand das von allen Fußballfans in Südamerika erhoffte Traumfinale fest, die Neuauflage des olympischen Finales von 1928. Das Finale am 30. Juli fand vor offiziell 68.346 (inoffiziell ca. 100.000) Zuschauern statt, hielt von Beginn an, was es versprochen hatte, und bot technisch hochstehenden Kombinationsfußball. Zunächst bestimmte die Albiceleste das Geschehen, aber Uruguay ging durch Dorado in Führung. Den Argentiniern gelang der sofortige Ausgleich, und sie drehten noch vor der Pause mit dem achten Turniertreffer von Guillermo Stábile die Partie. In der zweiten Halbzeit sorgten aber die Gastgeber aber durch drei weitere Tore von Cea, Iriarte und Castro innerhalb von 20 Minuten für klare Verhältnisse und sicherten sich damit den ersten WM-Titel.
Die zweite WM 1934 in Italien: Weltmeister Italien. Trotz aller anfänglichen Probleme war die Erstauflage der WM 1930 ein so großer Erfolg, dass sich vier Jahre später bereits 32 Länder um eine Teilnahme bewarben, sodass eine Qualifikation nötig war, bei der sich alle Favoriten durchsetzen konnten. So fehlten unter den 16 Endrundenteilnehmern nur zwei „Große“: England verzichtete angesichts der nach wie vor kritischen Distanz zur FIFA, und Titelverteidiger Uruguay zog sich als „Retourkutsche“ für die Nicht-Teilnahme der Italiener 1930 zurück.
Propaganda-WM
Den Zuschlag für die Austragung der Endrunde erhielt Italien, dessen faschistisches Regime die Veranstaltung propagandistisch nutzen wollte. Dafür wurden in Florenz, Neapel und Turin drei hochmoderne Stadien errichtet. Als Modus wählte die FIFA diesmal das K.-o.-System, sodass das Turnier gleich mit dem Achtelfinale begann, für das acht Nationen bei der Auslosung gesetzt wurden, darunter die großen Favoriten Brasilien, Italien, Österreich und Ungarn, die sich aber auf dem Weg ins Finale bereits begegnen sollten. Auf der anderen Seite des Rasters blieben noch die CSSR und Deutschland.
Im Achtelfinale setzten sich alle Favoriten bis auf eine Ausnahme durch: Brasilien verlor gegen extrem effiziente Spanier, die im Weltklassetormann Zamora zudem einen starken Rückhalt hatten, mit 1:3, obwohl die Südamerikaner die ganze Partie hindurch mit Spielwitz und technischer Brillanz dominiert hatten, aber an ihrer Abschlussschwäche gescheitert waren. Probleme hatten auch die Mitfavoriten CSSR (2:1 gegen Rumänien) und Österreich, das gegen Frankreich in die Verlängerung musste. Dort setzten sich Sindelar und Co., die nicht mehr den Glanz der glorreichen Wunderteam-Zeiten auf den Platz brachten, knapp mit 3:2 durch.
Favoritensiege gab es im Viertelfinale: Deutschland (2:1 gegen Schweden), die CSSR (3:2 gegen die Schweiz) und Österreich (2:1 gegen Ungarn) zogen ins Semifinale ein. Der vierte Teilnehmer sollte zwischen Italien und Spanien ermittelt werden. Die Partie der beiden südeuropäischen Teams war an Dramatik kaum zu überbieten. Die anfangs dominierenden Spanier gingen in Führung und mussten knapp vor der Pause den umstrittenen Ausgleich hinnehmen. In der zweiten Hälfte rannten die Italiener unentwegt an, aber Zamora hielt seinen Kasten mit schier unglaublichen Paraden sauber. Auch die Verlängerung brachte keine Entscheidung, sodass tags darauf ein Wiederholungsspiel nötig wurde, bei dem die Iberer auf Zamora verzichten mussten. Wieder taten sich die Italiener schwer, bekamen aber Unterstützung vom schwachen Schiedsrichter Mercet. Der Schweizer benachteiligte die Spanier permanent, verweigerte ihnen zumindest zwei Elfmeter, übersah Tätlichkeiten und erkannte auch den entscheidenden Treffer von Meazza an, obwohl dem mehrere Fouls vorangingen.

Typisch
Der Heimvorteil kam dann auch im Semifinale zum Tragen, als Italien gegen Österreich durch ein irreguläres Tor mit 1:0 gewann. Allerdings mussten sich die Österreicher den Vorwurf gefallen lassen, dass sie die nach den zwei Spanien-Spielen sehr defensiv agierenden Italiener mit ihrem technisch feinen, aber viel zu behäbigen Spiel kaum einmal in Bedrängnis hatten bringen können. Im zweiten Semifinale setzte sich die CSSR dank dreier Treffer von Torjäger Nejedly klar mit 3:1 durch. Nach einem 3:2-Sieg Deutschlands gegen Österreich im Kampf um den dritten Platz fand am 10. Juni in Rom das Finale der Gastgeber gegen die CSSR statt. Vor 55.000 Zuschauern entwickelte sich eine ausgeglichene Partie, in der die Tschechoslowaken in der torlosen ersten Halbzeit aber leichte Vorteile hatten. Nach dem Wiederanpfiff schien die schon gegen Spanien erfolgreiche körperbetonte und nach und nach rüde Spielweise der Italiener, die vom bis dahin guten Schiedsrichter Eklind toleriert wurde, den Gegner einzuschüchtern. Aber dann ging die CSSR aus einem Konter durch Puc in Führung, und nur mit Glück retteten sich die Gastgeber durch das 1:1 von Orsi neun Minuten vor dem Ende in die Verlängerung, in der sie die größeren Reserven mobilisieren konnten und durch Schiavio das entscheidende 2:1 erzielten. Wie schon 1930 hatten sich die Gastgeber also auch bei der zweiten WM durchgesetzt.
Die dritte WM 1938 in Frankreich: Weltmeister Italien. Im Vorfeld der dritten WM 1938, die Jules Rimet gerne schon 1937 im Rahmen der Weltausstellung in Paris durchgeführt hätte, zogen die südamerikanischen Verbände ihre Nennungen zurück, weil ihnen ursprünglich zugesagt worden war, das Turnier abwechselnd mit Europa auszutragen. So traten letztlich nur Brasilien, Kuba und Niederländisch-Indien in Frankreich an, wo Titelverteidiger Italien und die Gastgeber gesetzt waren. Aus Europa hatten die Engländer wieder keine Nennung abgegeben, und die favorisierten Jugoslawen waren überraschend an Polen gescheitert. Auch ein anderer Mitfavorit war nicht dabei: Nachdem sie sich bereits 1937 für die WM qualifiziert hatten, mussten die Österreicher wegen des Anschlusses an Nazi-Deutschland auf ein Antreten in Italien verzichten.

Knockout-Spiele
Der K.-o.-Modus wurde schließlich auch bei dieser WM beibehalten, sodass die WM-Spiele gleich mit dem Achtelfinale begannen. Schon die erste Partie brachte eine Überraschung, als die Schweiz gegen die großdeutsche Mannschaft 1:1 spielte, sich im Wiederholungsspiel aber mit 4:2 durchsetzte. Überraschend war auch das 3:0 von Co-Favorit CSSR gegen die Niederlande, das erst in der Verlängerung fixiert wurde. Einen wahren Schlagabtausch lieferten sich Brasilien und Polen: Nach 90 Minuten stand es 4:4, ehe Torjäger Leónidas mit seinen Toren drei und vier für das 6:4 sorgte, das Polens Goalgetter Willimowski mit seinem vierten WM-Treffer beantwortete; letztlich war das aber zu wenig.
Im Viertelfinale gab es klare Siege von Ungarn (2:0 gegen die Schweiz), Schweden (8:0 gegen Kuba) und Italien (3:1 gegen Frankreich). Für Dramatik sorgte wieder Brasilien: In einer überharten Partie musste Schiedsrichter Hertzka hart durchgreifen und stellte gleich zwei Brasilianer und einen CSSR-Spieler vom Platz. Nach zwei Toren von Leónidas und Nejedly ging es in die Verlängerung, die keine Entscheidung brachte, obwohl Torhüter Plánicka einen Armbruch erlitten hatte. Mit neun neuen Spielern bestritten die Brasilianer das Wiederholungsspiel, und diese frischen Kräfte waren nach 0:1-Rückstand zur Pause in der zweiten Hälfte für die Wende verantwortlich. Leónidas und Roberto sorgten für die Entscheidung.
Im Semifinale bezog Schweden eine herbe 1:5-Schlappe gegen Ungarn, wobei Újpest-Stürmer Zsengellér drei Treffer erzielte. In der zweiten Partie um den Finaleinzug traf Italien auf Brasilien. Der Titelverteidiger wurde schon vor dem Anpfiff favorisiert, rückte dann aber noch mehr in diese Rolle, als Brasilien-Star Leónidas nicht auf das Spielfeld lief, sondern verletzt auf die Tribüne humpelte. Seine Kollegen der Seleção spielten zwar technisch gefällig, kamen aber kaum gefährlich vor das italienische Tor. Die Mannschaft von Pozzo wurde von dessen verlängertem Arm auf dem Spielfeld Meazza hervorragend gelenkt und ging nach der Pause durch Colaussi und Meazza selbst 2:0 in Führung; den Spielern vom Zuckerhut gelang nur noch kurz vor Schluss durch Romeu das 1:2.
Kein Abtasten
Im Spiel um Platz drei setzte sich Brasilien dann mit 4:2 gegen Schweden durch, wobei die Skandinavier bis kurz vor der Pause noch mit 2:0 geführt hatten. Auch zu Beginn von Halbzeit zwei dominierten die Schweden und schienen die Brasilianer zu entzaubern, nachdem diese auch einen Elfmeter verschossen hatten. Schließlich war es der wieder genesene Leónidas, der für die Wende sorgte. Fast eine Stunde wurde er vom schwedischen Hünen Linderholm perfekt bewacht, ehe er sich immer öfter aus der Spitze zurückfallen ließ und dann seine Schnelligkeit und Wendigkeit zu seinen WM-Toren sieben und acht nutzte und die Basis für das 4:2 legte.
Das Finale begann ohne großes Abtasten; es wurde deutlich, dass beide Teams Weltmeister werden wollten. So konterten die Ungarn der frühen italienischen Führung durch Colaussi nur zwei Minuten später mit dem Ausgleich durch Titkas. Zwei weitere Tore der Azzurri durch Piola und wieder Colaussi noch vor der Pause bedeuteten keineswegs die Entscheidung. Die Ungarn setzten nach dem Seitenwechsel voll auf Angriff, überstanden dabei mehrere Konter der Italiener und sorgten durch Sárosi in der 70. Minute doch noch für den Anschlusstreffer.
Nun warfen sie alles nach vorne, aber mit Abgeklärtheit und Ruhe ließen Meazza und Co. keinen weiteren Treffer zu, sondern sorgten vielmehr mit dem 4:2 durch Piola für die Entscheidung. Die dritte WM hatte damit also bereits eine erste erfolgreiche Titelverteidigung gebracht.
Von Otto Schwald