Brasilien erst in Tränen der Trauer, dann der Freude

In den Nachkriegsjahren hatten die Weltmeisterschaften erstmals auch gesellschaftlich große Auswirkungen. Besonders der Titel Deutschlands 1954 veränderte vieles.
WM-Geschichte des Fußballs in sechs Teilen.
Teil 2: 1950 bis 1958
Die vierte Fußball-WM 1950 in Brasilien: Weltmeister Uruguay. Nachdem wegen des Zweiten Weltkriegs weder 1942 noch 1946 der sogenannte „Weltpokal“ hatte ausgetragen werden können, kam es 1950 nach 12-jähriger Unterbrechung quasi zu einem Neustart dieses Turniers, das nun auch offiziell als „Weltmeisterschaft“ bezeichnet wurde und in einem neuen Modus durchgeführt werden sollte. Einziger Kandidat für die Austragung war Brasilien, wo der Krieg wenig Spuren hinterlassen hatte und der Fußballbetrieb ungehindert fortgeführt worden war. Daher galten die Gastgeber auch als die ganz großen Favoriten. Das neuerbaute Maracanã-Stadion in Rio sollte mit einem Fassungsvermögen von 200.000 Zuschauern die imposante Kulisse beim erwarteten brasilianischen Triumph werden. Als zweiter Titelkandidat wurde England gehandelt, auch wenn das Mutterland des Fußballs zum ersten Mal an einer WM teilnahm.
Turniermodus
Um die teilnehmenden Länder gab es nach der Qualifikation einige Diskussionen, da drei Qualifizierte (Schottland, Türkei, Indien) kurzfristig verzichteten. Die verbleibenden 13 Nationen wurden in vier Gruppen eingeteilt, danach sollten die vier Gruppensieger in einer Vierergruppe im Turniermodus den Weltmeister ausspielen. Die Vorrunde verlief bis auf eine Ausnahme programmgemäß. Brasilien setzte sich in Gruppe 1 nach einem überraschenden 2:2 gegen starke Schweizer im entscheidenden Gruppenspiel mit 2:0 gegen Jugoslawien durch und qualifizierte sich für die Finalrunde. Gruppe 2 brachte die große Sensation, als Mitfavorit England gegen die USA 0:1 verlor und nach einem weiteren 0:1 gegen Spanien vorzeitig ausschied. In Gruppe 3 setzte sich Schweden gleich zum Auftakt überraschend gegen Titelverteidiger Italien durch und holte sich den Sieg in dieser Dreiergruppe. In Gruppe 4 gab es nur die Partie zwischen Uruguay und Bolivien, das der Ex-Weltmeister deutlich gewann (8:0).

Surreale Zuschauerzahlen
In die Finalrunde startete Top-Favorit Brasilien vor 155.000 Fans mit einem 7:1 gegen Schweden, wobei Torjäger Ademir insgesamt vier Mal traf. Uruguay und Spanien trennten sich mit 2:2. Auch in der zweiten Partie gegen Spanien zündeten die Brasilianer ein Feuerwerk, gewannen locker mit 6:1, während sich Uruguay zu einem 3:2 gegen Schweden mühte, das Mittelstürmer Óscar Míguez erst in der letzten Viertelstunde mit zwei Toren fixierte.
Während Schweden durch ein 3:1 gegen Spanien den dritten Schlussrang belegte, wurde im Duell der beiden südamerikanischen Teams der neue Weltmeister ausgespielt.
Nach dem bisherigen Verlauf des Turniers gab eigentlich niemand Außenseiter Uruguay eine Chance auf den Titel; zu dominant waren die Brasilianer vor allem in der Finalrunde aufgetreten. Unter dem Jubel der Fans führte Schiedsrichter Reader (ENG) die Seleção und die Celeste ins Maracanã-Stadion, wo offiziell 199.854 Zuschauer auf den Anpfiff warteten. Manche von ihnen hatten auf dem Schwarzmarkt umgerechnet 500 Euro, etwa der Jahresverdienst eines brasilianischen Durchschnittsverdieners, bezahlt.
Spiel kippte
Das Spiel entwickelte sich wie erwartet, die Brasilianer, denen bereits ein Remis zum Titelgewinn reichte, dominierten nach Belieben, kamen aber gegen die engmaschige Verteidigung der „Urus“ nicht zum Abschluss. Zudem ging der Schachzug des uruguayischen Coachs Juan López auf, Spielmacher Zizinho von Andrade bewachen zu lassen; damit fehlte den Brasilianern der Spielgestalter. Nach einem 0:0 zur Pause sorgte Friaca nach Wiederanpfiff dennoch für die brasilianische Führung, und der Jubel kannte keine Grenzen. Danach agierten die Gastgeber weiter unnötig offensiv, was Superstar Schiaffino in der 66. Minute mit dem 1:1 bestrafte.
Das Tor war nicht nur für die Fans ein Schock, sondern auch für die Spieler. Plötzlich lief nichts mehr zusammen, Uruguay wurde stärker, kam zu Chancen und sorgte zehn Minuten vor Schluss durch Ghiggia für das 2:1. Die letzten verzweifelten Versuche der heimischen Stars wurden abgewehrt, und so endete die WM mit einer ausgewachsenen Sensation, die eine ganze Nation zum Weinen brachte und als Maracanaço in die Geschichte einging.

Die fünfte WM 1954 in der Schweiz: Weltmeister Deutschland. Mit der Schweiz erhielt eines der FIFA-Gründungsmitglieder den Zuschlag für die WM 1954. Insgesamt 45 Länder (sieben allerdings zu spät) meldeten für diese WM, bei der die Gastgeber und Titelverteidiger Uruguay gesetzt waren. Einzige „große“ Nationen, die in der Qualifikation auf der Strecke blieben, waren Spanien, das nach drei Spielen gegen die Türkei durch Losentscheid zuschauen musste, und der WM-Dritte Schweden, der an Belgien scheiterte. Als die Teilnehmer schließlich feststanden, wurde gleich spekuliert, wer die besten Aussichten auf den Titel hätte. Top-Favorit war Ungarn, der Olympiasieger von 1952 und erster Sieger einer kontinentalen Mannschaft auf englischem Boden (6:3 im November 1953).
Bei der Endrunde wurde dann das Reglement neuerlich geändert, und zwar auf eine in manchen Bereichen nicht durchschaubare Weise. Die 16 Teams wurden in vier Gruppen gelost, wobei jeweils zwei Mannschaften gesetzt waren, die dann in der Vorrunde, genauso wie die beiden ungesetzten, nicht gegeneinander antreten mussten.
Bei Punktegleichheit entschied nicht das Torverhältnis, vielmehr wurde ein Entscheidungsspiel ausgetragen. Das betraf letztlich in Gruppe 2 die Türkei (die gegen Deutschland 2:7 verlor) und in Gruppe 4 Italien (das gegen die Schweiz 1:4 verlor). Die Paarungen für das Viertelfinale wurden als Kreuzspiele der Gruppen 1 und 2 bzw. 3 und 4 festgelegt. In Gruppe 1 siegte Brasilien vor Jugoslawien; nach dem 1:1 der beiden Teams entschied die Setzliste für die Südamerikaner. Gruppe 2 hatte mit Ungarn einen großen Favoriten, der sich mit zwei klaren Siegen – 9:0 gegen Südkorea und 8:3 gegen Deutschland – auch den Gruppensieg holte. Deutschlands Teamchef Sepp Herberger hatte dabei allerdings bewusst eine B-Mannschaft eingesetzt, um die Stars für das Play-off gegen die Türkei zu schonen.
In Gruppe 3 waren Weltmeister Uruguay und Mitfavorit Österreich gesetzt, beide gewannen ihre Spiele jeweils ohne Gegentor. Warum Österreich (6:0) vor Uruguay (9:0) klassiert wurde, ist bis heute ein Rätsel. In Gruppe 4 hatte England trotz eines dramatischen 4:4 nach Verlängerung gegen Belgien die Nase vorn, während Italien gegen die Schweiz mit 1:2 verlor und auch im Entscheidungsspiel als Verlierer vom Platz ging.

Legendäre Torflut
Die Viertelfinal-Duelle brachten dann eine wahre Torflut: Österreich besiegte die Schweiz in einer dramatischen Partie nach 0:3-Rückstand noch mit 7:5, wobei Wagner drei Tore erzielte. Im Parallelspiel setzte sich Uruguay gegen England mit 4:2 durch; der Weltmeister von 1950 setzte sich vor allem dank seines Stars Schiaffino durch. Die beiden Kreuzspiele der Gruppen 1 und 2 endeten mit Siegen für Ungarn (4:2 gegen Brasilien) und Deutschland (2:0 gegen Jugoslawien). Ungarn musste zwar auf seinen verletzten Star Ferenc Puskas verzichten, aber Hidekuti, Kocsis und Co. waren gegen die Südamerikaner nie in Gefahr. Der eher überraschende Sieg der Deutschen war vor allem der mannschaftlichen Geschlossenheit zu verdanken.
Im Semifinale setzten sich die nun auch in der Offensive starken Deutschen gegen Österreich klar mit 6:1 durch, während Ungarn gegen Titelverteidiger Uruguay mehr Probleme hatte als erwartet. Hohberg hatte die 2:0-Führung der Magyaren in der Schlussphase egalisiert, in der Verlängerung ließen aber bei den „Urus“ die Kräfte nach und so besiegelten zwei Kocsis-Tore die Niederlage. Auch im Spiel um Platz drei hatten die Südamerikaner das Nachsehen, denn die von Ernst Ocwirk überragend angeführten ÖFB-Kicker setzten sich mit 3:1 durch und finalisierten ihr bis heute bestes WM-Abschneiden. Das Finale im Berner Wankdorf wurde für Deutschland angesichts von 20.000 Schlachtenbummlern fast zu einem Heimspiel.
Diese erlebten aber früh einen Schock, denn nach acht Minuten stand es bereits 2:0 für Ungarn. Der rasche Anschlusstreffer und der Ausgleich in der 18. Minute stellten alles wieder auf Null. In der Folge entwickelte sich eine ausgeglichene Partie mit Chancen hüben wie drüben, allerdings schienen die Deutschen physisch mehr Reserven zu haben und schafften schließlich das „Wunder von Bern“, als Helmut Rahn fünf Minuten vor dem Ende das 3:2 erzielte, dem Ungarn bis zum Abpfiff von William Ling nichts mehr entgegenzusetzen hatte.
In Deutschland wurde der Titelgewinn, der neun Jahre nach Kriegsende wie eine Befreiung wirkte, später zur inoffiziellen Geburtsstunde der Bundesrepublik hochstilisiert.

Die sechste WM 1958 in Schweden: Weltmeister Brasilien. Vier Jahre später wurde auch die nächste WM wieder in Europa ausgetragen, Schweden war der einzige Bewerber gewesen. 53 Meldungen zeigten, dass dieses Turnier nun wirklich in der ganzen Welt angekommen war. In der europäischen Qualifikation setzten sich überraschend zwei britische Teams gegen die höher eingeschätzten Mannschaften von Italien (gegen Nordirland) und Spanien (gegen Schottland) durch. Dabei hatten die Italiener mit ihren in Südamerika gekauften Stars Ghiggia und Schiaffino im Vorfeld sogar als Titelaspirant gegolten. Noch größer war die Enttäuschung in Uruguay, wo der zweifache Weltmeister an Paraguay scheiterte. In der Asien/Afrika-Zone weigerten sich alle islamischen Länder, gegen Israel anzutreten, das im Play-off aber an Wales scheiterte. Damit war das United Kingdom mit allen vier Verbänden bei der Endrunde dabei. Nach dem Umbruch bei den Finalisten von 1954 wurden diesmal andere als Favoriten gehandelt, vor allem Südamerika-Meister Argentinien und Brasilien, aber auch Jugoslawien und England sowie als gefährliche Außenseiter Schweden und Frankreich.
Der Modus von 1954 wurde übernommen, allerdings gab es diesmal keine Setzliste, sodass in den vier Gruppen jeder gegen jeden spielte. Unverständlich war nur, dass bei Punktegleichheit ohne Blick auf die Tordifferenz wieder ein Entscheidungsspiel auszutragen war. In den Gruppenspielen setzten sich praktisch alle Favoriten durch, einzig die höher eingeschätzten Teams von England (0:1 gegen die UdSSR), Ungarn (1:2 gegen Wales) und der CSSR (1:2 n. V. gegen Nordirland) waren jeweils in Entscheidungsspielen gescheitert. Österreich wurde bei der letzten WM für 20 Jahre nur Letzter der Gruppe 4, hatte allein gegen England (2:2) einen Punkt geholt. Ebenfalls Gruppenletzter wurde nach Niederlagen gegen Deutschland (1:3) und die CSSR (1:6) Co-Favorit Argentinien.

Starke Schweden
Im Viertelfinale feierten Deutschland (gegen Jugoslawien) und Brasilien (gegen Wales) knappe 1:0-Siege. Überzeugender waren die Schweden, die der Sowjetunion beim 2:0 keine Chance ließen, und vor allem Frankreich, das mit Just Fontaine den Top-Torjäger der WM in seinen Reihen hatte und gegen Nordirland mit 4:0 gewann. Im Semifinale kam es im Ullevi-Stadion zur denkwürdigen „Schlacht von Göteborg“ zwischen Schweden und Deutschland. Einpeitscher machten schon vor dem Spiel Stimmung gegen die Deutschen, die sich aber weder von den Buh-Rufen noch von den stark aufspielenden Gastgebern beeindrucken ließ. Aus Kontern setzte die Herberger-Elf mehrfach Nadelstiche und ging auch 1:0 in Führung. Nach dem Ausgleich griff der ungarische Schiedsrichter István Zsolt mit mehreren Fehlentscheidungen zu Ungunsten der Deutschen maßgeblich ins Spiel ein und benachteiligte die Deutschen. Als in der zweiten Hälfte Verteidiger Juskowiak nach einem Revanchefoul ausgeschlossen wurde, kippte die Partie endgültig auf die Seite der schon zuvor überlegenen Schweden, die in den letzten zehn Minuten die entscheidenden Tore zum 3:1 erzielten.
Im zweiten Semifinale traf Brasilien, bisher noch ohne Gegentor, auf Frankreich, das bereits 15 Treffer erzielt hatte. Lange hielten die starken Franzosen in diesem packenden Spiel mit, der Widerstand brach erst, als sich Kapitän Robert Jonquet nach einer halben Stunde das Bein brach und nach damaligem Reglement nicht ersetzt werden durfte. Nun begannen die Brasilianer zu zaubern, vor allem das 17-jährige Supertalent Pelé spielte groß auf und erzielte innerhalb von 25 Minuten einen lupenreinen Hattrick. Nach dem klaren 5:2-Sieg wurden die Brasilianer nun im Finale favorisiert.
Endlich der Titel. Im Spiel um Platz drei setzte sich Frankreich mit einem überzeugenden 6:3 gegen Deutschland durch, aber alle interessierte nur noch, ob Brasilien endlich den Coupe Jules Rimet in Händen halten würde. Noch stand dem aber Gastgeber Schweden im Weg, der im Finale schnell auch in Führung ging. Dann schlug aber die große Stunde der brasilianischen Offensivformation Garrincha – Didi – Vavá – Pelé – Zagallo, die endlich zeigte, zu welchem Zauberfußball sie imstande war: Noch vor dem Pausenpfiff drehte Vava mit zwei Toren die Partie, und Pele steuerte nach dem Seitenwechsel zwei weitere zum 5:2-Sieg bei. Damit feierte die Seleção jenen Triumph, den sie acht Jahre zuvor schon zum Greifen nahe gehabt hatte.
Von Otto Schwald