Sport

„Erfolge sind Balsam auf der Seele“

29.05.2026 • 21:40 Uhr
Hypomeeting 2026
Leo Neugebauer (l.) mit seiner Trainerin Beatrice Mau-Repnak.Jochen Dedeleit

Beatrice Mau-Repnak coacht den deutschen Zehnkampf-Star Leo Neugebauer an diesem Wochenende in Götzis. Die 55-Jährige stellte ihre Siebenkampf-Bestleistung 1994 an ebendiesem Ort auf. Für viele Experten ist der 25-jährige Weltmeister und Olympia-Zweite der nächste Athlet, der die 9000 Punkte übertreffen kann – vielleicht schon heuer im Mösle-Stadion?

Er machte nicht mehr den ganz lockeren Eindruck, wie einst bei seinen vielbeachteten Auftritten, etwa bei den Olympischen Spielen in Paris, wo Leo Neugebauer Selfies mit seinen Fans machte und für sonstige Sonderwünsche stehenblieb und mit seinen Anhängern plauderte. „Nein, das haben wir ihm nicht sagen müssen, das hat er schon selbst gemerkt, dass er sich mehr auf seine eigentlichen Aufgaben fokussieren sollte. Das hat Energie gekostet“, meinte Beatrice Mau-Repnak und lachte. Wahrscheinlich musste sie lachen, weil sie selbst kurz zuvor einen Schnappschuss mit dem Weltmeister und Olympia-Zweiten machte und den Augenblick festhalten wollte. Den Augenblick, wo die Bundestrainerin für den Zehnkampf im Deutschen Leichtathletik-Verband mit Neugebauer vor dem Weltklassemeeting „ihren“ Auftritt hatte. Normalerweise heißt Neugebauers Trainer Jim Garnham, doch der ist in den USA bei NCAA-Meisterschaften unabkömmlich. 2025 war es vor allem Jörg Roos, jetzt Siebenkampf-Bundestrainer, der oft mehr als ein Auge auf den deutschen Shootingstar geworfen hat. Auch heuer sind die Interviewwünsche derart zahlreich, dass viele abgeblockt wurden.

1994 in Götzis

Beatrice „Trixi“ Mau-Repnak, vormals NLV-Mehrkampf-Landestrainerin, die dem Stützpunkt Hannover aber erhalten blieb, dürfte auf ein anstrengendes Wochenende hinsteuern, nicht nur aufgrund der erwähnten Tatsache und der zu erwartenden Hitzeschlacht. „Wir brauchen keine fünf Trainer für diese und jene Disziplin, viele Köche verderben den Brei“, sagt die 55-Jährige, ursprünglich aus Karl-Marx-Stadt, die 1990 die Goldmedaille bei den Juniorenweltmeisterschaften in Plowdiw gewann und 1994 in Götzis (!) ihre Siebenkampf-Bestleistung von 6349 Punkten aufstellte. „Erst Volldampf hier, und das ist dann in Ratingen ebenfalls geplant“, verrät Neugebauer der NEUE. Bei der EM in Birmingham wolle er dann noch einen draufpacken, es ist der Höhepunkt dieses Leichtathletikjahres. „Ich kenne den Burschen schon lange, bei der U18-WM in Nairobi holte er sich Bronze. Wenn er das nicht geschafft hätte, hätten wir ihn heute nicht“, ist die zweimalige deutsche Vizemeisterin überzeugt. „Erfolge sind Balsam auf der Seele, und er war in jungen Jahren doch viel mit seinem Körper beschäftigt“, spricht Mau-Repnak die Wehwehchen an, die ein Mann seiner Statur (2,01 Meter) und diesem Sport zu begegnen hat. Die deutsche Zehnkampf-Legende Frank Busemann kann ein Lied davon singen. In Texas – wo der Deutsche, dessen Vater aus Kamerun stammt, studierte er von 2019 bis 2024 an der University of Texas at Austin im Major Wirtschaftswissenschaft und trat dort für die Texas Longhorns, das Sportteam der Universität, an – habe er zuletzt hart gearbeitet – um alsbald die 9000 Punkte zu knacken? „Das ist etwas, was passiert. Das kannst du nicht planen. Ab der siebten, achten Disziplin siehst du, ob es funktionieren kann und kannst mit dem Rechnen anfangen“, so der in drei Wochen 26-Jährige.
„Wichtig ist, dass er sich in Texas gut aufgehoben fühlt. Er hat seine Collegezeit hinter sich gebracht und macht jetzt als Profi sein Zeugs, mit der Unterstützung seiner Sponsoren“, so Beatrice „Trixi“ Mau-Repnak. „Auch ich als Trainer kann ihn nur unterstützen, den Rest muss er schon selbst machen.“

Für Stuttgart

Neugebauers Stammverein war die Sportvereinigung Stetten, bei der er zunächst Fußball spielte und als Sechsjähriger mit Leichtathletik begann. Entsprechend startete er bis 2023 für die LG Leinfelden-Echterdingen. Seit 2024 tritt er für den VfB Stuttgart an. Den Fußball beendete er mit 15 Jahren, um sich ganz dem Mehrkampf zu widmen. Für viele Experten ist der Deutsche der nächste Zehnkämpfer, der die 9000-Punkte-Marke wird knacken können. Seine Bestleistungen: 10.61 über 100 Meter, exakt acht Meter im Weitsprung, sensationelle (dank seiner Statur) 17,46 im Kugelstoßen, 2,09 im Hochsprung, 47.08 über die Stadionrunde, 14.33 über die Hürden, richtig starke 58,70 mit dem Diskus, 5,30 im Stabhochsprung, 64,34 mit dem Speer und eher gemächliche 4:32.89 über 1500 Meter.

Am 6. Juni 2024 war es, als Neugebauer seinen deutschen Zehnkampfrekord bei den NCAA-Meisterschaften in Eugene (Oregon) um 125 Punkte auf 8961 Zähler steigerte. Es ist dem Hünen durchaus zuzutrauen, diese Marke zu übertreffen. Ob es schon an diesem Wochenende in Götzis so weit sein wird, hängt wie bei jedem Rekord, insbesondere im Zehnkampf, von vielen Faktoren ab. Das „Frühlingswetter“ dürfte die größte Rolle spielen. Und wenn er dieses übersteht, kann es sein, dass ihm ein Gewitter am Sonntag einen Strich durch die Rechnung macht. Was wir nicht hoffen wollen.

Von Jochen Dedeleit