Die „Rübe“ rüttelte Vorarlberg auf

Hans-Peter Martin blickt anlässlich des ersten Alumni-Treffens des BG Dornbirn auf rebellische Schülerzeitungen, verbotene Ausgaben und eine Zeit des Aufbruchs zurück.
Wenn heute Hunderte ehemalige Schüler zum ersten Alumni-Treffen des BG Dornbirn zusammenkommen, werden auch Erinnerungen an eine Zeit wach, in der Schülerzeitungen weit mehr waren als ein Schulprojekt. Einer der bekanntesten Absolventen, der spätere „Spiegel“-Korrespondent, EU-Abgeordnete und Buchautor Hans-Peter Martin, beschreibt diese Jahre in zwei Beiträgen für das Alumni-Buch.
1974 kam Martin nach einem Austauschjahr in Kalifornien ans damalige Realgymnasium Dornbirn. Das Jahr in der Bay Area bei San Francisco bezeichnet er als das „prägendste Jahr meines Lebens“. Zurück nach Bregenz wollte er nicht mehr. Zu präsent waren die Erinnerungen an Lehrer, die Schüler ohrfeigten, an den Haaren zogen oder demütigten. Stattdessen wechselte er nach Dornbirn.

„So kam ich als gefühlter Kalifornier im September 1974 ins Realgymnasium“, so Martin. Lange Haare, internationale Erfahrungen und „kaum noch Respekt vor Pro-Forma-Autoritäten“ hätten ihn von vielen Gleichaltrigen unterschieden. Zwei Wochen nach seinem Wechsel ans Realgymnasium Dornbirn wurde Martin Klassensprecher, kurz darauf Schulsprecher. Die Gegensätze seien dabei klar gewesen: „Die beiden damaligen Blöcke, die Angepassten und die schon Aufgeweckten, sind auch noch nach 50 Jahren bei den Maturatreffen auszumachen“, merkt er an.
„Gruusig unabhängig“
Aus dieser Aufbruchsstimmung entstand die Schülerzeitung „Rübe“. „Als ,gruusig unabhängig‘ bezeichneten wir uns, die Zeitschrift tauften wir ,Rübe‘“, schreibt Martin. Die Zeitung entwickelte sich rasch zu einer Plattform für politische Bildung, Kultur und Kritik am Schulalltag.

Die Redaktion verstand sich als Teil einer Generation, die sich einmischen wollte. „Kritisch sein, sich einmischen, sich wehren, Neues erkunden und beschreiben, das beflügelte uns“, erinnert sich Martin.
Staatspreis
Die „Rübe“ blieb nicht auf das Schulgelände beschränkt. Sie wurde auch im Buchhandel verkauft und entwickelte sich zu einer Vorarlberger Jugendzeitung. 1976 erhielt die Redaktion den ersten österreichischen Staatspreis für Schülerzeitungen. Die Auszeichnung sorgte allerdings für heftige Reaktionen, weil ausgerechnet eine zuvor verbotene Ausgabe prämiert worden war. „Ein Lehrer rief laut ,Sauerei‘, Kollegen liefen Sturm, der Direktor knickte um und protestierte beim Landesschulinspektor“, schildert Martin die damaligen Reaktionen. Die offizielle Preisverleihung wurde schließlich abgesagt. Das Preisgeld erhielt die Redaktion dennoch. Rückblickend bilanziert Martin trocken: „Mit diesem Dünger konnte die ,Rübe‘ jedenfalls bestens gedeihen.“


Aufdecker-Journalismus
Noch größere Aufmerksamkeit erreichte wenig später die Schülerzeitung „Zwiebel“. In mehreren Beiträgen dokumentierten Schüler Missstände am Bundesgymnasium in der Bregenzer Gallusstraße. Berichtet wurde über körperliche Züchtigungen, Demütigungen und autoritäre Unterrichtsmethoden.
Die Veröffentlichungen fanden auch außerhalb der Schulen Beachtung. „Als die ,Neue Tageszeitung‘ über die ,Zwiebel‘ berichtete, hagelte es beleidigte Leserbriefe, doch nie kam es zu den angekündigten Klagen“, schreibt Martin. Die Berichterstattung habe Folgen gehabt: „Zumindest körperliche Züchtigungen waren fortan tabu.“
Für Martin wurden die Schülerzeitungen zum Ausgangspunkt einer späteren journalistischen und politischen Laufbahn. Viele Beteiligte schlugen später Wege in Medien, Politik, Bildung oder Kultur ein. Beim heutigen Alumni-Treffen werden zahlreiche Weggefährten von damals wieder zusammentreffen.
Elf Rüben, zwei Zwiebeln
Die Spuren dieser Jahre sind bis heute erhalten. „Was wir geprägt hatten und was uns prägte, findet sich nun aber noch in so manchen Biographien und in der Landesbibliothek am Fuße des Gebhardsbergs: elf Rüben und zwei Zwiebeln“.
Die Erfahrungen von damals haben ihn bis heute begleitet. Mit einem Satz, der auch als Botschaft an die heutigen Schüler des BG Dornbirn verstanden werden kann, schließt er seinen Rückblick: „Traut Euch was!“
Zur Person
Hans-Peter Martin, Jahrgang 1957, maturierte 1976 am damaligen Realgymnasium Dornbirn. Dort war er Schulsprecher und Mitbegründer der Schülerzeitung „Rübe“, die 1976 mit dem ersten österreichischen Staatspreis für Schülerzeitungen ausgezeichnet wurde. Später arbeitete Martin als Journalist, unter anderem als Korrespondent des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ in Wien und Rio de Janeiro. Von 1999 bis 2014 gehörte er dem Europäischen Parlament an und wurde als Kritiker von Missständen und mangelnder Transparenz in den EU-Institutionen bekannt. Heute ist er als Autor und Publizist tätig.