Ein klingendes Denkmal für die Esterházys

Das Concerto Stella Matutina zeigte in Götzis, warum die Fürstenfamilie zu den wichtigsten Kunstförderern Europas zählt.
In großer Besetzung trat das Concerto Stella Matutina (CSM) in seinen jüngsten Abo-Konzerten in der Kulturbühne AmBach an, um das jahrhundertelange Engagement der Fürstenfamilie Esterházy zu würdigen: Selbst musizierend, komponierend, schreibend oder als kunstsinnige Arbeitgeber wirkend ließen sie an ihren Höfen in Eisenstadt und in Ungarn die Kultur aufblühen. Natürlich wissen wir vom jahrzehntelangen Dienst Joseph Haydns als Kapellmeister, hier lernte man noch einige Komponisten mehr kennen. Mit Ursina Maria Braun hatte CSM eine tolle Solistin dabei, die sich auch als Kammermusikerin und Stimmführerin präsentierte, Thomas Platzgummer wirkte nicht nur als Cellist, Dirigent und übersprudelnder Moderator, sondern auch als Schlagwerker. Wie immer bei CSM gab es nicht nur für die Ohren viel zu entdecken, sondern auch fürs Auge – erfrischend, lebendig, mitreißend, humorvoll!

Barocker Glanz
Franz Schubert und seine schön phrasierte Ouvertüre B-Dur mit langsamer Einleitung und sprudelndem, lebhaft akzentuiertem Allegro-Teil machte den Anfang – Schubert hatte die Sommerferien als Klavierlehrer der talentierten Gräfinnen auf Schloss Zseliz verbracht und in seiner Verliebtheit so manche Annäherungsversuche in die vierhändigen Klavierstücke einkomponiert… Barocken Glanz spiegelte dagegen eine Suite aus „Harmonia caelestis“ von Pál Esterházy: Eine „doppelchörige“ Intrada mit Trompeten und Pauken auf der einen Seite und stolzen Streichern auf der anderen umrahmte ein paar zierliche, kammermusikalisch gefasste Tänze. (Das gleichnamige Buch seines Nachfahren Peter Esterházy sollte jetzt auch endlich mal gelesen werden!) Mit dem von Lucia Krommer gespielten Baryton kam das Lieblingsinstrument des Fürsten Nikolaus I. zum Einsatz, unzählige Baryton-Trios von Joseph Haydn oder wie hier vom Geiger Luigi Tomasini sind überliefert. Im Zusammenspiel von Konzertmeister David Drabek, Lucia Krommer und Thomas Platzgummer am Cello kam der silbrige, obertonreiche Klang des Instruments fein zur Geltung, mit seinem geschnitzten Kopf, dem birnenförmigen Korpus und den je 6 Spiel- und Resonanzsaiten macht es auch optisch viel her!

Wilde Jagd mit strahlender Fanfare
Anton Kraft war der erste Cellist in Haydns Orchester und Solist von dessen zweitem Cellokonzert, wie gut er als Virtuose gewesen sein muss, kann man sich mit seinem eigenen Konzert vorstellen. Ursina Maria Braun, die ihren Babybauch mit einem Hemd im Orangeton ihres Cellos kaschierte, machte es im lebhaften Zusammenspiel mit dem Orchester deutlich: Dramatik, raumgreifende Figuren, Verzierungen und sprechende Artikulation im ersten Satz trafen auf eine ausdrucksstarke, mit langem Atem strömende Romanze. In einem „Kosaken-Rondo“ spiegelten sich Stolz und Galanterie, immer mehr schaukelte sich der Satz zu einer wilden Jagd mit strahlenden Fanfaren und kraftvollen Akkorden empor. Eine Ouvertüre von Joseph Weigl trug mit blubbernden Holzbläsern und zierlichen Figuren ebenfalls die humorvolle Handschrift von Haydn. In Paul Wranitzkys Variationen über „O du lieber Augustin“ wurde das Geheimnis gelüftet, was sich hinter einem „hölzernen Glachter“ verbirgt: nämlich eine Art Xylophon, dessen Klangstäbe auf Stroh gelagert sind und dessen heller Klang gern in der Volksmusik eingesetzt wird und/oder das Knochenklappern eines Skeletts spiegelt. Der Humor kam in diesem morbid ironischen Stück keineswegs zu kurz! Und da in einem solchen Programm ja doch Haydn einen Fixstern bildet, setzten Platzgummer mit seinem körperlichen Dirigat und CSM mit allen Instrumentengruppen die hellwach musizierte, fein ausgeformte Symphonie Nr. 102 an den Schluss des Programms: Mit ihr entfernte man sich von den prächtigen Esterházy-Schlössern, denn Haydn hatte in London seine Meisterschaft als Komponist bewiesen und genoss es, dass man seine (musikalische) Sprache auf der ganzen Welt verstand … Auch die des Witzes, wie CSM mit dem Finale aus der Symphonie „Il distratto“ („der Zerstreute“) zeigte – Kakophonie und selbstverliebte Soli eingeschlossen!
Katharina von Glasenapp