Der schönste Stilbruch der Schubertiade

Andrè Schuen und Daniel Heide wagten mit Thomas Larchers „Unerzählt“ einen seltenen Ausflug in die zeitgenössische Musik und begeisterten
Sicher hörte man bei der Schubertiade zum ersten Mal ein präpariertes Klavier, als Andrè Schuen und Daniel Heide mit dem Zyklus „Unerzählt“ ein Werk von Thomas Larcher in die Mitte ihres Programms rückten, umrahmt von großen Schubertliedern nach Goethe, Schiller und Mayrhofer.
Authentisch und souverän
2018 hat der Südtiroler Bariton Andrè Schuen im Rahmen der Bregenzer Festspiele eine der Hauptrollen in Thomas Larchers beeindruckender erster Oper „Das Jagdgewehr“ verkörpert, der Tiroler Komponist kennt also die Farben und die Qualität von Schuens Stimme, auch seine Bereitschaft, an die Grenzen zu gehen. Textgrundlage sind fragmentarische Miniaturen von W. G. Sebald, dem Autor, der im Allgäuer Ort Wertach – also quasi um die Ecke vom Bregenzerwald – zur Welt kam, mit seiner sprachmächtigen Prosa beeindruckte und viel zu früh bei einem Verkehrsunfall in seiner englischen Wahlheimat starb. Larcher betont in „Unerzählt“ das Fragmentarische, setzt das „Plinius sagt“ wie eine Überschrift, lässt den Sänger deklamieren und sich in weiten Linien verströmen und weitet den Ambitus in beide Richtungen aus. Schwierige Intervalle meistert Schuen mit Leichtigkeit, träumerische oder ironische Farben mischen sich dazu. Auch Pianist Daniel Heide wirft sich voller Leidenschaft in die Klangbilder von Thomas Larcher: abgedämpfte Saiten, Cluster, Obertöne, Materialien, ohrenbetäubende Klanggewitter, die das Röhren der Flugzeugmotoren der abgestürzten Piloten Nungesser und Coli spiegeln, Trommelfeuer und Regengüsse sind in die Partitur eingeschrieben, einmal darf Heide sogar im zarten Duett mit Schuen singen! Das Publikum folgte der Interpretation der Künstler, die den Zyklus bereits auf einer CD von ECM eingespielt haben, mit großer Konzentration und Offenheit. So ein Ausflug in die zeitgenössische Musik ist bei diesem Festival sehr selten, Publikumslieblinge wie Schuen und Heide machen ihn mit ihrer authentischen und souveränen Kunst möglich.
Eingeschworenes Liedduo
Natürlich begeistert das bis hin in die Applauschoreographie so aufeinander eingeschworene Liedduo auch mit Schubert: dem selbstbewusst vorwärts stürmenden „An Schwager Kronos“, das Heide mit straffem Galopp untermalt, folgen die ganz zurückgenommene Wärme von „Freiwilliges Versinken“ und das dunkle Tremolo der „Gruppe aus dem Tartarus“, das direkt in den Larcher-Zyklus übergeht. Wie Konstantin Krimmel hat auch Andrè Schuen Schillers so kontrastreich vertonte „Bürgschaft“ auf dem Programm, mit großer Klarheit in der Deklamation und zahlreichen Farben gestaltet er die wechselvolle Ballade bis zum versöhnlichen Abschluss. Das Programm, das um die komplexen Helden der griechischen Mythologie kreist, fassen die Künstler in berührend facettenreiche Portraits. Noch zweimal sind die Künstler im August und Anfang Oktober mit Zyklen von Brahms und Schumann bei der Schubertiade zu Gast.
Katharina von Glasenapp