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Kleiner Acker mit großer Botschaft

17.07.2026 • 18:30 Uhr
Kleiner Acker mit großer Botschaft
Engagiert: Jürgen Mathis und Martina Jäger. Dietmar Stiplovsek

Wie viel Ackerfläche steht jedem Menschen auf der Erde eigentlich zur Verfügung? Der Weltacker in Hohenems liefert darauf eine anschauliche Antwort und macht globale Zusammenhänge direkt vor der Haustür erlebbar.

Der Weltacker in Hohenems liegt zwischen Bahngleisen und Industriegebiet beim Collini-Areal. Jürgen Mathis, der den außergewöhnlichen Lernort federführend und mit viel Eigeninitiative angelegt hat, sagt: „Vielleicht ist es etwas provokativ, mitten in der Stadt einen Acker zu haben.“ Der Ort erinnere daran, wovon das Leben der Menschen abhängig sei: „Gesunder Boden, die Arbeit der Bäuerinnen und Bauern und die daraus erwachsene Nahrung.“ Die Botschaft des Nachhaltigkeitsbeauftragten des Welthauses Vorarlberg ist eindeutig: „Es geht um jeden Quadratmeter gesunden Boden, den wir nicht versiegeln. Straßen und Aludosen können wir nicht essen.“

Kleiner Acker mit großer Botschaft
Jürgen Mathis und Martina Jäger gaben der NEUE vor Ort Einblick in den Weltacker in Hohenems. Stiplovsek (3)

Die Idee des Weltackers kommt aus Berlin und ist einfach, zugleich aber eindrücklich: Würde die weltweit verfügbare Ackerfläche gerecht auf alle Menschen verteilt, stünden aktuell jedem 2000 Quadratmeter zur Verfügung. Auf dieser Fläche müsste alles wachsen, was ein Mensch zum Leben braucht – von Brot und Gemüse über Tierfutter bis hin zu Baumwolle oder Pflanzen für Treibstoff.

Kleiner Acker mit großer Botschaft

Blick in die Zukunft

Der Weltacker in Hohenems umfasst nur 1500 Quadratmeter. Er zeigt damit bereits die Situation, wie sie im Jahr 2050 aussehen könnte. Durch das Wachstum der Weltbevölkerung, den Verlust fruchtbarer Böden, den Klimawandel und die zunehmende Versiegelung wird jedem Menschen künftig voraussichtlich weniger Ackerfläche zur Verfügung stehen. Der Weltacker in Hohenems ist damit ein Blick in die Zukunft. Dort wachsen zahlreiche Feldfrüchte, die Besucher anschauen, berühren und teilweise auch probieren können. Informationstafeln zeigen außerdem, welche Flächen hinter unserer täglichen Ernährung stehen und wie eng unser Konsum mit globalen Zusammenhängen verknüpft ist.

Kleiner Acker mit großer Botschaft

Möglich macht das Projekt die Firma Collini, die das Grundstück kostenlos zur Verfügung stellt. Das Welthaus Vorarlberg setzte den Weltacker in Hohenems gemeinsam mit dem Bäuerlichen Schul- und Bildungszentrum, dem Vetterhof, BIO Austria Vorarlberg, dem Naturschutzbund Vorarlberg und der Lebenshilfe um, und soll bewusst zum Nachdenken anregen. „Wir haben nicht die Lösung für alle Herausforderungen, sondern versuchen, einen Istzustand zu zeigen und darüber ins Gespräch zu kommen“, führt der 55-Jährige aus.

Welthaus vorarlberg

Das Welthaus Vorarlberg wurde im Oktober 2021 als kirchlicher Verein gegründet und vereint sieben kirchliche Organisationen aus Vorarlberg, die in der internationalen Zusammenarbeit tätig sind. Die Idee dazu entstand bereits 2019 mit dem Ziel, entwicklungspolitische Initiativen innerhalb der Diözese Feldkirch stärker zu vernetzen und gemeinsam Antworten auf globale Herausforderungen wie Klimawandel, Armut und soziale Ungerechtigkeit zu entwickeln. Seit September 2023 hat das Welthaus seinen Sitz in Dornbirn. Die Geschäftsstelle umfasst 1,5 Vollzeitstellen.
Zu den Mitgliedsorganisationen zählen Bruder und Schwester in Not, die Caritas Vorarlberg, die Dreikönigsaktion, Internationale Freiwilligeneinsätze, die Katholische Frauenbewegung Vorarlberg, Plan:g sowie das Werk der Frohbotschaft.
Das Welthaus verfolgt drei zentrale Schwerpunkte: die entwicklungspolitische Bildungsarbeit, um Menschen in Vorarlberg für globale Zusammenhänge und nachhaltige Entwicklung zu sensibilisieren, die Förderung von Nachhaltigkeit und Schöpfungsverantwortung innerhalb der Diözese sowie die Weiterentwicklung der internationalen Zusammenarbeit der Mitgliedsorganisationen. Gemeinsam werden Projekte und Schwerpunkte entwickelt, um globale Verantwortung auch in Vorarlberg sichtbar und erlebbar zu machen. Martina Jäger betont: „Das Welthaus möchte mit seiner Arbeit Menschen ermutigen, globale Zusammenhänge zu verstehen und zeigen, dass jeder und jede von uns Handlungsmöglichkeiten hat.“

Ich kann etwas beitragen

Für Martina Jäger, Bildungsreferentin beim Welthaus Vorarlberg, steht dabei das Erleben im Vordergrund. „Ich wünsche mir, dass die Besucher die Welt mit etwas anderen Augen sehen. Dass sie erkennen, wo unsere Nahrung herkommt, wie kostbar fruchtbarer Boden ist und dass unsere täglichen Entscheidungen Auswirkungen haben.“ Gleichzeitig solle der Weltacker Mut machen: „Ich wünsche mir, dass die Besucher nach Hause gehen mit dem Gefühl: Ich kann etwas beitragen.“

Weltacker Hohenems
Besucher, wie hier eine Schulklasse, werden beim Rundgang aktiv eingebunden.
Bernhard Rogen (3)

Im Mittelpunkt steht dabei der Boden selbst. „Über 90 Prozent unserer Nahrung kommt vom Acker“, betont Mathis. Gleichzeitig gehe weltweit täglich Ackerfläche durch Verwüstung, Versiegelung oder Naturkatastrophen verloren. „Das geht sich für unsere Kinder und Enkelkinder nicht aus.“

Grundlage unseres Lebens

Auch Jäger verweist auf die enorme Bedeutung fruchtbarer Böden: „Gesunder Boden ist die Grundlage unseres Lebens. Er versorgt Pflanzen mit Nährstoffen, speichert Wasser, bindet Kohlenstoff und bietet unzähligen Lebewesen einen Lebensraum. Für uns Menschen ist er die Grundlage für unsere Ernährung und damit für unser Leben. Was wir in kurzer Zeit zerstören, lässt sich nicht einfach ersetzen.“ Was Mathis veranschaulicht: Mit einem Glas Erde in der Hand erklärt er, was Humus ist und warum die Natur rund 2000 Jahre braucht, um gerade einmal zehn Zentimeter davon aufzubauen.

Weltacker Hohenems

Der Weltacker macht zudem deutlich, dass Hunger kein Produktionsproblem ist. Mathis: „Wir produzieren heute schon Lebensmittel für zehn Milliarden Menschen, dennoch haben 800 Millionen Menschen Hunger.“ Der Hunger sei kein Lebensmittelproblem, „wir haben ein reines Verteilungsproblem“. Jäger ergänzt: „Weltweit erzeugen wir genügend Lebensmittel. Die eigentlichen Herausforderungen sind Verteilung, Verschwendung und die Frage, wie wir unsere begrenzten Ressourcen nutzen.“

Weltacker Hohenems

Kein erhobener Zeigefinger

Bewusst verzichtet das Welthaus auf den erhobenen Zeigefinger. „Wir laden Menschen ein, selbst Zusammenhänge zu entdecken und eigene Schlüsse zu ziehen“, erklärt die 41-Jährige. Im Mittelpunkt steht das Konzept des globalen Lernens. „Wir möchten keine fertigen Antworten geben, sondern zum Nachdenken anregen und zeigen, dass wir Teil der globalen Herausforderungen sind, aber auch Teil der Lösungen sein können.“ Schulen, Vereine, Gemeinden und Unternehmen nutzen die Gelegenheit zu informativen Rundgängen durch Getreide, Mais, Reis, Kartoffeln, Gewürze und viele weitere Kulturpflanzen. Die Besucher werden dabei aktiv eingebunden.

Zahlen

11 Prozent der Erdoberfläche (ohne Meere und Antarktis) sind Ackerland. Hinzu kommen rund ein Prozent Dauerkulturen wie Weinreben und Obst. 25 Prozent sind Weiden (dürre wie fette), 31 Prozent sind Wälder und 32 Prozent sind „sonstiges Land“ – vor allem Wüsten, Städte und Strassen sowie Binnengewässer.

2,8 Milliarden Tonnen Getreide wurden 2023 weltweit eingefahren – eine Rekordernte. Als Lebensmittel wurde davon weniger als die Hälfte genutzt. Über ein Drittel wird an Tiere verfüttert

4600 Kilokalorien müssen im weltweiten Durchschnitt auf dem Acker geerntet werden, um 2000 Kilokalorien auf den Teller zu bringen. Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) schätzt, dass 1,3 Milliarden Tonnen oder 32 Prozent aller Lebensmittel verloren gehen.

8 Milliarden Menschen leben auf der Erde. Teilt man die weltweite Ackerfläche gerecht auf alle Menschen auf, bleiben pro Person 2000 Quadratmeter, wo alles wachsen muss.

1,5 Milliarden Schweine werden jährlich weltweit geschlachtet. Neun Quadratmeter Ackerland werden für das Kraftfutter pro Kilogramm Schwein benötigt. Die 2000 Quadratmeter vom Weltacker liefern Futter, um zwei Schweine bis zum üblichen Schlachtgewicht von 115 Kilogramm zu mästen.

Weiterentwickeln

In den kommenden Jahren soll sich der Weltacker als Bildungs- und Begegnungsort weiterentwickeln. „Wir möchten möglichst viele Menschen dafür begeistern“, sagt Jäger. Mathis möchte die Vielfalt der angebauten Pflanzen weiter ausbauen, um die Vielfalt der pflanzlichen Ernährung erfahrbar zu machen. „Es gibt immerhin 30.000 essbare Pflanzen.“ Seine wichtigste Botschaft fasst er so zusammen: „Die Entscheidung zu einem bewusst gewählten einfachen Lebensstil macht dankbar und glücklich.“

Kleiner Acker mit großer Botschaft
Jürgen Mathis und Martina Jäger im Weltacker in Hohenems. Stiplovsek

Der Weltacker in Hohenems ist einer von fünf in Österreich und rund 40 weltweit. Weitere Infos unter „welthaus-vorarlberg.at“.