Oper über eine Welt ohne Nähe

In der neuen Festspiel-Produktion leben Menschen isoliert, betäubt und verkabelt. Die moderne Passion fragt nach Empathie in einer Welt ohne echte Berührung.
Die Bregenzer Werkstattbühne wurde zum Schauplatz für eine von den Festspielen in Auftrag gegebene moderne Passionsgeschichte, die beklemmend wirkt. Der kanadische Librettist und Pulitzer-Preisträger Royce Vavrek hat sie zwar in einer zukünftigen Welt angesiedelt, doch scheint sie in der Inszenierung von Netia Jones unserer Zeit gar nicht so fern zu sein. Der isländische Komponist Daniel Bjarnason, der auch die musikalische Leitung innehat, wurde von den Passionsvertonungen Johann Sebastian Bachs angeregt: Ein „Master of Ceremonies“ führt wie dort ein Evangelist durch die Geschichte: es ist die charismatische Mezzosopranistin Anne Sofie von Otter, die mit ihrer unverwechselbaren Sprech- und Singstimme von der „weinenden Welt“ erzählt.

Ein Opfer
Was in dieser Welt, in der es noch Gefühle, Liebe, Schmerz, Empathie gab, eigentlich passiert ist, bleibt ungewiss. Einer, genannt der Stellvertreter (The surrogate), wird zum Opfer erwählt, er erlebt Schmerz und Folter: Aaron Godfrey-Mayes, der im vergangenen Jahr in der Opernstudio-Produktion von Rossinis „La Cenerentola“ glänzte, begeistert auch hier mit intensivem lyrischem Tenor.

Sehnsucht
Ihm zur Seite ist der „Companion“, ein Bauer, verkörpert von Bariton Jacques Imbrailo. Der sehnt sich nach der Zeit zurück, in der er noch in der Erde graben konnte – die Salatpflanzen, die auf haushohen Regalen den Bühnenraum begrenzen, wachsen in einer Nährlösung. Schließlich gibt es noch „The Alternate“, eine junge Frau (Emma Kajander mit leuchtendem Sopran), die sich an ihren (realen) Geliebten erinnert und sich aus Algorithmen die Idealvorstellung eines Partners geschaffen hat.

Kommentierend, erzählend, manchmal zurückhaltend, manchmal ausbrechend sind die 24 Stimmen des Chors als eine anonyme Gruppe weiß gekleideter, maskenhafter Wesen hinter dem Orchester postiert, Peter Dijkstra hat seinen Chor des Bayerischen Rundfunks auch hier glänzend vorbereitet. Ein kleines Ensemble des Symphonieorchesters Vorarlberg verwirklicht die vielschichtige Musik von Daniel Bjarnason, der immer wieder einmal Bachs Choral „Komm, süßer Tod“ aus den Schemelli-Liedern zitiert und mit eigenen Klängen verbindet. Doch bleibt die Musik wenig haften, zumal sie noch eingebunden ist in einen von Ida Shuften Juhl knackered geschaffenen Raumklang elektronischer Klänge.

In dieser Zukunftsvision sind die Menschen abgekoppelt von ihren Emotionen, vollgepumpt mit betäubenden Substanzen, leben isoliert voneinander in Kästen, sind verkabelt und wenden sich einander kaum zu. Über ihnen flackern Bildschirme mit Darstellungen von Naturkatastrophen, von Algorithmen oder chemischen Elementen. Auch wenn der Chor immer wieder von Freude (Joy) singt, klingt diese Freude zunehmend düster, dumpf, abgeschnitten. Diese Leidensgeschichte ist rätselhaft, geht unter die Haut, wurde mit viel Herzblut erdacht und umgesetzt und ist nach zwei Aufführungen in der Werkstattbühne schon wieder vorbei…
Katharina von Glasenapp