Kommentar

“La traviata” aktueller denn je: Eine Gesellschaft, die im Spiegel bricht

31.07.2026 • 13:10 Uhr
"La traviata" aktueller denn je: Eine Gesellschaft, die im Spiegel bricht
Verdis “La traviata” bei den Bregenzer Festspielen. Rhomberg

Ein Kommentar zur aktuellen Inszenierung von Giuseppe Verdis Oper auf der Seebühne der Bregenzer Festspiele.

Seit mittlerweile 80 Jahren praktizieren die Bregenzer Festspiele eine Kernaufgabe der Kunst: Sie reagieren auf das Zeitgeschehen, kommentieren, provozieren, interpretieren, reflektieren – kurzum, sie halten der Gesellschaft den Spiegel vor. 

Bis dieser zerbricht, so wie in der aktuellen und übrigens äußerst empfehlenswerten Inszenierung von Giuseppe Verdis „La traviata“ auf der Seebühne.

Verdis Drama um Violetta, einer Pariser Kurtisane, die letzten Endes in den Tod gehen muss, steht sinnbildlich für eine Frau, deren gesellschaftliche Stellung sie in ein Korsett zwängt, als Spielball von Männern und aufgrund ihrer Tätigkeiten nicht würdig, an der Seite eines Mannes, in diesem Fall Alfredo, am gesellschaftlichen Aufstieg teilzuhaben. 

Das gehört sich ja wohl nicht, wo kämen wir da hin? Da muss sogar der Vater intervenieren, diese Liaison zwischen den Liebenden im Keim zu ersticken. Um einer Heirat von Alfredos Schwester nicht im Wege zu stehen, der lieben Kinder wegen, damit das Ansehen der Familie nicht schweren Schaden erleidet.

Die Herren sind wieder mal fein raus, mehr noch, in rasender Eifersucht entblößt Alfredo schlussendlich seine „Geliebte“, bevor dann – wenn auch viel zu spät – Einsicht und Reue erfolgt, und sowohl Vater als auch Sohn erkennen, dass ihr falscher Stolz die ihres Standes „Unwürdige“ in den Tod getrieben haben.

Der Spiegel ist zerbrochen, die Verhältnisse haben sich umgekehrt. Tugend, Rückgrat, Rücksicht und Moral finden sich schlussendlich bei jener Person, die sich aufgrund fragwürdiger gesellschaftlicher Konventionen, dem Willen einer patriarchalen Kultur unterordnet und sich opfert. Und obgleich die beiden Herren späte Reue zeigen, Violetta geht in den Tod. 

Verdis Drama ist in der Mitte des 19. Jahrhunderts angesiedelt. Die Bregenzer Inszenierung verlagert das Geschehen in die „Roaring Twenties“. Dreht man das Rad der Zeit weitere hundert Jahre weiter, können wir uns selbst den Spiegel vorhalten. 

Ein Bild darin hat sich nämlich hartnäckig gehalten, auch wenn man(n) es gerne kaschiert: Das Rollenbild der Frau, weit entfernt von Gleichberechtigung, gesellschaftlich und moralisch in der Abhängigkeit des Mannes, Opfer von Altersarmut, Unterdrückung und Gewalt, meist aber unter der Oberfläche, man muss ja den Schein wahren.

Oder um einen Text von legendären Vertretern des deutschen Sprachgesangs zu zitieren: „Wenn der Vorhang fällt, sieh hinter die Kulissen. Die Bösen sind oft gut und die Guten sind gerissen. Geblendet vom Szenario erkennt man nicht, die wahren Dramen spielen nicht im Rampenlicht (Freundeskreis).“

(NEUE Vorarlberger Tageszeitung)