„La traviata“ glänzt im zerbrochenen Spiegel

Nach dem „Freischütz“ setzen die Bregenzer Festspiele bei „La traviata“ wieder stärker auf Emotion, Musik und das tragische Schicksal der Violetta Valéry.
Giuseppe Verdis Meisteroper „La Traviata“ hat alles: Das mitreißende Trinklied, große Arien, sehnsüchtige Duette, dramatische Wendungen und der Tod der Protagonistin machen sie zu einem Lieblingswerk vieler Opernfreundinnen und Opernfreunde. Zum ersten Mal in der 80-jährigen Geschichte der Bregenzer Festspiele steht sie auf dem Programm und das Team um den Dirigenten Kirill Karabits, den Regisseur Damiano Michelietto, den Bühnenbildner Paolo Fantin und die Kostümbildnerin Carla Teti überzeugt in den großen Chorszenen des ersten und des dritten Bilds ebenso wie in den zahlreichen intimen Momenten. Nach dem winterlichen Wimmelbild, das Philipp Stölzl in den vergangenen Jahren aus Webers „Freischütz“ gemacht hat, konzentriert man sich jetzt wieder mehr auf die Oper, die großen Emotionen und das tragische Schicksal der Kurtisane Violetta Valery.

Bühnenbild
Als Sinnbild für die Oper hat der italienische Bühnenbildner Paolo Fantin den zerbrochenen Spiegel gefunden, in dem Violetta schon während des zart schimmernden Orchestervorspiels ihr Leben vorüberziehen sieht.

Spiegelscherben bilden die schräge Spielfläche zum See hin, einzelne Scherben sind als kleine Inseln im „infinity pool“ gelandet, der sich knietief zwischen Tribüne und Seebühne erstreckt. Der hochaufragende geborstene Spiegel wirkt je nach Beleuchtung anders, etwa wie eine verwitterte Baumscheibe mit ihren Jahresringen, oder wie ein Auge, wenn das Zentrum implodiert und sich zuletzt wie von magischer Hand gezogen eine große schwarze Kugel – sinnbildlich für die todbringende Krankheit – herauslöst.

In Videos sieht man auf dem Spiegel Szenen aus dem Leben der kranken Protagonistin – die Untersuchung beim Arzt, einen Schminktisch, Juwelen, ein Fest, ein üppiges Blumenbukett, dessen Farben in Grün und Lila sich über die Bühne ergießen und in den Kleidern von Violetta und ihrer Dienerin fortsetzen.

Licht (Alessandro Carletti) und Video (Roland Horvath) verstärken die Wirkung des Bühnenbilds, das auch andere Spielebenen für das Liebesnest von Violetta und Alfredo oder für den Karnevalszug im letzten Akt bereithält. Zum Fest im dritten Akt hebt sich ein großer roter Ring, aus dem Wasserdampf sprüht und der den effektvollen Rahmen für den Auftritt des Tanzensembles bietet.

Glück und Tragik
Damiano Michieletto und seine Kostümbildnerin Carla Teti lassen die Geschichte in den schillernden 1920er Jahren spielen: Glitzerkleider, Hüte, Federboas, Anzüge dominieren auf der Bühne, gestreifte Badeanzüge, Badekappen. Luftmatratzen und Schwimmringe illustrieren das synchron und musikalisch abgestimmte Wasserballett zu Beginn des ersten Akts (Choreographie Thomas Wilhelm). Denn natürlich muss der See mitspielen, sei es in dieser Tanzszene, sei es in den Auftritten von Alfredo und Giorgio Germont, die durchs Wasser waten, oder Violetta, die auf einer der Spiegelscherbeninseln zusammenbricht.

Dieses Waten wird allerdings reichlich eingesetzt – ist es da ein Wunder, dass Violetta lungenkrank ist? Neben den bunten, effektvollen Szenen gibt es aber auch die intimen Momente der Violetta allein auf der großen Bühne, in den Duetten mit Alfredo – selbst über große Distanzen – oder mit dessen dominantem Vater Giorgio Germont, der sie zwingt, ihren Geliebten zu verlassen. Hier zeigen sich die starken Emotionen der Zerrissenheit zwischen Liebe und Freiheitswillen, überschäumendem Glück und Tragik.

Glänzend besetzt
Verdis „La Traviata“ ist große Oper und musikalisch ist die neue Seebühnenproduktion in ihren großen und zahlreichen kleinen Partien glänzend (und zwei- bis dreifach) besetzt. Kirill Karabits führt die Wiener Symphoniker im Vorspiel und im letzten Akt mit großer Zartheit, ebenso überzeugen die quirlige Energie, das schwärmerische Pulsieren und die dramatischen Höhepunkte etwa beim herzzerreißenden „amami Alfredo“. Die finnische Sopranistin Marjukka Tepponen begeistert am Premierenabend in ihren funkelnden Koloraturen des „Sempre libera“ ebenso wie im zerbrechlichen Pianissimo ihrer Sterbeszene, über die großen Dimensionen hinweg füllt sie die Bühne mit ihrer Persönlichkeit. „Ihr“ Alfredo ist der Franzose Julien Behr, der das Verliebtsein mit warmer Strahlkraft gestaltet und die emotionale Achterbahnfahrt seiner Partie mit zahlreichen Farben ausstattet. Vladimir Stoyanov gibt den Vater Germont, den man ja eigentlich schütteln möchte wegen seines Verhaltens und der doch eine balsamisch strömende Arie zu singen hat. Auf der Bühne und im Festspielhaus glänzen auch der Bregenzer Festspielchor und der Prager Philharmonische Chor.
Katharina von Glasenapp