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Lehre unter Druck: Wirtschaft ringt um zukünftige Fachkräfte

25.08.2026 • 16:07 Uhr
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Digitalisierung und KI verändern laut Gudrun Petz-Bechter zwar die Berufsbilder, machen die praktische handwerkliche Qualifikationen aber nicht überflüssig. Neue

Für die Sicherung von Fachkräften bleibt die Lehre unverzichtbar, verliert bei Jugendlichen aber an Zuspruch. WKV sieht Handlungsbedarf bei Berufsorientierung, Förderung und Unterstützung der Betriebe.

Für viele Vorarlberger Jugendliche beginnt in Kürze mit der Lehrausbildung ein neuer Lebensabschnitt. Es gibt eine Vielzahl von Möglichkeiten, doch die Stimmung in den Unternehmen ist angesichts der wirtschaftlich schwierigen Lage zunehmend getrübt. Gleichzeitig sinkt die Zahl der Jugendlichen, die sich für eine Lehre entscheiden. Ende 2025 gab es in Vorarlberg 6348 Lehrlinge in einem aufrechten Lehrverhältnis. Die Zahl geht jedoch kontinuierlich zurück. Allein von 2024 auf 2025 sank sie um 205 Auszubildende (-3,1 Prozent). Auch der Anteil der 15-Jährigen, die sich für eine Lehre entscheiden (ohne überbetriebliche Ausbildungszentren), ist rückläufig: 2025 waren es laut Wirtschaftskammer Vorarlberg 39,87 Prozent, im Jahr davor noch 44,53 Prozent.

Vielfältige Gründe

Für Gudrun Petz-Bechter, Direktorin-Stellvertreterin der Wirtschaftskammer Vorarlberg, sind die Gründe vielfältig. „Die wirtschaftlich schwierige Lage macht sich auch bei den Lehrbetrieben bemerkbar. Diese reagieren teilweise recht zurückhaltend bei der Einstellung neuer Lehrlinge“, sagt sie. „Vor allem die zu geringe Lehrstellenförderung, die dringend einer Anpassung bedarf, wirkt sich bei kleinen Betrieben, die nur ein bis drei Lehrlinge ausbilden, spürbar aus.“

Gudrun Petz-Bechter
Gudrun Petz-Bechter, Direktorin-Stellvertreterin der Wirtschaftskammer Vorarlberg. wkv

Doch nicht nur die Zurückhaltung der Betriebe bereitet Sorgen. „Auch die Bewerbersituation ist nicht sonderlich gut. Einzig im Gewerbe und Handwerk haben sich genügend Jugendliche auf eine Lehrstelle beworben.“ Viele Unternehmen würden von einer „spürbar veränderten Ausgangslage“ berichten. Motivation und Interesse an einer Lehrausbildung hätten insgesamt abgenommen.

Oft fehlende Grundkompetenzen

Als eine der Herausforderungen nennt die Direktorin-Stellvertreterin die Ausbildungsreife, wie aus einer IBW-Studie (Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft) hervorgeht. „Mehr als 62 Prozent der befragten Unternehmen geben an, kaum Bewerber mit ausreichenden Grundkompetenzen zu finden.“ Besonders häufig genannt wurden dabei Defizite bei mathematischen Grundkenntnissen und beim sinnerfassenden Lesen.

Auch soziale Kompetenzen, Problemlösungsfähigkeit und vernetztes Denken würden vielen Jugendlichen fehlen. Die Anforderungen an die Lehrbetriebe seien dadurch deutlich gestiegen. „Fast 87 Prozent der befragten Unternehmen berichten von einem deutlich höheren Aufwand bei der individuellen Betreuung ihrer Lehrlinge.“ Neben der fachlichen Ausbildung würden soziale Kompetenzen, Persönlichkeitsentwicklung und individuelle Unterstützung immer wichtiger.

Lehrlinge
Die WKV will die Betriebe bei der Lehrlingsausbildung unterstützen. NEUE

Unterstützung von der WKV

Die Wirtschaftskammer will die Betriebe dabei stärker unterstützen. Die Lehrlingsstelle der Wirtschaftskammer führte 2025 insgesamt 744 persönliche Beratungen durch – nach 700 im Jahr davor. Mehr als 596 Beratungen fanden direkt vor Ort in den Betrieben statt. „2026 wurden die Beratung und Unterstützung der Ausbildungsbetriebe weiter intensiviert.“

Geplant beziehungsweise bereits in Umsetzung seien zusätzliche Angebote für kleine und mittelständische Unternehmen (KMU). Diese sollen bei der Suche nach Lehrlingen, bei der Vorbereitung von Interessenten und während des gesamten Ausbildungsprozesses begleitet werden. „Gerade KMU brauchen Unterstützung bei der Akquise von Lehrlingen und bei der Vorbereitung der Jugendlichen auf die Ausbildung.“ Eine im ersten Halbjahr vom Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft durchgeführte Befragung soll die Grundlage für weitere entlastende Projekte bilden.

Ausbildungsverbünde

Eine Möglichkeit für kleinere Unternehmen sieht Petz-Bechter in Ausbildungsverbünden. „Wir unterstützen und vernetzen Betriebe bei der Bildung von Ausbildungsverbünden.“ Dadurch könnten Unternehmen gemeinsam Ausbildungsplätze anbieten oder jene Fachthemen abdecken, die ein einzelner Betrieb nicht selbst vermitteln kann. Auch eine Vereinfachung bürokratischer und administrativer Abläufe sei notwendig. „Das ist ein wichtiger Punkt.“

Lehrlingszahlen 2025

Die Sparte „Gewerbe und Handwerk“ bildet mit 44 Prozent der Lehrlinge die größte Gruppe, gefolgt von den Sparten „Industrie“ (23,2 Prozent) und „Handel“ (10,3 Prozent).
Bei den männlichen Lehrlingen führt der Beruf Metalltechniker mit 796 Auszubildenden die Statistik an. Es folgen Elektrotechniker mit 543 und Kraftfahrzeugtechniker mit 339 Lehrlingen. Bei den weiblichen Lehrlingen liegt die Einzelhandelskauffrau mit 309 Auszubildenden vor der Bürokauffrau mit 150. Auf Platz drei folgt die Metalltechnik mit 110 Lehrlingen.

Stellenwert erhöhen. Gleichzeitig will die Wirtschaftskammer den Stellenwert der Lehre in der Gesellschaft erhöhen. 2025 informierten 51 Ausbildungsbotschafter mehr als 2100 Schülerinnen und Schüler in 84 Schulklassen über die Möglichkeiten einer Lehrausbildung. Dazu kamen 20 Eigenveranstaltungen mit mehr als 21.000 Besucherinnen und Besuchern, darunter die Skills Week, Netzwerktreffen, das Ausbilderforum, die i-Messe, die Verleihung „Ausgezeichneter Lehrbetrieb“ und der Lehrlingshackathon.

Berufsorientierung

Eine zentrale Rolle spielt für die WKV auch die Berufsorientierung in den Schulen. „Berufsorientierung wird zunehmend wichtiger“, so Petz-Bechter. Eine gute Vorbereitung könne Fehlentscheidungen und Lehrabbrüche deutlich reduzieren. Die Wirtschaftskammer unterstützt Schulen unter anderem mit dem Lehrlingsmagazin „Check Check Lehre“. Zudem fordert die Kammer eine stärkere und verpflichtende Verankerung der Berufsorientierung im Unterricht. „Wir sind sehr daran interessiert, dass sich die Berufsorientierung an den wirtschaftlichen Realitäten und Erfordernissen orientiert.“ Zusammenfassend erklärt Petz-Bechter: „Mit unseren Kooperationspartnern Lehre in Vorarlberg, Vorarlberger Volkswirtschaftliche Gesellschaft und BIFO entfalten wir sehr viel Aktivität in den Bereichen Marketing, Wirtschafts- und Persönlichkeitsbildung sowie Berufsorientierung.“

Konkurrenz für die Lehre

Konkurrenz für die Lehre kommt unter anderem von weiterführenden schulischen Bildungswegen. Laut einer von der WKV beauftragten IBW-Studie ist der Anteil der Schülerinnen und Schüler in berufsbildenden höheren Schulen in der neunten Schulstufe in Vorarlberg von 29,3 Prozent im Schuljahr 2015/16 auf 34,5 Prozent im Schuljahr 2024/25 gestiegen. „Immer mehr Jugendliche entscheiden sich für weiterführende schulische Bildungswege“, sagt Petz-Bechter. Gleichzeitig würden in vielen Bereichen Fachkräfte mit praktischer Qualifikation fehlen. „In vielen Ländern wächst die Erkenntnis, dass ein einseitiger Fokus auf akademische Bildungswege zu einem Ungleichgewicht am Arbeitsmarkt führt.“

Entscheidender Faktor

Die Lehre bleibe daher ein entscheidender Faktor für den Wirtschaftsstandort. „Die Lehrlingsausbildung bleibt einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren für den Wirtschaftsstandort Vorarlberg“, betont Petz-Bechter. Sie ermögliche jungen Menschen einen direkten Einstieg in den Arbeitsmarkt und sei ein wichtiges Instrument gegen Jugendarbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit. „Die duale Ausbildung bleibt nicht nur das effizienteste, sondern auch das arbeitsmarktpolitisch wirkungsvollste System zur Sicherung von Fachkräften in Österreich und Vorarlberg.“

VKW illwerke Lehrlingsprojekt Blackout
Die Lehre bietet eine Vielzahl an Möglichkeiten. Neue

Potenzial sieht die Studie unter anderem bei Frauen in technischen Lehrberufen. Diese seien dort weiterhin stark unterrepräsentiert. „Gleichzeitig liegt hier großes Potenzial für die Fachkräftesicherung.“ Allerdings sei die Abbruchquote in technischen Berufen deutlich höher. Eine bessere Integration und Begleitung könnten daher wichtige Beiträge leisten. mAuch alternative Wege in die Fachkräfteausbildung gewinnen an Bedeutung. Bereits rund ein Fünftel aller Lehrabschlussprüfungen erfolgt über alternative Zugänge außerhalb der klassischen Jugendlehre. Diese Möglichkeiten könnten künftig noch wichtiger werden.

Nicht überflüssig

Digitalisierung und Künstliche Intelligenz verändern laut Petz-Bechter zwar die Berufsbilder, machen praktische Qualifikationen aber nicht überflüssig. „Digitale Technologien können vieles unterstützen, aber sie schneiden keine Haare, installieren keine Heizungen und renovieren keine Häuser.“ Praktische Kompetenzen blieben daher unverzichtbar.

Gleichzeitig müssten sich Fachkräfte auf neue Anforderungen einstellen. „Klassische Berufsbilder entwickeln sich weiter und verlangen zunehmend die Verbindung von handwerklichem Know-how mit digitalen Kompetenzen“, so Gudrun Petz-Bechter. Das Fachwissen bleibe die Basis, werde aber durch den Umgang mit digitalen Systemen, Automatisierung und Robotik ergänzt. „Die Facharbeiterinnen und Facharbeiter von morgen brauchen beides.“