Führt das höhere Pensionsalter für Frauen zu mehr Arbeitslosigkeit?

Um diese Frage streiten sich Gewerkschaft und Wirtschaftskammer. Für AMS-Geschäftsführer Bernhard Bereuter ist die Problematik komplexer, wie er im NEUE-Gespräch erklärt.
Gewerkschaft und Wirtschaftskammer streiten sich um die 2024 begonnene, schrittweise Angleichung des Pensionsantrittsalters der Frauen an jenes der Männer. Geht es nach dem ÖGB-Landesvorsitzenden Reinhard Stemmer ist die Anhebung “nicht nur sinnlos, sondern auch kontraproduktiv”, weil Menschen länger ohne Beschäftigung und damit ohne Pension blieben. WKV-Vizepräsidentin Andrea Längle hingegen hält die Angleichung für notwendig und begründet das mit der langfristigen Finanzierbarkeit des Systems und Gründen der Fairness. “Entscheidend ist, dass wir angesichts des demografischen Wandels künftig mehr ältere Menschen im Erwerbsleben brauchen werden. Unternehmen werden daher stärker gefordert sein, diese zu beschäftigen und im Arbeitsleben zu halten”, befindet sie.
Mehrere Faktoren
AMS-Landesgeschäftsführer Bernhard Bereuter gibt keiner der beiden Seiten vollumfänglich recht. Vielmehr sieht er mehrere Faktoren, die einander verstärken. Im Gespräch mit der NEUE erklärt er, die Kennzahl der Arbeitslosen in der Altersgruppe 55+ steige aufgrund mehrerer Ursachen an: “Das liegt an der Anhebung des Pensionsantrittsalters der Frauen und an der konjunkturell schwierigen Lage, die besonders Branchen mit hohem Frauenanteil – etwa dem Handel – Schwierigkeiten bereitet”, führt Bereuter aus.

Die Lage lässt sich anhand eines Beispiels erklären: Eine Frau, Ende 50, scheidet aus ihrem Job aus, weil ihr Arbeitgeber aufgrund der schwachen Konjunkturlage weniger Aufträge erhält. “Vor der Anhebung des Pensionsantrittsalters wäre sie gleich in Pension gekommen”, zeigt Bereuter auf. Da langfristig Frauen bis 65 Jahre am Arbeitsmarkt bleiben, es in diesem Alter aber ohnehin schwierig ist, einen Job zu finden und die Konjunkturlage erschwerend dazu kommt, steigt der Bestand an Arbeitssuchenden an.
Bereuters Appell an Unternehmen
Ein weiterer Faktor, den Bereuter aufzählt, ist die hohe Zahl an Bewerbungen auf offene Stellen. Denn die Nachfrage nach Jobs ist konjunkturell bedingt im Verhältnis zur Zahl der offenen Stellen hoch. “Wir beobachten, dass ältere Arbeitnehmerinnen oft gar nicht mehr zum Bewerbungsgespräch geladen werden. Mein Appell an die Unternehmen ist daher: Ladet auch ältere Bewerberinnen zum persönlichen Gespräch ein und schließt sie nicht durch Vorselektion aus. Die Entscheidung über eine Einstellung liegt danach immer noch beim Unternehmen, aber sie haben die Chance, im Gespräch auf persönlicher Ebene zu überzeugen”, so der AMS-Landesgeschäftsführer. “Mit dem neuen Pensionsantrittsalter von 65 Jahren ist beispielsweise eine 55-jährige Arbeitnehmerin noch immer zehn Jahre in der Beschäftigung”, nimmt er weitere Bedenken vieler Arbeitgeber ins Visier.
Umstrittene Reform
Auslöser der neuerlichen Diskussion über die stufenweise Angleichung des Pensionsantrittsalters, die bis 2033 für alle Jahrgänge dasselbe gesetzliche Antrittsalter vorsieht, ist ein Interview der Wiener Arbeitsmarktexpertin Ingrid Mairhuber mit dem “ORF Vorarlberg”, in dem sie den direkten Zusammenhang zwischen der hohen Arbeitslosigkeit bei Frauen und der Erhöhung des Pensionsalters aufzeigte. Gewerkschafter Stemmer pflichtet bei und übt Kritik an der 2023 beschlossenen Reform: “Wenn Unternehmen ältere Arbeitnehmer nicht beschäftigen, bringt eine Anhebung des gesetzlichen Pensionsalters vor allem eines: Menschen bleiben länger ohne Arbeit und ohne Pension. Das ist keine Lösung für den Arbeitsmarkt und schon gar keine faire Pensionspolitik.” Er fordert stattdessen “bessere Arbeitsbedingungen, gesündere Arbeitsplätze und eine Arbeitswelt, in der Menschen tatsächlich bis zum Pensionsantritt durchhalten können.”

Wirtschaftskammer-Funktionärin Längle befindet dagegen, es greife zu kurz, einen direkten Zusammenhang zwischen der steigenden Erwerbslosigkeit von Frauen über 60 Jahren und der Anhebung des Pensionsantrittsalters herzustellen. Sie betont: “Entscheidend ist, dass wir angesichts des demografischen Wandels künftig mehr ältere Menschen im Erwerbsleben brauchen werden. Unternehmen werden daher stärker gefordert sein, diese zu beschäftigen und im Arbeitsleben zu halten.”

Diesen Handlungsauftrag sieht auch PVÖ-Landespräsident Manfred Lackner: Oberstes Ziel müsse sein, das faktische an das gesetzliche Pensionsalter heranzuführen, erklärt er in einer Aussendung. “Hier liegt die Verantwortung eindeutig bei Politik und Wirtschaft, Beschäftigung älterer Arbeitnehmer zu erhöhen, rechtzeitig auf Weiterbildung und Umschulung zu setzen und altersgerechte Arbeitsplätze zu schaffen”, so Lackner. Die Angleichung des Pensionsantrittsalters sieht der Pensionistenvertreter kritisch: Sie sei einer der Treiber dafür, dass ein Drittel der Erwerbslosen und fast die Hälfte der Langzeitarbeitslosen über 50 Jahre alt sind.

Irene Fitz, Präsidentin des Frauennetzwerks Soroptimist International Bregenz/Rheintal, verteidigt die Angleichung des Pensionsantrittsalters im Gespräch mit der NEUE: “Aus wirtschaftlicher und demografischer Sicht kommen wir nicht daran vorbei. Ich denke, wir werden in absehbarer Zeit bei Männern und Frauen auch über eine weitere Erhöhung auf 67 Jahre diskutieren müssen.” Sie sieht andere Probleme vordergründiger als die Beschäftigungsfrage: “Um Altersarmut zu verhindern, müsste man zum Beispiel bei der Anrechnung jener Jahre ansetzen, in denen Frauen die Kinderbetreuung übernehmen.”

(NEUE Vorarlberger Tageszeitung)