“Es müssen für alle dieselben Regeln gelten”: Bürgermeister im Clinch mit der “Gemeinde Gottes”

Die staatlich nicht anerkannte, christliche Glaubensgemeinschaft „Gemeinde Gottes“ hat sich 2012 in Wald am Arlberg angesiedelt. Erinnern Sie sich noch daran?
Martin Burtscher: Das war zu Beginn alles recht unscheinbar. Die ersten Mitglieder der „Gemeinde Gottes“ haben sich in einem ehemaligen Gasthaus niedergelassen. Da war man damals froh, dass es bewohnt wird. Mit der Zeit kamen immer mehr und es wurden Häuser dazugekauft.
Wann sind Sie erstmals auf Vorgänge aufmerksam geworden, die Sie kritisch gesehen haben?
Burtscher: Meiner Erinnerung nach war das im Jahr 2014 oder 2015. Ein Kind hatte sich beim Grillen schwerste Verbrennungen an den Händen zugezogen. Zunächst wurde medizinische Hilfe abgelehnt. Es hieß, das könne die Gemeinschaft selbst versorgen, fremde Hilfe sei nicht notwendig. Erst auf Druck der Polizei wurde eine medizinische Versorgung ermöglicht. Das Kind musste in das auf Verbrennungschirurgie spezialisierte Krankenhaus in Ravensburg gebracht werden.
Die Gemeinschaft betet in dem Fall lieber, als einen Arzt zu rufen.
Burtscher: Scheint so. Ein weiterer Fall betraf einen früheren Prediger der Gemeinschaft. Er war etwa 30 Jahre alt und erkrankte an einer Grippe. Der Arzt war mehrfach bei ihm und sagte, dass er Antibiotika brauche. Doch die Behandlung wurde abgelehnt. Schließlich wurde dem Arzt sogar der Zutritt zum Haus verweigert. Es hieß, sie bräuchten keine Hilfe, Gott werde darüber entscheiden. Der Mann ist schließlich an der Lungenentzündung gestorben. Das hat damals in der Bevölkerung große Bestürzung ausgelöst.

Wie ist heute das Verhältnis zwischen der „Gemeinde Gottes“ und dem Dorf?
Burtscher: Wir haben immer wieder offene Gespräche geführt und die Verantwortlichen auch in die Gemeindevertretung eingeladen. Gewisse Dinge haben sich inzwischen verbessert. Es gibt durchaus Mitglieder, die offen sind und sich integrieren wollen. Es ist aber offenbar sehr schwierig, sich aus diesen Strukturen zu lösen. Es gab im Dorf Bestrebungen, eine Bürgerinitiative zu gründen. Da haben wir gesagt, das wollen wir nicht, weil es die Situation nur verschärfen würde. Wir wollen den Frieden bewahren und miteinander auskommen. Wie gesagt: Die Religionsfreiheit haben wir nie infrage gestellt. Was uns allerdings sehr beschäftigt, ist der Umgang mit den Kindern.
Es heißt, die Kinder der „Gemeinde Gottes“ werden isoliert und dürfen nicht mit den anderen Kindern aus dem Dorf spielen?
Burtscher: Wir wissen, dass sie sich manche Kinder heimlich im Wald getroffen haben. Die Kinder haben sich gut verstanden und miteinander gespielt. Wenn die Eltern der Gemeinschaft davon erfahren haben, gab es aber offenbar Ärger. Die Kinder hatten Angst vor den Reaktionen ihrer Eltern und standen meiner Meinung nach auch stark unter der Kontrolle des früheren Pastors.
Aussteiger haben jüngst gegenüber Medien von körperlicher und seelischer Gewalt berichtet, es läuft auch ein Ermittlungsverfahren. Hat Sie das überrascht?
Burtscher: Nein, dafür ist schon zu viel passiert. Da gab es etwa einen Buben aus der Gemeinschaft, der plötzlich nicht mehr da war. Auf Nachfrage hieß es, er sei in Amerika. Nach ein paar Monaten kam er zurück und war völlig verändert. Meiner Meinung nach hatte er eine regelrechte Gehirnwäsche hinter sich. Auch einen anderen Buben, der offenbar beeinträchtigt war, hat man kaum zu Gesicht bekommen. Eines Tages ging er in den Eisenbahntunnel in Wald am Arlberg und wurde dort von einem Zug überfahren. Die Eltern sagten, er habe eigentlich zum Spullersee gehen wollen, sich aber offenbar im Tunnel verirrt. Jetzt sei er dort, wo er hinwollte.
Sie sind überzeugt, dass die Kinder der „Gemeinde Gottes“ nicht zu Hause unterrichtet werden, sondern dass die Gemeinschaft eine illegale Privatschule betreibt. Warum sind Sie sich da so sicher?
Burtscher: Wir haben das über Jahre beobachtet und dokumentiert. Kinder werden mit Autos zum Vereinshaus gebracht, steigen dort mit Schultaschen aus. Wir haben Fotos und Videos gemacht und alles an die zuständigen Behörden weitergeleitet. Es gab ein paar Kontrollversuche gemeinsam mit der Bildungsdirektion und der Bezirkshauptmannschaft. Aber den Behörden wurde der Zutritt verweigert. Wir haben danach weitere Aufnahmen gemacht, auch Nachbarn haben Beobachtungen dokumentiert. Offiziell heißt es, es würden nur Sing- und Bibelstunden abgehalten. Die Bildungsdirektion gibt sich offenbar damit zufrieden.
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Hätten Sie sich von den Behörden mehr Unterstützung erwartet?
Burtscher: Ja, auf alle Fälle. Wenn andere Eltern ihre Kinder nicht zur Schule schicken, hat das Konsequenzen, das hat man beispielsweise bei der Sommerschule gesehen. Bei uns gibt es seit Jahren Hinweise auf einen nicht angemeldeten Schulbetrieb, aber es passiert nichts. Ich verstehe nicht, warum die Behörden da nicht genauer hinschauen.
Besonders bitter ist für die Gemeinde, dass die Volksschule in der Parzelle Wald am Arlberg inzwischen stillgelegt werden musste.
Burtscher: Ja, das ist das Absurde an der ganzen Geschichte. Wegen zu geringer Schülerzahlen gibt es die Volksschule nicht mehr. Hätten wir die Kinder der „Gemeinde Gottes“ dazubekommen, hätten wir die Schule möglicherweise erhalten können. Gleichzeitig wird nur 150 Meter entfernt im Vereinshaus der Gemeinschaft aus meiner Sicht eine Schule ohne entsprechende Rechtsgrundlage betrieben. Das sorgt auch in der Bevölkerung für großen Unmut.
Sie haben in der Sache auch den Landeshauptmann angeschrieben, allerdings ohne Erfolg. Wie groß ist die Enttäuschung?
Burtscher: Die ist natürlich groß. Es ist alles im Sand verlaufen.
Was hätten Sie sich erwartet?
Burtscher: Ich hätte mir gewünscht, dass man uns mehr unterstützt, auch seitens der Behörden. Aber wir sind eben nur ein kleiner Ort mit 1600 Einwohnern und vielleicht 1000 Wahlberechtigten. Ich glaube, wenn es so etwas in einer anderen Region gäbe, wäre die Aufregung viel größer. Wir werden hier einfach zu wenig gehört. Dieses Gefühl haben auch viele in der Bevölkerung.

Es heißt, die Mitglieder der „Gemeinde Gottes“ sollen bei Immobilienkäufen deutlich über dem Marktpreis bezahlt haben.
Burtscher: Inzwischen haben Mitglieder der Gemeinschaft sieben oder acht Häuser in Dalaas erworben, darüber hinaus gibt es Liegenschaften in Braz und Bludenz. Dabei wurde teils deutlich über dem üblichen Marktpreis bezahlt. Wir haben uns schon mehrfach gefragt, woher das Geld kommt. Einerseits gab es Mitglieder, die bei der Gemeinde eine Berechtigungskarte für „Tischlein deck dich“ (Anm.: kostenlose Lebensmittel für armutsgefährdete Menschen) beantragt haben. Auf der anderen Seite war offenbar genug Geld vorhanden, um für ein Haus bis zu 50.000 Euro mehr zu bezahlen. Das hat für uns nicht zusammengepasst. Irgendwann haben wir die Ausstellung dieser Berechtigungskarten verweigert. Daraufhin wurde uns vorgeworfen, wir würden die Mitglieder der Glaubensgemeinschaft diskriminieren.
Sie kritisieren, dass sich Mitglieder der „Gemeinde Gottes“ immer wieder über Vorschriften hinwegsetzen. Können Sie belegbare Beispiele nennen.
Burtscher: Es geht uns nicht um die Religion. Jeder soll glauben, was er will. Aber für alle müssen dieselben Regeln gelten. Mitglieder der „Gemeinde Gottes“ haben in unserem Gemeindewald, im Biotop Schutzgebiet des Radonatobel, rund 15 Bäume gefällt und ohne unsere Zustimmung eine Blockhütte errichtet. Es hat Jahre gedauert, bis diese wieder abgetragen wurde. Dazu kamen Ungereimtheiten bei Anträgen auf Wohnbeihilfe und Heizkostenzuschuss. Da wurden plötzlich höhere Mieten angegeben, damit die Personen Wohnbeihilfe bekommen. Auch das haben wir dokumentiert und den Behörden gemeldet, die dann auch reagiert haben. Ihr Vereinshaus hat die Gemeinschaft ohne Baubescheid umgebaut, da sind wir heute noch dran.