Deponiepläne, befangener Bürgermeister und 96-Jähriger ohne Wasser: Warum in Weiler der Haussegen schief hängt

Bruno Summer (96) kämpft in Weiler für eine Wiederinstandsetzung seiner privaten Wasserleitung. Auf dem darüberliegenden Grundstück plant die Gemeinde nun eine Aushubdeponie. Bürgermeister Simeon Summer ist mit Vorwürfen der Befangenheit konfrontiert.
Seit 1985 werden drei Haushalte in Weiler im Ortsteil Halde über eine private Leitung mit Wirtschaftswasser aus einer Quelle im Burgfeld versorgt. Einer von ihnen ist Bruno Summer. Doch seit geraumer Zeit hat der 96-Jährige kein Wasser mehr für Garten und Garage in seiner Wohnung, die an das ehemaligen Gasthaus Hohe Kugel angrenzt. “Ich muss das Wasser für den Garten aus der Waschküche holen. Der Nadelbaum beim Holzlager vor dem Haus ist fast verdorrt”, sagt der frühere “Kuglawirt” kopfschüttelnd.

Bei einem Lokalaugenschein führt er die NEUE, gestützt auf seinem Gehstock, um das frühere Gasthaus zu einem Brunnen, aus dem laut seinen Angaben schon seit rund anderthalb Jahren kein Wasser aus der Privatleitung mehr fließt. “Würde ich das Gemeindewasser an die Leitung anschließen, dann wäre ich dran, wenn dabei etwas passiert.” Er muss die Gießkanne im Haus füllen, damit die Treppe hinuntergehen und so den Garten bewässern. Auch Bruno Summers Freund Helmut Kathan, der die umliegende Fläche als Weide für seine Schafe nützt, muss für die dortige Tränke auf Trinkwasser zurückgreifen. “Und das in einem Hitzesommer wie diesem”, ärgert er sich.

Den Grund für die nicht intakte Leitung machen beide auf dem oberhalb liegenden Nachbargrundstück in der Parzelle Ruda aus: Durch regelmäßige Aufschüttungen des benachbarten Grundbesitzers soll die Leitung mehrere Meter tief unter der Erde liegen und beschädigt worden sein. “Ich habe den Nachbarn auf der Bank getroffen und darauf angesprochen, dass wir durch die Aufschüttungen über die Leitung schon lange kein Wasser mehr bekommen. Da sagte er nur, auf seinem Grund könne er machen, was er will”, erzählt Bruno Summers Frau Rosemarie. Die Frage, wer die Kosten für die Wiederinstandsetzung der Leitung tragen soll, spaltet das Ehepaar Summer und den Grundbesitzer, der auf NEUE-Anfrage keinen Kommentar zu der Causa abgeben wollte.

Zwei Fliegen mit einer Klappe
Bei der nachbarschaftlichen Meinungsverschiedenheit bleibt es allerdings nicht, denn das umstrittene Grundstück ist im Dorf zum Politikum geworden. Die Gemeindevertretung in Weiler hat in ihrer Sitzung Ende Juni einen Grundsatzbeschluss gefasst, um auf dieser Fläche die Errichtung einer möglichen Aushubdeponie zu prüfen. Bürgermeister Simeon Summer erklärt der NEUE: “Aufgrund der geologischen Situation drückt das Wasser den Hang mit der Straße nach unten.” Zur Stabilisierung der Straße müsste man eine Aufschüttung vornehmen. Der Bürgermeister erkannte die Möglichkeit, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Einerseits würde eine Aushubdeponie eine Stabilisierung des Hangs ermöglichen, andererseits bietet sie eine Gelegenheit für zusätzliche Einnahmen in der – so wie dieser Tage vielerorts – klammen Gemeindekasse.

In der Folge ging der Bürgermeister auf mehrere Erdbauunternehmen zu, um sich nach möglichen Umsetzungspartnern für die Deponie zu erkundigen. Die Firma “Kessler bewegt’s” habe Interesse bekundet. Auch mit Grundbesitzern habe es erste Gespräche gegeben, laut dem Protokoll der angesprochenen Gemeindevertretungssitzung seien diese “interessiert an einem solchen Projekt.” Was nicht erwähnt wird: Die mögliche Deponie würde sich nicht nur über das Grundstück mit Bruno Summers Wasserleitung erstrecken, sondern auch eine Fläche betreffen, die dem Bruder von Simeon Summer gehört. Da der Bürgermeister das Projekt jedoch präsentierte und bei der anschließenden Abstimmung über den Grundsatzbeschluss mitstimmte, brachte Ersatzgemeindevertreter Manfred Ritter eine Aufsichtsbeschwerde bei der Bezirkshauptmannschaft (BH) Feldkirch wegen Befangenheit ein. Diese liegt der NEUE vor.

Im Gespräch mit der NEUE erklärt Simeon Summer weiter, dass man der Transparenz halber die maximalen Maße der Deponie habe kommunizieren wollen. Diese würde sich über eine Deponiefläche von 4,5 Hektar erstrecken, hätte ein geplantes Gesamtvolumen von 550.000 Kubikmeter und würde 20 bis 25 Lkw-Anlieferungen pro Tag bedeuten. An möglichen Spitzentagen ist die Rede von 80 bis 90 Anlieferungen, das wären 160 bis 180 Fahrbewegungen pro Stunde. Durch die Auslotung der maximalen Maße sei das Grundstück des Bruders in die Planung “hineingerutscht”, gibt der Bürgermeister zu. “Das war mir zunächst nicht bewusst, es war keine Absicht. Am Tag nach der Sitzung habe ich nach Rücksprache mit der BH meine Stimme vom Beschluss abgezogen und die gesamten Planungen an die Vizebürgermeisterin übergeben. Außerdem habe ich mich bei der Gemeindevertretung für den Fehler entschuldigt”, zeigt sich Simeon Summer reumütig. Die BH Feldkirch hat infolge der Aufsichtsbeschwerde nun noch zu klären, ob die Präsentation des Projekts durch den Bürgermeister für die Gemeindevertretung aufgrund der familiären Verstrickungen nicht rechtmäßig sein könnte.

Darüber hinaus betont der Gemeindechef: “Mit dem Grundsatzbeschluss wurde lediglich eine nicht bindende Absichtserklärung getroffen, ob an dem Projekt weiter gearbeitet werden soll. Weiter sind wir in der Planung noch nicht.” Insbesondere die Fragen um ein mögliches Bewilligungsverfahren oder einen konkreten Finanzierungsplan seien in der folgenden Phase zu klären.
Warten bis 2027 oder private Einigung
Im anfangs geschilderten Nachbarschaftsstreit, so berichtet Simeon Summer weiter, habe er Bruno Summer angeboten, dessen Wirtschaftswasserleitung bei einer Instandsetzung der Gemeindeleitung in der Parzelle Ruda – diese musste aufgrund eines Rohbruchs übergangsweise parallel zur Straße geführt werden – mitzureparieren. “Das erfolgt aber frühestens 2027”, gibt er zu Bedenken. Sollte eine frühere Instandsetzung notwendig sein, brauche es eine private Einigung unter den Nachbarn.

Bruno Summer und Helmut Kathan hoffen auf schnellstmögliche Lösung der Wasserprobleme, befürchten aber, dass eine solche durch die Deponiepläne der Gemeinde in weite Ferne rücken könnte. “Es fahren eh schon so viele Lkw durch unser Dorf. Ich kann nicht verstehen, dass die Gemeindevertretung nicht dagegen war”, sagt Bruno Summer. Etwas offener zeigt sich Helmut Kathan: “Ich bin nicht grundsätzlich gegen eine Deponie, wenn sie im Einklang mit der Dorfgemeinschaft diskutiert wird. Wenn entsprechende Auflagen kommen und das ordentlich und fachgerecht durchgeführt wird, kann man mit mir immer reden.” Dafür seien aber noch einige Prüfungen notwendig. Es könnte ein langer Weg werden, bis die Deponiepläne in Weiler tatsächlich handfest werden – und bis die Wirtschaftswasserleitung von Bruno und Rosemarie Summer wieder intakt ist.
(NEUE am Sonntag)