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Früher wurden hier Fäden gesponnen, heute entstehen Netzwerke

07.11.2026 • 09:00 Uhr
Früher wurden hier Fäden gesponnen, heute entstehen Netzwerke
Robert Mäser und Sara Bonetti gründeten vor zehn Jahren die Gelbe Fabrik. Hartinger

Zehn Jahre Gelbe Fabrik in Dornbirn: Was 2016 als Pionierprojekt begann, hat sich zum ersten echten Co-Working-Space im Land entwickelt. Die Gründer Robert Mäser und Sara Bonetti ziehen in der NEUE am Sonntag Bilanz, finden aber auch kritische Töne.

Es war nicht unbedingt eine klassische Erfolgsgeschichte, die vor zehn Jahren ihren Anfang nahm. Ein knapp 500 Quadratmeter großes Stockwerk stand leer, ein passender Mieter ließ sich nicht finden. Gleichzeitig gab es zahlreiche Grafiker, Texter und Programmierer, die einen Arbeitsplatz suchten, sich aber keine großen Büroflächen leisten konnten. „Aus Eigentümer-Sicht war es eigentlich eine Verzweiflungstat“, erinnert sich Eigentümer Robert Mäser im Gespräch mit der NEUE am Sonntag.

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Work in Progress. Hartinger

Dann kam Sara Bonetti ins Spiel. Sie hatte bereits in Berlin Erfahrungen mit Coworking gesammelt und eine klare Vorstellung davon, wie gemeinschaftliches Arbeiten funktionieren könnte. „Ich war ins Gebäude total verliebt. Das war so, wie ich mir ein Space vorstelle.“ Bonetti brachte die Menschen und die Idee mit, Mäser das Gebäude und das organisatorische Geschick. 

Industriegebäude wird Ideenraum

Die Geschichte des Hauses reicht weit zurück. 1934 wurde es von Mäsers Urgroßvater als Produktionsstätte errichtet. Wo einst Textilien hergestellt wurden, arbeiten heute Kreative, Selbstständige und Unternehmer an ihren Projekten. Für Mäser ist die Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart offensichtlich: „Also früher wurden Fäden gesponnen, jetzt entstehen Netzwerke.“ Dass es dabei nicht bloß um die Vermietung von Schreibtischen geht, war von Anfang an Teil des Konzepts. 

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Die Gemeinschaftsküche wird gerne in Anspruch genommen. Hartinger

„Die meisten Leute meinen, Coworking sei irgendwie ein Immobilienprojekt. Aber in Wahrheit ist es ein Gemeinschaftsprojekt. Es geht um die Menschen, es geht um Gemeinschaft, Community-Building und nicht um Quadratmeter“, sagt Bonetti. 

Die Anfänge waren entsprechend unkompliziert. Bequeme Stühle, eine Kaffeemaschine, acht Schreibtische. Die Plätze waren innerhalb kurzer Zeit vergeben, weitere Tische kamen dazu. 

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Die NEUE am Sonntag machte sich vor Ort ein Bild. Hartinger

Das Wohnzimmer als Konkurrenz

Rund 200 Menschen haben in den vergangenen zehn Jahren als Coworker in der Gelben Fabrik gearbeitet. Manche blieben länger, andere nutzten das Haus als Sprungbrett für ihre berufliche Entwicklung. „Unsere Konkurrenz als Gelbe Fabrik ist nicht unbedingt das nächste Coworking, sondern das Wohnzimmer vom Coworker.“ Wer allein arbeitet, kann das schließlich auch von zu Hause aus tun. Der Mehrwert liegt deshalb in den Begegnungen beim Kaffee, spontanen Gesprächen und gegenseitiger Unterstützung. Dass mehrere Grafiker oder Programmierer unter einem Dach arbeiten, führt nach Erfahrung der Gründer kaum zu Konkurrenzdenken. Vielmehr werden Aufträge weitergegeben, Kontakte vermittelt und Erfahrungen ausgetauscht. Gerade für Menschen, die den Schritt in die Selbstständigkeit wagen, kann das entscheidend sein. 

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Rund 200 Co-Worker arbeiteten in den vergangenen zehn Jahren in der Gelben Fabrik. Hartinger

„Du bist in der Krise nicht allein“, sagt Bonetti. Besonders während der Corona-Pandemie habe sich gezeigt, wie wertvoll eine funktionierende Gemeinschaft sein könne. Mäser verweist zudem auf Weihnachtsfeiern, Betriebsausflüge und Sommerfeste. Was in größeren Unternehmen selbstverständlich ist, fehlt Einzelunternehmern häufig. Die Gelbe Fabrik versucht, diese Lücke zu schließen.

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Chris Thomas, Sara Bonetti und Eigentümer Robert Mäser. Hartinger

Ein Geschäftsmodell mit Grenzen

Aus wirtschaftlicher Sicht ist der Betrieb eines Coworking-Space kein Selbstläufer. Mäser räumt ein: „Es gibt sicherlich Mittel und Wege, um Geld leichter zu verdienen, muss man ehrlich sagen.“ Den Wert des Projekts sieht er deshalb nicht ausschließlich in der unmittelbaren Rendite. „Aber diese Umwegrentabilität ist es für mich, dass einfach diese Gemeinschaft entstehen kann, dass was los ist im Gebäude, dass sich ganz viele schöne Geschichten da entwickeln können und auch ganz viele Leute eine Idee probieren können.“ Auch Bonetti betont die wirtschaftliche Bedeutung solcher Räume. Wenn Menschen ein Netzwerk vorfinden, Erfahrungen austauschen und gemeinsam Projekte entwickeln, profitiere letztlich der gesamte Standort. Diese Wertschöpfung lasse sich allerdings nur schwer messen und noch schwieriger unmittelbar für die Betreiber wirtschaftlich nutzen. Gerade in Österreich sieht Bonetti besonderen Bedarf. „Österreich ist leider kein unternehmerfreundlicher Standort“, kritisiert sie. Die Spielräume, um neue Geschäftsideen auszuprobieren, seien aus ihrer Sicht zu gering.

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Host Chris Thomas. Hartinger

Kritik an öffentlicher Konkurrenz

Nach zehn Jahren privatwirtschaftlichen Engagements beobachten die Gründer neue Entwicklungen in Dornbirn nicht ohne Skepsis. Besonders die Coworking-Angebote im Umfeld der CampusVäre beschäftigen sie. „Die CampusVäre ist sicher eine Herausforderung für uns, muss man wirklich sagen“, erklärt Mäser. Er stellt grundsätzlich infrage, ob die öffentliche Hand selbst als Anbieter auftreten sollte. 

„In meinen Augen soll die Politik Bedingungen schaffen für Coworking, damit es möglich wird. Ob eine Stadt ein Angebot stellen muss, das hinterfrage ich. Vor allem, wenn es mit Steuergeld subventioniert wird.“ Gleichzeitig erkennt Mäser das Potenzial des neuen Standorts an. „Und gleichzeitig muss man sagen, es hat mittel- und langfristig sicherlich für den Standort Vorteile. Also für Dornbirn, für Vorarlberg. Ich glaube, dass es schon einen Sog entwickeln kann. Aber für private Anbieter, die das seit zehn Jahren machen, auf eigenes Risiko, ist es nicht ohne.“ 

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Die Gründer im Interview mit der NEUE am Sonntag.Hartinger

Bonetti formuliert ihre Kritik deutlicher. Sie hinterfragt, weshalb mit öffentlichen Mitteln Angebote geschaffen werden, die private Initiativen bereits seit Jahren betreiben. 

„Es geht nicht um Konkurrenz, sondern es geht um Verantwortlichkeiten.“ Die Möglichkeiten der CampusVäre seien angesichts der verfügbaren Mittel enorm. Gerade deshalb erwartet sie eigenständige Ideen, die bestehende Angebote ergänzen, anstatt sie zu torpedieren.

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Sara Bonetti und Robert Mäser.Hartinger

Ort, der mit den Menschen wächst

Bonetti selbst ist längst nicht mehr täglich in der Gelben Fabrik anzutreffen. Seit 2018 ist sie international unterwegs, lebt mittlerweile in Portugal und hat auch dort Erfahrungen mit Coworking gesammelt. Die operative Verantwortung in Dornbirn liegt heute vor allem bei Mäser und dem Team, das sich um die Gemeinschaft kümmert. Trotz der räumlichen Distanz ist ihre Begeisterung für das ursprüngliche Projekt ungebrochen. Bonetti hat nach eigenen Angaben rund 150 Coworking-Räume weltweit gesehen. Die Gelbe Fabrik zählt für sie weiterhin zu den gelungensten Beispielen. 

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Zeit für eine Pause findet Sara Bonetti hier. Hartinger

Ein wichtiger Entwicklungsschritt war der Ausbau des obersten Stockwerks. Dabei wurden die bestehenden Nutzer über mehrere Monate in die Planung eingebunden. Entstanden sind Arbeitsbereiche, die sowohl gemeinschaftliche Begegnungen als auch konzentriertes Arbeiten ermöglichen.

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Wenns mal etwas ruhiger sein soll … Hartinger

Aus ersten Geschäftsideen wurden Unternehmen, aus unsicheren Gründern erfahrene Selbstständige. Viele verließen die Gelbe Fabrik nicht, weil ihr Vorhaben gescheitert war, sondern weil sie gewachsen waren und neue Räume benötigten. „Und die Leute sind mit ihren Aufgaben gewachsen. Umso schöner, wenn die Gelbe Fabrik einen Grundstein legen konnte“, erinnern sich die beiden Dornbirner Coworking-Pioniere abschließend.

(NEUE am Sonntag)