Vorarlberg

Ein Kinderbuch für mehr Sichtbarkeit

02.02.2025 • 11:00 Uhr
Ein Kinderbuch für mehr Sichtbarkeit
Leonie Schmölzer mit ihrem Kinderbuch. Hartinger (8)

Maturantin Leonie Schmölzer (20) schreibt an der HLW Marienberg derzeit an ihrer Diplomarbeit über Kinder mit Downsyndrom. Als Projekt schrieb sie dafür ein Kinderbuch. Für die Illustrationen bekam sie dabei spezielle Unterstützung.

Für die Maturantinnen und Maturanten an Vorarlbergs Schulen geht es, obwohl das Jahr erst begonnen hat, bereits Richtung Endspurt. Dazu gehört auch das Fertigstellen der Diplomarbeit, oder der vorwissenschaftlichen Arbeit, je nach Schultyp. Auch Leonie Schmölzer (20) sieht sich derzeit mit dieser Aufgabe konfrontiert. Die Schülerin besucht eine der Abschlussklassen der HLW Marienberg in Bregenz. Das Thema ihrer Diplomarbeit ist „Aller guten Dinge sind drei – wenn sich ein Chromosom verdreifacht.“ Es geht dabei um Trisomie 21 und speziell darum, wie sich Kinder mit diesem zusätzlichen Chromosom entwickeln. „Ich finde es total faszinierend, was ein einziges Chromosom mehr alles verändern kann“, beginnt Schmölzer zu erzählen.

Ein Kinderbuch für mehr Sichtbarkeit
Die NEUE beim Gespräch mit Leonie Schmölzer an der HLW Marienberg.

Es ist ihr sehr wichtig, in der Gesellschaft mehr Sensibilität für dieses noch immer an den Rand gedrängte Thema zu schaffen. Doch die schriftliche Arbeit allein reichte ihr noch nicht aus. „Ich wollte etwas machen, wo ich drei Jahre später noch sagen kann: okay, das hat was gebracht. Etwas, was ich in Händen halten kann, was mich stolz macht. Ich wollte damit erreichen, dass das Thema nicht nieder geschwiegen wird.“ Also stellte sie neben dem schriftlichen Teil ihrer Arbeit, gemeinsam mit ihrer Diplomarbeitskollegin ein Projekt auf die Beine.

Bens besondere Welt

„Die Sensibilisierung sollte eigentlich schon im frühen Kindesalter stattfinden“, findet Schmölzer. Aus diesem Grund setzte sie ihr Wunschprojekt in der Volksschule Marienberg um. In der Libellenklasse, um genau zu sein. In diese Klasse geht nämlich Chiara (Name von der Redaktion geändert), ein Mädchen mit Trisomie 21. „Es ist total schön zu sehen, wie die anderen Kinder mit ihr umgehen“, findet Schmölzer. „Sie lachen zusammen, sie wird überall hin mitgenommen und redet bei allem mit. Da ist überhaupt kein Unterschied spürbar.“ Dieses Gefühl wollte sie mit ihrer Arbeit auch nach außen hin vermitteln.

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Eine Illustration im Buch.


Sie begann, trotz Maturastress, ein Kinderbuch zu schreiben. „Bens besondere Welt“, sollte es heißen. Die Geschichte darin erzählt von einem kleinen Jungen, namens Ben. Er hat Trisomie 21. Ben geht zur Schule und hat vor Vielem große Angst. Zum Beispiel davor, ausgelacht, oder ausgeschlossen zu werden. „Ich dachte mir, ich muss es auch wirklich so schreiben, dass die Unsicherheiten von einem Kind mit Trisomie 21 deutlich werden.“

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In der Geschichte geht es um ein anstehendes Sportfest der Schule, vor dem der kleine Ben furchtbare Angst hat. Eben genau diese Angst, ausgegrenzt und verspottet zu werden, weil ihm manche Dinge vielleicht nicht so leichtfallen, wie anderen Kindern. Zu guter Letzt gibt es natürlich ein Happy End. Die Kinder feuern Ben an, jubeln ihm zu und freuen sich mit ihm. „Es war mir unglaublich wichtig zu zeigen, dass diese Kinder vielleicht gar nicht so anders sind, wie viele immer denken“, erzählt Schmölzer.

Ein Kinderbuch für mehr Sichtbarkeit
Das Titelbild des Buches wurde von Chirara (Name von der Redaktion geändert), dem Mädchen mit Trisomie 21 aus der Volksschule Marienberg, gezeichnet.

Von Kindern gezeichnet

Sie beschloss, die Geschichte in der Libellenklasse der Volksschule Marienberg vorzulesen. Mit viel Gespür und Sanftmütigkeit tastete sie sich gemeinsam mit den Volksschulkindern an das Thema Trisomie 21 heran. „Mithilfe von Fragen wie: Was glaubt ihr, was macht Ben besonders? Oder: Wie ist Ben?, sollten die Kinder erklären, warum der kleine Junge anders als die anderen Kinder ist“, sagt Schmölzer.

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Dabei stellte die 20-Jährige etwas Erstaunliches fest. „Die Kinder kamen nach einigem Überlegen zu dem Schluss, dass Ben vielleicht etwas langsamer ist, als andere Kinder, oder man ihn manchmal nicht so gut versteht, wenn er spricht. Sie haben sich zu keinem Zeitpunkt auf irgendwelche Äußerlichkeiten oder Ähnliches bezogen. Er ist vielleicht gar nicht so anders.“ Schmölzer gab den Kindern dabei Hilfestellungen. Wie könnte Ben sich in dieser Situation fühlen? Ist er traurig, hat er Angst, oder ist er glücklich?

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Im Interview mit der NEUE.


Doch die Idee, Kinder ihr Buch illustrieren zu lassen, stand nicht von Anfang an fest. „Wir haben zuerst versucht, die künstliche Intelligenz Bilder zeichnen zu lassen“, schildert Schmölzer. Doch die anfängliche Idee scheiterte kläglich. „Es kamen ständig andere Grafiken heraus, wir konnten die KI nicht dazu bringen, dasselbe Bild zu duplizieren.“ Im Nachhinein betrachtet, findet Schmölzer die Illustrationen der Volksschulkinder aber ohnehin viel besser.

Große Unterstützung

Ein besonderes Dankeschön möchte die 20-Jährige ihrer Betreuungslehrperson Sonja Schöpf aussprechen.

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Leonie Schmölzer mit Betreuungslehrperson Sonja Schöpf.


„Ohne sie hätten wir das alles niemals geschafft. Sie hat uns zu jedem Zeitpunkt motiviert und uns Mut gemacht.“ Als die Französisch- und Spanischlehrerin kurz zum Gespräch der NEUE mit Schmölzer dazustößt, ist ihr der Stolz für ihre Schülerin sichtlich anzumerken.