Warum ein Alko-Ausflug auf die Skipiste teuer und gefährlich werden kann

Die Unfallzahlen in dieser Wintersportsaison sind weiterhin hoch. Ein unterschätzter Risikofaktor ist Alkohol, wie KFV-Experten, Versicherer und Einsatzkräfte aufzeigen.
Die Skisaison läuft auf Hochtouren, auch nach den Semesterferien lockt ob des Neuschneeeinbruchs vergangene Woche die Piste zahlreiche Einheimische und Urlauber auf die Ski und das Snowboard. Neben der momentan allgegenwärtigen Lawinengefahr halten auch Skiunfälle die Einsatzkräfte regelmäßig auf Trab.
Unfallzahlen auf hohem Niveau
So teilt die Krankenhausbetriebsgesellschaft (KHBG) auf NEUE-Anfrage mit, dass „entgegen erster Trends zu Saisonbeginn die Zahl der komplexen Verletzungen nach Skiunfällen (wie Rückenverletzungen, komplizierte Becken- und Oberschenkelbrüche) seit der zweiten Januarwoche 2026 leider wieder deutlich zugenommen“ habe. „Seit über vier Wochen müssen wir vermehrt Patientinnen und Patienten nach schweren Wintersportunfällen stationär aufnehmen bzw. operieren: Pro Tag verzeichnen wir allein in Bludenz und Feldkirch jeweils zwischen vier und acht Operationen“, bilanziert René El Attal, Primar und Leiter der Abteilung für Orthopädie und Unfallchirurgie an den Landeskrankenhäusern (LKH) Feldkirch und Bludenz. Er verweist dabei auf „schwere Skikanten-Verletzungen, die teils Muskel- und Nervenschäden zur Folge haben und schnittfeste Skikleidung rechtfertigen würden“.

Dazu komme die Zahl an ambulanten Behandlungen auf dem gleichbleibend hohen Niveau der vorherigen Jahre: „Allein im LKH Bludenz behandeln wir täglich bis zu 170 Patienten“, heißt es vom Oberarzt und Standortleiter der Bludenzer Unfallchirurgie, Philipp Bichay.
Zwölf Alko-Unfälle in laufender Wintersaison
Ein Unfallfaktor, der häufig unterschätzt wird, ist Alkohol. Während die KHBG „keine Alkoholkontrollen bei Skiunfall-Patienten durchführt“, wie es heißt, geben die Zahlen der Landespolizeidirektion (LPD) Vorarlberg einen Anhaltspunkt, in welchem Bereich man sich hier bewegt. „Im Beobachtungszeitraum von 1.12. 2025 bis 18.2. 2026 gab es zwölf Wintersport-Unfälle, bei denen Alkoholeinfluss festgestellt wurde. Fünf davon waren ohne Fremdbeteiligung, bei sieben Unfällen waren andere Personen in das Unfallgeschehen involviert (z.B. Rodelunfälle, bei denen zwei Personen auf dem Rodel saßen, oder Skikollisionen)“, heißt es auf Anfrage der NEUE. Vergleicht man das mit vergangenen Saisons, lag die Zahl der Wintersport-Unfälle nur im Vergleichszeitraum des Vorjahres höher (siehe Factbox).
Wintersportunfälle in Zusammenhang mit Alkohol
Saison 2021/22: 12 Unfälle
Saison 2022/23: 4 Unfälle
Saison 2023/24: 9 Unfälle
Saison 2024/25: 16 Unfälle
Saison 2025/26: 12 Unfälle
Beobachtungszeitraum: jeweils vom 1.12. bis zum 18.2.
Wohl deutlich höher dürfte die Zahl der Fälle liegen, in denen es Alkoholisierte unfallfrei ins Tal schaffen. In Sachen Risikobewusstsein gibt es jedenfalls Aufholbedarf, wie eine repräsentative Studie des Kuratoriums für Verkehrssicherheit (KFV) zeigt: Bei einer österreichweiten Befragung von 3000 Wintersportlern im Alter von 16 bis 69 Jahren zu Beginn der Wintersaison gaben 34 Prozent der Befragten an, in den vergangenen zwölf Monaten Wintersport betrieben zu haben, obwohl sie Alkohol konsumiert hatten. Rund 29 Prozent davon haben nur einmal unter Alkoholeinfluss die Pisten benutzt, 58 Prozent zwei bis drei Mal, neun Prozent vier bis fünf Mal und vier Prozent sogar noch öfter.

Im Zuge der Befragung habe sich „eine ausgeprägte kognitive Dissonanz“ gezeigt, so das KFV: „Die überwältigende Mehrheit stuft die Kombination aus Alkohol und sportlicher Aktivität als ‚sehr gefährlich‘ ein und nimmt andere Personen in alkoholisiertem Zustand als Risiko wahr. Allerdings neigen viele dazu, den eigenen Alkoholkonsum zu bagatellisieren.“ Laut der Studie stufen rund 13 Prozent der Befragten ihre Fahrtüchtigkeit erst nach mehr als drei Gläsern (1 Glas = 0,3 Liter Bier oder 1/8 Wein) als beeinträchtigt ein, 51 Prozent nach zwei bis drei Gläsern und 34 Prozent bereits nach einem Glas. Rund zwei Prozent gaben demnach an, dass Alkohol ihre Fahrtüchtigkeit (angeblich) gar nicht beeinträchtigt.
Medizinische Folgen
Die Gefahren des Alkoholkonsums: “Bereits geringe Mengen führen zu verlängerten Reaktionszeiten, Tunnelblick, Koordinationsstörungen und erhöhter Risikobereitschaft. Bei Geschwindigkeiten ab 30 bis hin zu 70 Kilometern pro Stunde oder sogar noch mehr, die heute mit moderner Skiausrüstung möglich sind, kann es binnen Sekundenbruchteilen zu folgenschweren Kollisionen kommen”, so der KFV.

Doch anders als im Straßenverkehr gibt es auf der Skipiste keine Promillobergrenze. Ein Alkotest erfolgt nur auf freiwilliger Basis – oder Blutabnahme auf Anordnung der Staatsanwaltschaft bei entsprechendem Delikt. Auf Nachfrage, ob sie eine solche befürworten würde, erklärt KFV-Expertin Trauner-Karner: „Grundsätzlich ist jede Maßnahme sinnvoll, die Unfälle unter Alkoholeinfluss verhindert – vor allem wenn es um andere Pistenteilnehmer geht, wie Kinder, die durchaus von Unfällen betroffen sein können. Unsere Empfehlung ist es, wie beim Fahren im Straßenverkehr, auf Alkohol zu verzichten.“
Rechtliche Konsequenzen
Die fehlende Promillegrenze soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass bei einem Unfall unter Alkoholeinfluss rechtliche Konsequenzen drohen. „Alkoholeinfluss gilt im Falle einer Verhandlung als straferschwerend – analog zu Unfällen im Straßenverkehr“, so die LPD. Denn: „Die Person weiß um das Bevorstehen einer mitunter gefährlichen Tätigkeit (Abfahrt mit Ski).“ Auch versicherungstechnisch kann eine Alko-Fahrt auf der Skipiste kritisch werden.

Toni Trantura, selbstständiger Versicherungsmakler aus Hohenems, führt aus: „Bei einem Zusammenstoß kann es sein, dass die Haftpflichtversicherung aussteigt und der alkoholisierte Unfallverursacher auf den Kosten – beispielsweise das Schmerzensgeld – sitzen bleibt. Das wird jeweils von Fall zu Fall individuell entschieden.“ Für Unfallversicherungen sei der Knackpunkt häufig, ob in der konkreten Situation eine „Bewusstseinsstörung durch Alkoholeinfluss“ vorliegt. Auch Trantura rät daher: „Wenn man die letzte Abfahrt von der Skihütte macht, sollte man nüchtern sein.“

Nicht zuletzt sind es die Einsatzkräfte, die im Falle eines Alkoholunfalls im Skigebiet gefordert. In Lech machen die Bergungen alkoholisierter Skifahrer und Snowboarder aber nur einen geringen Teil der Bergungen aus, wie Bernd Burtscher, Leiter der örtlichen Bergrettung erklärt. Bei Fällen von übermäßigem Alkoholkonsum auf der Hütte rufen die Gastronomen bei der Pistenrettung an: „Wir entscheiden, ob der Gast eine Gefahr darstellt und abtransportiert wird. Der Betroffene wird dann über die Kosten aufgeklärt“, erklärt Burtscher. Im aktuellen Winter habe es aber nur ein bis zwei derartiger Fälle bei über 800 Einsätzen gegeben. Für Unfälle, die außerhalb der Betriebszeiten der Skipiste auftreten – etwa beim Nachtrodeln – sei die Bergrettung zuständig, so Burtscher.
Beschimpfungen gegen Einsatzkräfte
Klaus Drexel, Sprecher der Vorarlberger Bergrettung, bestätigt, dass „gerade bei spätabendlichen Alarmierungen oft Alkohol im Spiel ist. Wir bekommen das oft dadurch mit, dass der Notarzt einem Alkoholisierten gewisse Schmerzmittel nicht verabreichen darf.“ Der Dornbirner sieht ein Phänomen, das über die Piste hinaus geht: „Alkohol ist für uns ein Dauerbegleiter, ob beim Wintersport oder im Sommer bei Mountainbikern. Das Problem ist, dass mit dem Alkoholkonsum die Hemmung sinkt und die Leute denken, sie seien unsterblich“, so Drexel, der einen weiteren, unschönen Nebeneffekt anspricht: „Oft werden Einsatzkräfte von Betrunkenen auf das Übelste beschimpft. Das sind Menschen, die ihre Freizeit opfern, um andere zu bergen.“

Drexels Appell lautet: „0,0 Promille in den Bergen.“ Man müsse bedenken, dass man sich im alpinen Raum bewegt: „Auch nüchtern sind viele Aktivitäten in den Bergen schon gefährlich genug. Es mag auf der Hütte gesellig sein, aber man muss sich bewusst sein, dass man auch sicher ins Tal kommen sollte.“
(NEUE Vorarlberger Tageszeitung)