Schock-Anruf aus dem Strahlenlabor: “Noch nie in meinem Leben war ich in so einer Situation”

Ex-GroMo-Produktionsleiter Klaus Thaler, Anti-Atom-Aktivistin Hildegard Breiner und Energielandesrat Daniel Allgäuer mit Erinnerungen und Einschätzungen zum 40. Tschernobyl-Jahrestag.
Einen Marinelli-Becher, der als Teil der sogenannten Canberra-Messanlage die Strahlenbelastung in der Milch der ehemaligen Großmolkerei (GroMo) erfasste, hat Klaus Thaler im hauseigenen Keller aufbewahrt. Der heute 95-Jährige war von 1951 bis 1992 Betriebsleiter der Molkerei und erlebte den atomaren Super-GAU (größter anzunehmender Unfall) vor 40 Jahren hautnah mit.

„Einen Tag nach der Verlautbarung der Katastrophe hat man in der GroMo eine Vorstandssitzung einberufen. Abends um halb acht bin ich zur Molkerei gefahren. Da war plötzlich eine Wolkenstimmung, die man noch nie gesehen hat. Gelb-rötlich verschwommen, das hatte etwas Unheimliches. Ich kann es heute noch vor meinem inneren Auge sehen. Dieser Anblick ging mir durch Mark und Bein“, schildert Thaler lebhaft im Gespräch mit der NEUE. „Da dachte ich: Mensch, kommt das bis zu uns?“

Die Folgen für die GroMo waren unmittelbar, wie Thaler weiter erzählt: „Die Bauern durften die Milchkühe nicht mehr auf die Weide zum Gras lassen, da das stark belastet war. Stattdessen fütterete man ihnen unbelastetes Heu. Dafür erhielt man pro Liter Milch einen Schilling als Zuschuss vom Land.“ Die Zeit, erklärt der rüstige Pensionist, habe sich bei ihm „ins Gedächtnis eingebrannt.“ Der GroMo selbst entstanden aus einem anderen Grund große finanzielle Einbußen: Für die Molkeprodukte, die von Dornbirn nach Leutkirch ins deutsche Allgäu geliefert wurde, brach der Absatzmarkt weg, da viele Länder die Importe dieser Produkte aus Europa stoppten. „Das machte pro Jahr zwei Millionen Schilling aus. Es hat Jahre gedauert, bis die Exportmöglichkeiten wieder aufgebaut worden sind. Da ist man machtlos abhängig gewesen“, beschreibt Thaler die Situation.

Die Angst vor der Strahlung führte in weiterer Folge auch dazu, dass die GroMo täglich Milchproben in die Lebensmitteluntersuchungsanstalt nach Innsbruck schicken musste. „Jeden Tag um zwölf Uhr musste ich mit einer Milchprobe zum Flugplatz Hohenems fahren. Der Sonderflug ‚Herkules‘ hat die Probe nach Innsbruck gebracht, da man möglichst schnelle Ergebnisse brauchte“, blickt Thaler auf die Zeit nach dem Reaktorunglück zurück.

Eines Nachts dann der Schock: Eine Probe überschritt den Grenzwert der Strahlung, die Auslieferung der Milch musste sofort gestoppt werden. „Das war ein großer Schock. Noch nie in meinem Leben war ich in so einer Situation. Der erste Lkw hatte schon begonnen, die Milch zu laden“, rekapituliert der 95-Jährige die damalige Aufregung. Zum Glück hatte der damalige Produktionsleiter eine private Telefonnummer und damit einen direkten Draht in die Lebensmitteluntersuchungsanstalt. Thaler zweifelte am Ergebnis, schließlich habe man alle Vorkehrungen eingehalten. Ein Anruf brachte das große Aufatmen: „Im Strahlenlabor gab es einen Fehler, man hatte die Zahlen bei der Übertragung vertauscht. Das hat uns die Rettung gebracht.“

Vier Jahrzehnte später erinnern die aufgehobenen Artefakte – wie der eingangs erwähnte Marinelli-Becher – an die Zeit nach dem Atomunglück in Tschernobyl zurück. Im Jahr 2006, am 20. Jahrestag der Katastrophe, hielt Klaus Thaler einen Vortrag in der Inatura über die hektischen Stunden in der GroMo, die er wohl nie mehr vergessen wird.
Hildegard Breiner: “Unsere Bundesregierung war hilflos”
Seit den 1950er-Jahren engagiert sich die Bregenzerin Hildegard Breiner in der Anti-Atomkraft-Bewegung. In Bezug auf das Reaktorunglück in Tschernobyl vor 40 Jahren blieb besonders in Erinnerung, „wie man zuerst herumgedruckst hat. Zuerst gab es kaum eine Meldung und nachher wurde die Wahrheit tröpfchenweise herausgegeben“, erinnert sich die heute 90-Jährige. „Auch unsere Bundesregierung war hilflos dem Unglück gegenüber. Man hat zuerst nicht gewusst, was man machen soll, bis man sich zu Maßnahmen durchgedrungen hat.“ Diese behinalteten Einschnitte in das alltägliche Leben: „Man durfte kein frisches Gemüse und kein frisches Obst essen. Kinder durften nicht in den Sandkästen spielen und man sollte immer Schuhe ausziehen, Hände waschen und möglichst die Kleidung wechseln, wenn man nach Hause kommt.“

Das Reaktorunglück habe sie zweifelsohne ihn ihrem Engagement gegen Atomkraft bestärkt, betont Breiner. „Block vier in Tschernobyl ist erst zwei Jahre davor fertiggestellt worden. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein GAU passiert, lag bei eins zu einer Million. Das Unglück ist so weit weg von uns passiert – die Rede war immer von 1400 Kilometern Luftlinie – und trotzdem hatte es solche Auswirkungen in Nord- und Mitteleuropa. Speziell bei uns war das ein richtiger Schock“, erzählt die Aktivistin.

Breiner wurde besonders im Widerstand gegen die geplante Wiederaufbereitungsanlage im bayrischen Wackersdorf aktiv: „Dort wären Brennstäbe aufgearbeitet worden, damit man sie in Kraftwerken wiederverwenden kann. Anfangs war die Unterstützung noch zögerlich, aber mit Tschernobyl ist sie enorm gewachsen. Kirchliche Leute und Lehrpersonen haben sich angeschlossen, sodass wir mit vollen Omnibusse zu den Demonstrationen gefahren sind.“ Man habe nicht nur dagegen sein wollen, sondern auch Lösungen finden, erklärt die Bregenzerin: „Wir wollten auch eine Lösung bieten. So entstand der Einsatz für erneuerbare Energien.“ Breiner selbst war es, die den Grundstein für die Kampagne mit dem bekannten Sonnenschein-Symbol legte.
Daniel Allgäuer: “Eindrücke, die ich nie vergessen werde”
Im Jahr 2006, 20 Jahre nach der Katastrophe, reiste der heutige Energielandesrat Daniel Allgäuer (FPÖ) mit einer Vorarlberger Delegation in das sogenannte „Tote Gebiet“ in Weißrussland, das direkt an Tschernobyl grenzt. Dort mussten die Menschen infolge der Katastrophe zwangsumgelsiedelt werden. „Ein Gebiet, ungefähr so groß wie Vorarlberg“, so der Landesrat. Besonders in Erinnerung seien ihm das menschliche Leid und die vielen Erkrankungen, vor allem Krebs. „Furchtbar zu sehen, wie viele, vor allem auch junge Menschen, an den Folgen von Tschernobyl erkrankt sind.“ Allgäuer spricht von „Eindrücken, die ich nie vergessen werde.“ Entsprechend deutlich ist seine Position zur Atomkraft: „Atomenergie ist falsch und in Wahrheit nicht beherrschbar. Atomkraftwerke sind auch für Fälle wie Tschernobyl nicht versicherbar und die Endlagerung (Atommüll) nach wie vor ungelöst.“ Besorgt zeigt sich der Landesrat über „die jüngsten Entwicklungen und Aussagen der EU und dem Nachbarland Bayern (Ministerpräsident Söder). Diese setzen wiederum auf Atomenergie und das alles unter dem Deckmantel der CO2-Neutralität.“ Die Antwort müsse lauten, auf erneuerbare Energieträger zu setzen.

Auf die Frage nach den Bedrohungen, denen Vorarlberg im Rahmen eines potenziellen Atomunglücks in einem Nachbarland ausgesetzt wäre, antwortet der Landesrat, dass diese vom Schweregrad, Wetterlage und Entfernung des Unfallgeschehens abhängig sind. „Die Folgen reichen von akuten Gesundheitsgefahren (akute Strahlenkrankheit, Haarausfall, Verbrennungen, Organschäden, unmittelbarer Tod sowie Langzeitfolgen wie erhöhtes Krebsrisko) bis hin zu jahrzehntelangen ökologischen und ökonomischen Schäden“, teilt Allgäuer mit.„Radiologische Ereignisse, die eine großräumige Kontamination verursachen können, fallen in die Zuständigkeit des Bundes“, verweist der Landesrat auf einen Notfallmanagementplan im Umweltministerium. Auch das Land Vorarlberg hat einen entsprechenden Notfallplan, dem das Land im Katastrophenfall folgen würde.
(NEUE am Sonntag)