40 Jahre Aids-Hilfe Vorarlberg: “Die Therapie hat sich verändert, das Stigma ist geblieben”

Manuela Köhler transformierte die Aids-Hilfe zum Verein Sexuelle Gesundheit Vorarlberg. Zum Jubiläum spricht sie über Aufklärungsarbeit, Tabus und ein Wiener Modell als Vorbild für Vorarlberg.
Ein Test bei der Beratungsstelle Sexuelle Gesundheit Vorarlberg läuft ganz unkompliziert ab, ohne Voranmeldung und völlig anonym. „Die Menschen müssen nicht sagen, wer sie sind, oder ihre E-Card stecken. Sie kommen einfach zu uns, wählen einen Benutzernamen und bekommen Beratung, wie sie möchten. Dann gehen sie zum Arzt und eine Woche später ist das Ergebnis da“, schildert Geschäftsführerin Manuela Köhler. „Wir haben dieses Angebot seit 40 Jahren und die Menschen schätzen es sehr.“ Das schlägt sich auch in den Zahlen nieder: Laut dem diese Woche veröffentlichten Jahresbericht 2025 verzeichnete Sexuelle Gesundheit Vorarlberg mit 2294 Testungen einen neuen Rekord. Passend zum 40-jährigen Jubiläum der Organisation, die 1986 als Aids-Hilfe gegründet wurde, blickt Köhler mit der NEUE in die Vergangenheit.
Therapie und Stigma
Das HI-Virus – im fortgeschrittenen Stadium als Aids bekannt – wird meist über ungeschützten Geschlechtsverkehr übertragen und greift gewisse Zellen des Immunsystems an. Unbehandelt führt eine HIV-Infektion zu einer verminderten Leistung des körpereigenen Krankheitsabwehrsystems.

Verglichen mit der Anfangszeit der Aids-Hilfe Vorarlberg in den 1980er-Jahren hat sich medizinisch einiges getan. „Was zur damaligen Zeit eine tödliche Diagnose war, ist heute therapierbar. Aus einer Ausnahmesituation wurde ein Routinecheck. HIV ist nicht mehr tödlich, wenn man regelmäßig Tabletten beziehunsweise Spritzen nimmt. Mit den Medikamente ist man auch nicht mehr ansteckend, das heißt, die Viruslast rutscht unter die Nachweisgrenze. Mittlerweile gibt es auch Präventionsmedikamente, das sogenannte PrEP“, führt Köhler aus.
“In den 1980er-Jahren hat Prinzessin Diana bei der Eröffnung einer Aids-Station in Londen den HIV-positiven Menschen die Hand geschüttelt. Aber heute noch werden diese Menschen von manchen Physiotherapeuten mit Handschuhen behandelt. Unsere Aufgabe ist, mit Aufklärungsarbeit dagegen zu wirken.”
Manuela Köhler über die Stigmatisierung von HIV-positiven Menschen
Der Wissensstand der Bevölkerung hat diesen Wandel aber vielfach noch nicht mitgemacht, wie die Sozialarbeiterin bedauert: „Die Stigmatisierung hat sich leider nicht verändert, das zeigt auch der Diskriminierungsbericht der österreichischen Aids-Hilfen. Als Beispiel: In den 1980er-Jahren hat Prinzessin Diana bei der Eröffnung einer Aids-Station in Londen den HIV-positiven Menschen die Hand geschüttelt. Aber heute noch werden diese Menschen von manchen Physiotherapeuten mit Handschuhen behandelt. Unsere Aufgabe ist, mit Aufklärungsarbeit dagegen zu wirken.“ Diese Aufklärung erfolgt in Workshops an Schulen – 82 davon führte die Einrichtung im letzten Jahr durch – aber auch auf Veranstaltungen und in sozialen Medien.
Neuer Name
Seit rund drei Jahren ist Köhler als Geschäftsführerin tätig. Der Bedarf für Aufklärungsarbeit existiert nach wie vor, betont sie: „Noch immer kommen 40 Prozent der HIV-Diagnosen in Österreich zu spät. Das Immunsystem ist da bereits angegriffen.“

Unter Köhlers Ägide erfolgte auch der Namenswechsel von Aids-Hilfe Vorarlberg zu Sexuelle Gesundheit Vorarlberg. Damit rückt der Verein verstärkt auch den gesundheitlichen Aspekt seiner Arbeit in den Mittelpunkt. Im Fokus stehen zudem andere sexuell übertragbare Krankheiten. Zu den „Big Five“ zählen neben HIV auch Syphilis, Hepatitis C, Chlamydien und Gonorrhoe. Köhler erklärt: „Es würde keinen Sinn machen, wenn wir HIV-Testungen anbieten, wenn man zum Beispiel für Syphilis zu einer anderen Stelle gehen müsste. Wir klären über andere sexuell übertragbare Erkrankungen ebenfalls auf, da es genauso wichtig ist, hier Präventionsarbeit zu betreiben.“
Hohe Dunkelziffer
Dass die Aufklärungsarbeit wirkt, zeigt die Statistik: Im Vergleich zu 2024 sind die Testungen aller „Big Five“-Erkrankungen in Vorarlberg angestiegen (siehe Factbox). Wie verbreitet die Krankheiten in der Bevölkerung tatsächlich sind, lässt sich aufgrund der Dunkelziffer nicht genau sagen. Köhler führt das auf die fehlende Meldepflicht zurück: „Es gibt in Österreich keine Stelle, die die Zahl der Erkrankungen erfasst. Die Schweiz ist uns da beispielsweise voraus.“
Testungen 2025 (Vergleich mit 2024)
HIV: 793 Tests (+28,7 Prozent), davon null positiv
Syphilis: 538 Tests (+36,9 Prozent), davon sechs positiv
Hepatitis C: 444 Tests (+68,8 Prozent), davon sieben positiv
Chlamydien: 519 Tests (+34,5 Prozent), davon zwölf positiv
Gonorrhoe: 519 Tests (+34,5 Prozent), davon einer positiv
Auch innerhalb Österreichs sieht die Geschäftsführerin Entwicklungen mit Vorbildwirkung: „Die Aids-Hilfe Wien hat heuer ‚magnus*‘ eröffnet. Das ist eine Stelle, die Beratung, Testung, Diagnostik und Behandlung an einem Ort vereint. Auch Kärnten hat dieses Konzept umgesetzt. Das ist die Zukunft. In der Gegenwart funktioniert das Angebot, die Menschen kommen zu uns. Aber um das zu erweitern, wäre ein solches Zentrum natürlich wunderbar.“ Derzeit führt Sexuelle Gesundheit Vorarlberg die Testungen dienstags zwischen 16.30 und 19 Uhr durch. Um das Angebot zu erweitern, wäre seitens des Landes eine höhere Förderung nötig, wie Köhler bestätigt.
Jubiläumsprogramm und Ausblick
Anlässlich des 40. Geburtstages wartet Sexuelle Gesundheit Vorarlberg mit einem Jubiläumsprogramm auf. Das umfasst Workshops, aber auch einen Poetry-Slam, ein Pubquiz und eine Jubiläumsparty. Die Veranstaltungen stehen unter dem Motto „Let‘s talk about Sex!“, man will auch hier die Arbeit zur Enttabuisierung unterstreichen.
Jubiläumsabend
Poetry-Slam „Let‘s talk about Sex!“: 4. September, Spielboden Dornbirn, Beginn: 19 Uhr
im Anschluss ab 21.30 Uhr Jubiläumsparty mit DJ Adoreble
Für das 50-jährige Jubiläum wünscht sich Manuela Köhler, dass „das Vertrauen der Menschen in uns nie verloren geht. Uns als Einrichtung wünsche ich, dass wir unseren Mut und unsere Offenheit beibehalten. Und ich würde mich freuen, wenn wir ein Zentrum wie in Wien auch in Vorarlberg etablieren könnten.“
Sexuelle Gesundheit Vorarlberg
Kaspar-Hagen-Straße 5, 6900 Bregenz
anonymes Testangebot dienstags von 16.30 bis 19 Uhr
(NEUE am Sonntag)