Neue Obfrau, gleiche Mission, bewährte Hilfe

Rund um die Uhr ein offenes Ohr für Menschen in Not: Seit November 2024 ist Helga Kohler-Spiegel ehrenamtliche Obfrau der Telefonseelsorge Vorarlberg (TS). Die 62-Jährige über ihre neue Aufgabe, Herausforderungen und die Kraft des Zuhörens.
Seit letztem November sind Sie Obfrau der Telefonseelsorge Vorarlberg. Was hat Sie dazu bewogen, dieses Amt zu übernehmen?
Helga Kohler-Spiegel: Nachdem Albert Lingg über 27 Jahre dieses Amt innehatte, wurde ich angefragt, es zu übernehmen. Da ich der Telefonseelsorge schon lange verbunden bin und dort auch Fortbildungen durchgeführt habe, fiel es mir leicht, Ja zu sagen. Ich schätze die Arbeit der Telefonseelsorge und vor allem die der ehrenamtlichen Mitarbeitenden sehr. Es ist eine Tätigkeit, die viel Sinn stiftet. Zudem habe ich großes Vertrauen in die Kompetenz des hauptamtlichen Teams, das die Arbeit äußerst stabil und verlässlich gestaltet.

Haben Sie sich gut eingelebt?
Kohler-Spiegel: Ja. Rund um den Jahreswechsel gab es viel zu tun, aber es war eine schöne und bereichernde Erfahrung. Es war wichtig, mich inhaltlich und organisatorisch einzuarbeiten und alle Aspekte kennenzulernen – von den Finanzen bis hin zur Zusammenarbeit mit den Vorstandsmitgliedern und Mitarbeitenden.
Welche persönlichen und beruflichen Erfahrungen bringen Sie in diese Position ein, insbesondere als Psychotherapeutin und Supervisorin?
Kohler-Spiegel: Ich bin hauptberuflich als Bildungswissenschaftlerin an der Pädagogischen Hochschule tätig und beschäftige mich dort mit Fragen der Psychologie. Das ist eng mit den Tätigkeiten der Telefonseelsorge verbunden. Im Rahmen meiner Arbeit mit Lehrpersonen und Schulen stehe ich nahe an den Themen, die die Menschen in Vorarlberg bewegen. Die Telefonseelsorge hat einen einzigartigen Einblick in die Sorgen und Nöte der Menschen, und meine Erfahrung in Psychotherapie und Supervision hilft mir, diese besser zu verstehen. Es ist berührend, wie wir Menschen am Telefon begleiten und ihnen dabei helfen können, ihren Alltag – und oft auch schwierige Wochen – zu bewältigen.
zur person
Helga Kohler-Spiegel studierte römisch-katholische Theologie und Pädagogik an der Universität Salzburg. Die 62-Jährige ist Hochschulprofessorin für Human- und Bildungswissenschaften an der Pädagogischen Hochschule Vorarlberg, Psychotherapeutin und Lehrtherapeutin, Psychoanalytikerin, Supervisorin und Führungscoach. 2016 erhielt sie den Würdigungspreis des Vorarlberger Wissenschaftspreises. Die in Dornbirn geborene Kohler-Spiegel ist verheiratet und wohnt heute in Feldkirch.
Die TS bietet Menschen in schwierigen Lebenslagen Unterstützung. Was sind die größten Herausforderungen?
Kohler-Spiegel: Die Zahl der Anrufe hat über die Jahre stark zugenommen, besonders seit Corona. Wir verzeichnen jährlich über 17.000 Anrufe, darunter etwa 800 Krisengespräche und 270 Suizidanrufe. Diese Gespräche betreffen oft Beziehungsfragen, Erziehungsprobleme oder gesundheitliche Sorgen. Für Menschen mit psychischen Erkrankungen ist die TS eine wichtige Anlaufstelle, um akute Belastungen zu bewältigen.
Und das das ganze Jahr über.
Kohler-Spiegel: Es ist eine enorme Leistung, dass wir 365 Tage im Jahr, rund um die Uhr, erreichbar sind – unabhängig davon, ob es Weihnachten, Silvester oder ein gewöhnlicher Dienstag ist. Besonders wichtig ist auch unsere Rolle als Vermittlungsstelle, etwa für den Familienkrisendienst außerhalb der Öffnungszeiten.

Wie sehen Sie die gesellschaftliche Rolle der TS in Zeiten zunehmender mentaler Belastung und sozialer Isolation?
Kohler-Spiegel: Einsamkeit und Angst haben stark zugenommen, ebenso psychische Erkrankungen. Die Telefonseelsorge bietet hier Verlässlichkeit und Unterstützung. Unsere Aufgabe ist es, den Menschen zuzuhören, sie in ihrer Situation zu begleiten und gemeinsam Lösungen zu finden, die ihnen helfen, den nächsten Schritt zu gehen. Diese Niederschwelligkeit – dass Menschen nicht auf einen Termin warten müssen, sondern sofort Hilfe bekommen – ist ein unschätzbarer Beitrag für die Gesellschaft. Ich bin überzeugt, dass man den Wert der Telefonseelsorge erst richtig erkennt, wenn sie nicht mehr existieren würde. Ich sage immer: „Wenn es die Telefonseelsorge nicht schon gäbe, müsste man sie sofort erfinden.“
„Mit Helga Kohler-Spiegel haben wir eine engagierte und erfahrene Persönlichkeit an der Vereinsspitze, die mit ihrer wertvollen Expertise und tiefen Sensibilität für die menschlichen Anliegen unsere Arbeit in bewährter Weise weiterintwickeln wird.“
Sepp Gröfler, TS-Leiter
Gibt es bestimmte gesellschaftliche oder politische Rahmenbedingungen, die Sie sich wünschen, um die Arbeit der TS zu erleichtern?
Kohler-Spiegel: Unsere Arbeit basiert auf einem schlanken institutionellen Rahmen und viel ehrenamtlichem Engagement. Wir werden vom Land Vorarlberg, der Diözese Feldkirch, der Evangelischen Kirche, der österreichischen Gesundheitskasse und freiwilligen Beiträgen unterstützt. Es ist wichtig, dass diese Unterstützung auch in Zukunft gesichert bleibt. Die Zusammenarbeit mit den Geldgebern und anderen sozialen Einrichtungen im Land funktioniert gut, und ich wünsche mir, dass diese Stabilität erhalten bleibt.
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Keine Angst vor Einsparungen, wie es seitens des Landes bei sozialen Institutionen angedacht ist?
Kohler-Spiegel: Aktuell sind wir davon nicht betroffen, aber unser Betrieb ist ohnehin schon so schlank aufgestellt, dass weiteres Sparen kaum möglich ist. Wir tun bereits alles, um die Kosten so niedrig wie möglich zu halten. Für den gesamten Betrieb – inklusive Reinigung, Öffentlichkeitsarbeit, österreichweiter Zusammenarbeit, Vernetzung sowie die Begleitung und Ausbildung der Ehrenamtlichen – stehen uns gerade einmal 160 Stellenprozent zur Verfügung. Das ist ein Minimum, mit dem wir den gesamten Betrieb aufrechterhalten.

Wie stellen Sie sich die Weiterentwicklung vor?
Kohler-Spiegel: Die Telefonseelsorge lebt von ihren ehrenamtlichen Mitarbeitenden – aktuell sind es 97, die sich mit großem Engagement einbringen. Ein wichtiges Ziel ist es, weiterhin Menschen für diese sinnstiftende Tätigkeit zu gewinnen, insbesondere auch jüngere Generationen. Neben der klassischen Telefonberatung entwickeln wir neue Angebote wie Mail- und Chatberatung sowie zukünftig Messenger-Dienste, um vor allem jüngeren Menschen besser gerecht zu werden. Gleichzeitig bleibt das Telefon das Herzstück unserer Arbeit.
Die Digitalisierung hält also auch bei der TS Einzug.
Kohler-Spiegel: Die neuen digitalen Angebote ergänzen unsere Arbeit und sind wichtige Entwicklungen, um auf veränderte Kommunikationsbedürfnisse einzugehen. Dennoch bleibt die Vermittlungsarbeit zentral – die Telefonseelsorge ist ein wichtiger Knotenpunkt im sozialen Netz, der Menschen hilft, Anschluss an weiterführende Hilfsangebote zu finden.

Im nächsten Jahr steht eine wichtige Personalie an.
Kohler-Spiegel: Ja, Sepp Gröfler, der die TS seit 24 Jahren leitet, wird 2026 in den wohlverdienten Ruhestand gehen. Er vereint unglaublich viel Engagement, Fachwissen und Leidenschaft in einer Person. Wenn es möglich wäre, würde ich ihn klonen – aber das geht leider nicht (lacht). Im Frühjahr werden wir uns intensiv mit seiner Nachfolge beschäftigen, um einen guten Übergang zu gewährleisten.
Was wünschen Sie sich für Ihre Amtszeit als Obfrau der TS?
Kohler-Spiegel: Mein größter Wunsch ist, dass die Telefonseelsorge auch in Zukunft für alle Menschen in Vorarlberg eine verlässliche Anlaufstelle bleibt. Es ist mir wichtig, die Bekanntheit der Nummer 142 weiter zu fördern, damit niemand in einer schwierigen Lebenssituation allein bleibt. Meine Botschaft lautet: Es gibt nichts, was so schlimm ist, dass man es nicht jemandem anvertrauen kann. Gemeinsam finden wir Wege, die wieder Hoffnung und Zuversicht bringen.