Wo geblasene Töne noch handgemacht sind

Tim Jenewein ist Blechblasinstrumentenmachermeister, Georg Stadler Holzblasinstrumentenerzeuger. Nicht nur Hamster Heribert ist froh, dass die beiden ihre Blasinstrumentenwerkstatt in Altach betreiben. Hier werden Instrumente repariert und bald auch gebaut.
Heribert liebt sein Horn, genauer seinen Hornschallbecher, in dem er gerne sitzt und seine runden Backen zeigt. Heribert ist der Hamster von Tim Jenewein und Georg Stadler, die Holz- beziehungsweise Blechblasinstrumente reparieren und sehr bald auch bauen werden. Ihre Werkstatt befindet sich in Altach vor dem Verkaufsraum von Cedric Ender. Die Werkstatt ist ein neuer Holzbau. Ender wollte sie etablieren, um seinen Kunden, die überlegen, ein Blechblasinstrument zu kaufen, einen umfangreichen Service bieten zu können. Die beiden Instrumentenbauer haben sie gemietet. So viel Blasinstrumenten-Expertise auf engem Raum ist in Vorarlberg einmalig. Überhaupt ist Blasinstrumentenbauer ein rarer Beruf geworden. Georg Stadler erzählt, dass sie in der Berufsschule als Holzblasinstrumentenbauer österreichweit zu viert waren – alle Jahrgänge zusammengenommen. Dabei können sich die beiden jungen Handwerker – Jenewein ist 30 Jahre alt und Stadler gerade 23 Jahre – nicht über mangelnde Arbeit beklagen. Es läuft gut, wobei Mundpropaganda das Wichtigste ist, um auf Dauer bestehen zu können.

Musikschüler bis Profimusiker
Für Hamster Heribert haben die beiden jungen Musikliebhaber alle möglichen Einrichtungsgegenstände gezimmert. Die Kinder, die in die Werkstatt kommen, mögen Heribert und seine geräumige Welt. Oft sind es Musikschüler, denen ein Instrument schon mal aus Versehen hinunterfällt, so dass es gewartet werden muss. Dellen in Trompeten, Risse in Klarinetten, das ist für Jenewein und Stadler nicht dramatisch, sondern Alltag.
Sie schätzen ihren eher ruhigen Arbeitsplatz, den Austausch mit den unterschiedlichsten Kunden – vom Profimusiker bis zum engagierten Amateur, und den Umstand, dass sie sich die Arbeit selbst einteilen können. Gemeinsam wollen sie sich einen Namen machen.

Jenewein hat zuerst Industriemechaniker gelernt, aber bald festgestellt, dass diese Branche nichts für ihn ist. Er wollte ein feines Handwerk ausüben, im familiäreren Rahmen. So landete er bei der deutschen Firma Melton, „die seiner Meinung nach der beste Hersteller von Tubas ist. „Dort habe ich zehn Jahre gearbeitet und auch meinen Meister gemacht.“ Er zeigt auf die Zeichnung eines Euphoniums, des kleinen Bruders der Tuba. Es war sein Meisterstück – und verdeutlicht, dass das Innenleben des Instruments komplizierter ist, als man erwarten würde. Auch in Deutschland gibt es nur noch drei Schulen, an denen man die Ausbildung machen kann: „Das ist schade. Es steckt nach wie vor viel schönes Handwerk darin“, sagt Jenewein. Als er nach Vorarlberg kam, war er verblüfft über die hiesige Blasmusikdichte. „Noch in dem wirklich kleinen Ort Laterns gibt es eine Blasmusikkapelle von 60, 70 Leuten. Da ist eigentlich immer was zu reparieren.“ Das ist gut für die zwei Handwerker, denn damit lässt sich Geld verdienen. Schon bald möchte Jennewein jedoch auch Instrumente selbst herstellen. Das wiederum ist nicht ganz billig: „Ventile, Blech, Schallstücke, das ist alles kostenintensiv und das muss ich vorstrecken.“#

Werkstatt als Proberaum
Potenzielle Kunden hat er dabei so einige in seinem Umfeld: Früher hat er zeitweise in fünf, sechs Kapellen gespielt, hatte jeden Abend Probe und am Wochenende oft mehrere Konzerte. Ganz so wild ist es jetzt nicht mehr. Zurzeit hat er ein kleines Ensemble und spielt in zwei größeren Formationen, eine Kapelle leitet er. Wann und wo übt er? „In der Werkstatt. Ich möchte die Nerven meiner Nachbarn nicht überstrapazieren und hier stört es niemanden“, sagt Jenewein und schmunzelt. Böhmisch-mährisch nennt man die für Blasmusik typische Richtung, die Jenewein wie Stadler gut gefällt, aber für gewisse Anlässe wie Bälle spielen sie beispielsweise auch eine Bearbeitung „What is love?“, Schmissiges mit einem gewissen Schmunzeln.
Eine Trompete kann zwischen 400 und 5000 Euro kosten. Dabei macht das Material viel aus, aber auch die Verarbeitung. Entscheidend für den Kauf ist aber auch der persönliche Geschmack. „Ein Musiker der Wiener Symphoniker wird ein klanglich perfektes Instrument haben wollen, das aber vom Aussehen her unauffällig ist. Genauso gibt es aber ambitionierte Hobbymusiker, die ein vergoldetes oder mit Antik-Lack auf alt gemachtes Instrument möchten – etwas Besonderes, das ihre Beziehung zum Instrument ausdrückt. Ob ein Instrument zu den Holz- oder Blechblasinstrumenten zählt, hängt vom Mundstück ab. Das Saxophon ist entsprechend ein Holzblasinstrument.“ Jenewein zählt auf, was er zu bauen gedenkt: Die Trompete als Sopraninstrument; das Euphonium, das aussieht wie eine kleine Tuba, als Tenorinstrument, und die Tuba als Bassinstrument.

Filigranes Arbeiten
Früher gab es neben dem Instrumentenbauer, der alles zusammengebaut hat, noch den Ventilmacher und den Schallstückmacher, erzählt er. Heute werden Pump- und Drehventile zugekauft. Sie selbst herzustellen, lohnt sich nicht. Überhaupt wird es immer günstiger, Instrumente zu kaufen und immer teurer, sie reparieren zu lassen. „Zum Glück verwenden die Musikvereine hier höherwertige Instrumente, die über einen längeren Zeitraum bestehen“, weiß Stadler. Er ist Holzblasinstrumentenerzeuger, wie es offiziell heißt, und repariert alles von der Klarinette bis zum Fagott.
Am liebsten macht er Generalüberholungen. „Der Unterschied zwischen vorher und nachher ist groß, sowohl optisch als auch im Klang“, erzählt Stadler. Dabei werden Verschleißteile wie Polster ausgetauscht. Damit die Klappe beim Herunterdrücken nicht scheppert, wird sie von innen mit Leder, Kork oder Filz bezogen. Es sind filigrane Arbeiten, eine Pinzette liegt bereit, der kleinste Schraubenzieher ist kaum als solcher identifizierbar. „Wir haben sehr verschiedenes und oft eher kleines Werkzeug“, sagt Stadler. Jedes Metallhilfsstück hat seinen Platz, die Werkstatt wirkt ordentlich und aufgeräumt.
Ihren Beruf bezeichnen Tim Jenewein und Georg Stadler als einen der schönsten, die es überhaupt gibt. Der Kundenkontakt, die schöne Werkstatt, das Arbeiten mit einem netten Kollegen. Cedric Enders Vater, der hin und wieder vorbeischaut, bringt es auf den Punkt: „Die Werkstatt ist eine Bereicherung für die ganze Region.“