Historiker sieht SOS-Kinderdorf lange „dem Schweigen verpflichtet“

Unter dem Titel “Dem Schweigen verpflichtet” stellte sich der Historiker Horst Schreiber den Fragen von Markus Barnay im Vorarlberg Museum und ließ tief blicken.
Horst Schreiber ist einer der renommiertesten Zeithistoriker Westösterreichs und war schon im Jahre 2012 durch das SOS-Kinderdorf beauftragt, eine wissenschaftliche Studie über die Erziehungspraktiken in den österreichischen SOS-Kinderdörfern von Anbeginn bis in die 1990-Jahre zu verfassen. Nun nahm er auch zu aktuellen Geschehnissen Stellung. Und stellte auch fest, dass das „systematische Wegschauen“ um den „guten Ruf“ nicht zu beschädigen und die Spendenaufkommen hochzuhalten, auch in den 2000er-Jahren weiterging. Die Zeitschrift „Falter“ brachte weitere Vorfälle ans Licht und dann kamen die Missbrauchsvorwürfe gegen den (Mit-)Gründer Hermann Gmeiner in die Medien und die Vorwürfe gegen Gmeiner wurden von der Organisation bestätigt. Auch, dass bei acht Personen Entschädigungszahlungen geleistet und Therapiestunden für die mutmaßlichen Opfer finanziert wurden.
Strukturelle Ursachen der Gewalt
Horst Schreiber erklärte, dass es neben den Tausenden Kindern, denen die Organisation zu einem besseren Leben verhalf, eben auch den Missbrauch an Kindern gab. Schreiber: „Man dürfe nicht vergessen, dass es da, wo es Schattenseiten gibt, auch Sonnenseiten gibt, die nicht außer Acht gelassen werden dürften.“ Dazu gehöre unter anderem, dass in der Regel alle Kinder einer Familie zusammenbleiben durften und durch die Kinderdorfmütter eine beständige Bezugsperson für die Kinder geschaffen wurde, was in anderen staatlichen oder kirchlichen Kinderheimen nicht zwingend der Fall war. Positiv hob er auch hervor, dass die Kinder in den SOS-Kinderdörfern nicht in Heimen mit Zäunen untergebracht waren, sondern in Häusern und einem Dorf. Auch dass es keine abgeschlossenen Schulen gab, sondern die Kinder in die öffentlichen Schulen gingen, was die Integration erleichterte.

„Hermann Gmeiner ist eine vielschichtige Persönlichkeit mit unheimlich großen Verdiensten und auf der anderen Seite, wie die SOS-Kinderdorforganisation bekanntgegebenhat, ein Täter.“
Horst Schreiber, Historiker
Ein Modell des Ständestaates
Hermann Gmeiners pädagogisches Konzept, nach dem Zweiten Weltkrieg, fußte auf einem ständestaatlichen Traditionsbild der bäuerlichen Großfamilie, aus dem er selbst stammte, mit einem Frauenbild ohne materielle Ansprüche. Dafür schrieb er Frauen eine „instinkthafte“ Fähigkeit zu Kinderliebe und Erziehung zu, unterstützt durch eine katholische Erziehung in einer dörflichen Gemeinschaft. Die „Mütter“ für das Kinderdorf kamen oft aus ländlichen Gegenden mit der entsprechenden Sozialisierung, hatten selbst keine eigenen Kinder oder gar eine pädagogische Ausbildung. Gerade vor dem Hintergrund, dass sie bis zu neun Kinder auf einmal „bekamen“ und diese aus verschiedenen Familien mit unterschiedlichen Vergangenheiten stammten, konnte es leicht zur Überforderung führen. Schreiber: „Ein Vater war ja für die Familien nicht vorgesehen, dafür gab es den ,Übervater’, den Kinderdorfleiter, der für alle zuständig war und viele andere Aufgaben zu erledigen hatte.“ Dass Überforderung zur Gewalt führen kann, ist eine alte Weisheit, dass Gewalt in der Erziehung nach dem Krieg noch eine andere Bedeutung hatte, auch. Und Gewalt konnte nicht nur von Erwachsenen ausgehen, sondern auch innerhalb der neuen Familien zwischen den „Kindern“.

Missbrauchsvorwürfe
Schreiber erklärte, dass Hermann Gmeiner aus pädagogischer Sicht ein Dilettant war, ohne irgendeine Ausbildung. Sein Bild der Frau habe er in sein Konzept überführt, sie musste sich unterordnen können, dem Dorfleiter, durfte nicht heiraten, musste gläubig sein und resilient. So sei der einen Seite, Liebe und Geborgenheit, oft die andere Seite gegenübergestanden, nämlich Familie und Gewalt. Gmeiner selbst sei ein „Egomane“ gewesen, später alkoholkrank und von depressiven Schüben gezeichnet. Er selbst kenne die Missbrauchsakten mit den Vorwürfen gegen Gmeiner nicht, könne deshalb zu diesen auch keine Stellung beziehen, aber die Organisation müsste auf alle Fälle offener agieren. Sexuelle Übergriffe seien nämlich zu jeder Zeit verboten gewesen, im Unterschied zu bestimmten Formen der Gewalt in der Familie. Er könne Gmeiner weder verteidigen noch angreifen, weil ihm die Quellen dazu fehlen würden, auch wenn sich medial das Bild des „Kinderschänders“ verfestigt habe. Er findet es feige, wenn sich eine Organisation hinter dem Datenschutz verschanzt, sich so vollkommen vom Gründer zu distanzieren, von dem man so lange profitiert habe. Das sei ambivalent, der Diskussion müsste man sich als Organisation schon stellen. Schreiber: „Jetzt ist der Worst Case eingetreten, aufgrund der eigenen Unfähigkeit nicht zu lernen, die Organisation steht mit dem Rücken zur Wand.“ Obwohl die Organisation noch sehr wichtige Aufgaben leiste, zum Beispiel mit unbegleiteten, minderjährigen Flüchtlingen.
Alberschwende macht es richtig
Schreiber erzählte auch, dass ihn der Alberschwender Bürgermeister, Klaus Sohm, telefonisch kontaktierte. Schreiber habe ihm seine Position mitgeteilt, den Weg der Diskussion in und mit der Gemeinde zu gehen, und die Büste nicht sofort zu entfernen. Er würde auch das Gmeiner-Museum realisieren und das Werk und die Person umfassend aufarbeiten und präsentieren. Schreiber: „Hermann Gmeiner ist eine vielschichtige Persönlichkeit mit unheimlich großen Verdiensten und auf der anderen Seite, wie die SOS-Kinderdorforganisation bekanntgegeben hat, ein Täter. Diese ganze Geschichte sollte erzählt werden.“
Kurt Bereuter
Theater und Diskussion „Die Summe des Ganzen“
Termin: Samstag, 28. Februar, um 19.30 Uhr
Ort: Mesmers Stall in Alberschwende
Dieser Abend öffnet Raum für Dialog.