Zeugen Jehovas: Opfer des NS-Regimes in Vorarlberg

Bei einer Veranstaltung in der Bludenzer Remise sprachen die Historiker Harald Walser und Gerti Malle über die Verfolgung der Zeugen Jehovas im Nationalsozialismus.
Von Kurt Bereuter
neue-redaktion@neue.at
In einer Veranstaltung des Bludenzer Stadtarchivs und Geschichtsvereins sowie der Malin-Gesellschaft, des Vorarlberg Museums und des ÖGB, referierten in der „Remise“ die Historiker Harald Walser und Gerti Malle über eine fast vergessene Opfergruppe des Nationalsozialismus, die aber sehr früh und sehr intensiv verfolgt wurde. In den Konzentrationslagern wurden sie mit dem „Lila Winkel“ gekennzeichnet. So nennt sich auch heute ein Verein, der sich den Opfern des Nationalsozialismus annimmt, „Verein Lila Winkel“.
Früh und intensiv verfolgt
Gegründet wurde diese Religionsgemeinschaft in den 1870er-Jahren in den USA und verbreitete sich im 20. Jahrhundert auch in Europa. Schon in der Einleitung des Abends erklärte der Obmann der Malingesellschaft, Johannes Spies, dass sich „Jehovas Zeugen“ durch eine kompromisslose Haltung und eine beeindruckende Geschlossenheit gegenüber dem Nationalsozialismus auszeichneten. Sie lehnten nicht nur den Kriegsdienst an der Waffe ab, sondern verweigerten auch den Hitlergruß und die Teilnahme an den Jugendorganisationen, also beim „Bund Deutscher Mädel“, der „Hitlerjugend“ oder den „Pimpfen“. Dafür wurden sie mit Verhaftung, Kindeswegnahme oder der Einlieferung in eines der Konzentrationslager bestraft, wo sie durch den „Lila Winkel“ als „Bibelforscher“ diffamiert und gequält wurden. „Etwa 4500 ‚Zeugen‘ wurden in Konzentrationslagern interniert, fast die Hälfte von ihnen überlebte diese nicht“, präsentierte Gerti Malle die aktuellen Opferzahlen.
„Bibelforscher“ lehnen Gewalt ab
Ab 1939, erklärte Malle, wurden die männlichen Zeugen als Kriegsdienstverweigerer wegen „Zersetzung der Wehrkraft“ vor das Kriegsgericht gestellt und hingerichtet. Sie erzählte vom Tischler Franz Smounig, der den Kriegsdienst verweigerte, verhaftet wurde und standhaft blieb. Er wurde durch das Kriegsgericht zum Tode verurteilt und hingerichtet. Ein Fall, der an den Katholiken Franz Jägerstätter erinnert, der 2007 seliggesprochen wurde, weil er den Kriegsdienst für den NS-Staat nicht mit seinem religiösen Gewissen vereinbaren konnte.
Opfer in Vorarlberg
Harald Walser widmete „Jehovas Zeugen“ schon 1985 einen kurzen Beitrag im Band „Von Herren und Menschen“, obwohl es in Vorarlberg in den 1930er-Jahren nur etwa zwanzig „Zeugen“ gab. Die Verfolgung der Mitglieder dieser „Wachturm-Gesellschaft“ begann in Österreich schon in der Zeit des Austrofaschismus 1936 durch ein Verbot dieser Religionsgemeinschaft und teilweise auch durch kurzzeitige Inhaftierungen. Im „Dritten Reich“ wurden sie wegen „Teilnahme an einer wehrfeindlichen Verbindung“ dann aber viel härter verfolgt. Der zeitweise in Dornbirn wohnhafte Ludwig Cyranek, der Schriften von der Schweiz nach Vorarlberg schmuggelte und ab dem „Anschluss“, 1938, Gesinnungsmitgliedern zur Flucht in die Schweiz verhalf, wurde von der Gestapo verhaftet. Selbst in der Gestapo-Haft sei er nicht bereit gewesen, Namen von „Zeugen Jehovas“ zu verraten. 1941 wurde er hingerichtet. Nicht viel anders erging es August Kraft, der ebenfalls als Fluchthelfer in die Schweiz agierte, er wurde nach seiner Verhaftung in das KZ Mauthausen interniert und starb dort unter den bekannt unmenschlichen Bedingungen 1940.

Gedenkkultur und Parallelen
Der Mut, die Überzeugung und die Kompromisslosigkeit der Zeugen Jevohas erinnert an den katholischen Kriegsdienstverweigerer Franz Jägerstätter, der seit zwanzig Jahren große Anerkennung fand. Für die ebenso handelnden Zeugen Jehovas gibt es in Vorarlberg keine ausgewiesene Gedenkstätte, wie Walser erklärte. Gerti Malle erzählte aus Kärnten, dass dort fünf NS-Opfer, die als Zeugen Jehovas von den Nationalsozialisten ermordet wurden, kurzerhand auf das Kriegerdenkmal für die gefallenen Soldaten aufgenommen wurden. Erst nach Protest wurden die Namen dort „ausradiert“ und bekamen ein eigenes Denkmal. Walser erinnerte dies an die Situation um Josef Vallaster aus dem Silbertal, der als ein schwerer Kriegsverbrecher unter die gefallenen Krieger aufgenommen wurde, obwohl er beim Aufstand der Häftlinge mit einer Axt erschlagen worden war. Ähnlich auch die Erinnerung an ein Opfer der sogenannten „Euthanasie“ der Nationalsozialisten in Bezau. Auch dieses Opfer wurde auf den Gedenkort der Gefallenen integriert, ohne Unterschied, ob er im Krieg umkam oder durch die Nationalsozialisten ermordet wurde.
Vom Militärdienst (nicht) befreit
Bis in die 1990er-Jahre waren Angehörige der Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas vom Militärdienst – und auch vom Zivildienst – befreit. Gesetzliche Grundlage dafür gab es eigentlich keine, es war eher ein stillschweigendes Agreement zwischen dem Bundesministerium für Landesverteidigung und der damals noch nicht anerkannten Religionsgemeinschaft der „Zeugen“, wegen ihrer massiven Verfolgung im Nationalsozialismus. Die Anerkennung als „anerkannte Religionsgesellschaft“ erfolgte in Österreich erst 2009 nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte, wegen Diskriminierung. Nachdem die Gewissensprüfungskommissionen für den Zivildienst 1992 abgeschafft wurden und die Zeugen Jehovas ab 1994 auch einberufen wurden, verweigerten manche „Zeugen“ noch bis 1995 einen Wehr- oder Ersatzdienst und wurden sogar inhaftiert. 1996 stellte die Religionsgemeinschaft ihren Mitgliedern die Entscheidung frei, ob sie einen Zivildienst ableisten. Heute würde der Großteil der wehrdienstpflichtigen „Zeugen Jehovas“ den Zivildienst ableisten, erklärte Malle in der anschließenden Diskussion.