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Kinz-Sager sorgt für Disput bei Historikern

17.03.2026 • 16:34 Uhr
Kinz-Sager sorgt für Disput bei Historikern
Hubert Kinz hat sich mittlerweile für seine Aussage entschuldigt. Steurer, Hartinger, ZVG

Bei der alle zwei Jahre stattfindenden Jahreshauptversammlung des Historikervereines gab es einen Wechsel an der Spitze der Malingesellschaft.

Von Kurt Bereuter
neue-redaktion@neue.at

In den 1980er-Jahren machte sich eine Gruppe von damals jungen, studierten Historikern auf den Weg, die Geschichte des Nationalsozialismus in Vorarlberg aufzuarbeiten und auch zu publizieren. Namen wie Werner Bundschuh, der der Johann-August-Malin-Gesellschaft 30 Jahre vorstand, Harald Walser, Gernot Egger, Werner Dreier, Kurt Greussing, Markus Barnay und Meinrad Pichler haben sich mit fast unzähligen Forschungsarbeiten zur Nationalsozialismusforschung im Land eingeschrieben und sich großer Verdienste erworben. Vor vier Jahren übernahm der Pädagoge und Historiker Johannes Spies, mit einem neuen Team um Isabella Greber, Sarah Koelman und Severin Holzknecht, die Führung des Vereins und wurde bei der Jahreshauptversammlung für sein Engagement und seine Vereinsleitung sehr gelobt. Trotzdem stand er für eine Verlängerung an der Spitze nicht mehr zur Verfügung.

Kinz-Aussagen mit Folgen

Bei der Jahreshauptversammlung erklärte Johannes Spies, dass es in Folge der Aussagen des FPÖ-Landtags-Vizepräsidenten Hubert Kinz, der den Holocaust in einer Landtagssitzung verharmlost habe, worin sie sich einig waren, zu Meinungsverschiedenheiten kam. Kinz entschuldigte sich in Folge und bat um einen Ordnungsruf. Johannes Spies: „Ich wollte mich auf die Einordnung und Kritik aus Historikersicht beschränken, während die anderen Vorstandsmitglieder auch eine gesellschaftspolitische Einordnung seiner Aussagen wollte, was aber nicht meiner Vorstellung für die Leitung eines historischen Vereins entspricht.“ Deshalb hätte er für sich entschieden, die Obmannschaft nicht fortzusetzen und den Weg für einen neuen Obmann – oder wie sich herausstellte – eine neue Obfrau freizumachen. Johannes Spies: „Wir trennen uns absolut im Guten, haben hier aber eine Meinungsverschiedenheit, die wir zum Wohle des Vereines und seiner Arbeit auf diese Weise gelöst haben. Ich kenne die neue Obfrau von meiner Arbeit bei erinnern.at sehr gut und freue mich, dass sie dem Verein nun vorsteht.“

Kinz-Sager sorgt für Disput bei Historikern
Johannes Spies machte den Weg für eine neue Obmannschaft frei. Hartinger

Ich wollte mich auf die Einordnung und Kritik aus Historikersicht beschränken, während die anderen Vorstandsmitglieder auch eine gesellschaftspolitische Einordnung wollten. Das entspricht aber nicht meiner Vorstellung für die Leitung eines historischen Vereins.

Johannes Spies, scheidender Obmann Malingesellschaft

Die neue Obfrau

Victoria Kumar ist promovierte Historikerin, studierte in Graz und Jerusalem, und ist seit sechs Jahren in Bregenz bei „erinnern.at“ tätig. Dort realisierte sie für Vorarlberg – neben vielen Bildungsangeboten für Lehrpersonen – das Projekt „Derla“: eine digitale Erinnerungslandschaft, in der alle Gedenkstätten, -orte und Erinnerungszeichen an NS-Opfer und Orte des NS-Terrors dokumentiert und auch Vermittlungsangebote bereitgestellt werden. Für Vorarlberg ist die Karte schon recht vollständig erarbeitet, wird aber weiterwachsen. Abzurufen unter: www.erinnerungslandschaft.at. Daneben wird sie am laufenden Veranstaltungsprogramm der Malingesellschaft mit den bewährten Kooperationspartnern, wie dem Vorarlberg Museum, weiterarbeiten. Inhaltlich möchte sie sich unter anderem mit dem weiblichen Widerstand im Nationalsozialismus und dem Austrofaschismus in Vorarlberg befassen. Auch einen Beirat will sie initiieren und sich dem Thema Rechtsextremismus verstärkt widmen, der in Vorarlberg einen starken Zuwachs verzeichnen würde.

Victoria Kumar
Victoria Kumar, neue Obfrau der Malingesellschaft, ist promovierte Historikerin mit viel Erfahrung in der Projektorganisation und in der Vermittlungsarbeit. ZVG

Kinz‘ vorbereitete Wortmeldung in der Landtagssitzung vom 5. Februar illustriert seine Wertung und Gewichtung der Shoah. Sie bedient rassistische Denkmuster und propagiert eine bestimmte Form der Erinnerung, die ihn und seine Partei aus der Verantwortung nimmt.

Victoria Kumar, Obfrau Malingesellschaft

Zu den Aussagen von Hubert Kinz hat sie eine klare Haltung, die sie auch als neue Obfrau kommunizieren will. Kumar: „Kinz‘ vorbereitete Wortmeldung in der Landtagssitzung vom 5. Februar illustriert seine Wertung und Gewichtung der Shoah, sie bedient rassistische Denkmuster und propagiert eine bestimmte Form der Erinnerung, die ihn und seine Partei aus der Verantwortung nimmt. Die ‚Causa Kinz‘ zeigt, dass die Verharmlosung und Relativierung von NS-Verbrechen selbst für Personen in hohen öffentlichen Ämtern letztlich ohne Konsequenzen bleibt und, dass Kinz nicht über die für das Amt des Vizepräsidenten des Landtages notwendige ethische Qualifikation verfügt.“

Gesellschaftspolitische Haltung

Werner Bundschuh, der 2022 – nach 30 Jahren – seine Obmannschaft zurücklegte, erklärt: „Wir sind ein Historikerverein, der sich nie in die Tagespolitik einmischte, aber zu Themen, die die Geschichte betreffen und heute wieder aktuell sind, haben wir immer unsere Meinung kundgetan, weil wir es für notwendig erachteten. Das gilt auch für die Aussagen von Hubert Kinz zu unserer Geschichte und betrifft auch die ungenügende Auseinandersetzung mit unserer Geschichte. Deshalb ist für mich und den Vorstand in diesem Fall schon eine Stellungnahme angebracht und hätten wir uns auch vom scheidenden Obmann erwartet.“ Die Verdienste von Johannes Spies will er aber keinesfalls schmälern, sondern lobt sein Engagement in der Vergangenheit für die Malingesellschaft. Es darf also auf die neue Obfrau und ihre Stellungnahmen zu aktuellen geschichtspolitischen Themen eine neue Linie – oder wieder die alte – erwartet werden.

Kinz-Sager sorgt für Disput bei Historikern
Werner Bundschuh war jahrzehntelang Obmann des Historikervereines. Hartinger