_Homepage

Nein, kann ich nicht

18.04.2026 • 16:00 Uhr
Nein, kann ich nicht

Vor einiger Zeit habe ich Anzeige erstattet. Ein Lkw-Fahrer hatte mich und ein damals 10-jähriges Kind bei Gegenverkehr „überholt“ – sprich, er ist mit höchstens 20 Zentimetern Abstand an uns vorbeigefahren, ohne auch nur den Fuß vom Gaspedal zu nehmen. Die Firma, deren Logo auf dem Lkw war, reagierte weder auf Anruf noch E-Mails mit der Bitte, ihre Fahrer über die gesetzlich vorgesehenen Überholabstände und deren Sinnhaftigkeit zu informieren. Also entschloss ich mich zur Anzeige.

Zunächst wurde mir seitens der Polizei erklärt, da könne man nichts machen. Ich solle mich besser sichtbar machen, wurde mir geraten und gesagt, Radfahrer und Lkw „passen halt leider nicht zusammen“. Kinder seien sowieso immer ein Problem. Und: Radfahrer würden mit ihrer rücksichtslosen Fahrweise ja oft herausfordern. Was genau sie herausfordern, blieb offen.

Die Anzeige wurde letztlich doch aufgenommen. Anfang dieser Woche durfte ich als Zeugin im Gerichtsverfahren aussagen. Abschließend fragte mich der freundliche Richter, ob ich nicht einfach woanders fahren könne.

Nein, kann ich nicht.

Ja, ich fahre, wenn möglich, auf den vorhandenen Radwegen. Aber nein, es gibt nicht überall Radwege und es ist schlicht nicht möglich, überall im Land ausschließlich auf Radwegen von A nach B zu radeln. Dort, wo es keine Radwege gibt, besteht nunmal der Anspruch, dass Pkw- und Lkw-Fahrer Gesetze einhalten und Rücksicht nehmen, also zum Beispiel beim Überholen einen sicheren Abstand halten. Ganz besonders, wenn Kinder dabei sind.

Gesetzlich ist ein sicherer Überholabstand mit 1,5 Metern innerorts und zwei Metern außerorts festgelegt. Jedes Überholmanöver, das trotz Gegenverkehr durchgeführt wird, ist nicht nur unsicher, sondern lebensgefährlich. Die Verantwortung für knappe Überholabstände liegt sicher nicht bei den Radfahrenden, sondern beim Kfz-Lenkenden. Aussagen wie die oben erwähnten suggerieren, Radfahrer seien selbst schuld an zu geringen Überholabständen – und entlasten damit Auto- und Lkw-Fahrer von ihrer Verantwortung.

Eine bewusstseinsbildende Kampagne zum sicheren Überholen ist dringend notwendig.

Veronika Rüdisser
Veronika Rüdisser ist Politikwissenschaftlerin und Vorstandsmitglied der Radlobby Vorarlberg.