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Die erschossene Widerstandskämpferin und der umgedrehte Grabstein

20.04.2026 • 15:15 Uhr
Die erschossene Widerstandskämpferin und der umgedrehte Grabstein
Bereuter; Jüdisches museum, wüstner

Hilda Monte wurde 1945 auf der Flucht vor den Nationalsozialisten in Feldkirch erschossen und dort beerdigt. Warum ihr Grabstein zweimal umgedreht wurde.

Auf dem evangelischen Friedhof in Feldkirch wurde das Grab der Widerstandskämpferin Hilda Monte 2021 mit einer Zusatztafel ergänzt, die sie für ihren Kampf gegen das nationalsozialistische Regime würdigt. Die 1914 in Wien geborene, in Berlin bis 1933 aufgewachsene Hilde Meisel, war bei Hitlers Machtergreifung zum Studium in England, an der „London School of economics“. Als Widerstandskämpferin gab sie sich Tarnnamen wie Hilda Monte, Elisabeth Olday, Hilde Bachmann oder Eva Schneider. Sie leistete nicht nur als Schriftstellerin, unter anderen für die britische BBC, geistigen Widerstand, sondern sie war überzeugt, dass es mehr brauche als nur Schreiben. Um das Regime der „grässlichen Bande“ Hitlers zu bekämpfen, reiste sie aus dem sicheren London oder aus Paris, wo sie im Exil lebte, immer wieder in das Deutsche Reich, um Widerstandsgruppen als überzeugte Sozialistin zu unterstützen. Auch nach Vorarlberg. Als Jüdin und Sozialistin setzte sie sich damit gleich in zweifacher Hinsicht der Verfolgung aus und sollte gegen Ende des Krieges, am 17. April 1945, dafür mit ihrem Leben bezahlen. Bei der beabsichtigten Rückkehr von ihrer letzten Mission in Österreich in die Schweiz, wo sie vom britischen Geheimdienst abgesetzt und wieder zurückerwartet wurde, wurde sie bei der Grenze in Feldkirch-Tisis nach Liechtenstein durch Grenzwächter angehalten. Als sie flüchtete, wurde sie durch einen der Grenzwächter angeschossen und verstarb am Blutverlust, laut Gestapo-Akten. Gemäß englischen Quellen habe sie mittels einer Zyankalikapsel ihrem Leben selbst ein würdiges Ende gesetzt.

Die erschossene Widerstandskämpferin und der umgedrehte Grabstein
Der Autor, Andreas Wilkens, mit dem Vertreter des Jüdischen Museums Hohenems, Raphael Einetter bei der Buchpräsentation in Altstätten.

Ihr Grab

Unter ihrem Tarnnamen Eva Schneider wurde sie auf dem evangelischen Friedhof in Feldkirch beigesetzt. Erst zwei Jahre später wurde die wahre Identität dieser Frau durch einen aus dem Exil zurückgekehrten Sozialisten, Anton Linder aus Dornbirn, bekannt und vermutlich auch der Grabstein mit der Inschrift „Hier ruht unsere unvergessliche Genossin Hilde Monte-Olday, geb. 31. 7. 1914 in Wien, gest. 17. 4. 1945 in Feldkirch. Sie lebte und starb im Dienste der sozialistischen Idee“ gesetzt. Laut vorliegendem Schriftverkehr wurde die Pflege des Grabes, im Auftrag einer Nichte Montes in Israel, durch einen befreundeten Historiker in Köln übernommen und 2019 sei die evangelische Gemeinde auf das Schwarze Kreuz zugekommen, um die Pflege des Grabes zu übernehmen. Der Zuständige habe dann bei der Landesleitung Vorarlberg des „Schwarzen Kreuz“, Erwin Fitz, angefragt, ob sie sich um das Grabmal kümmern würden.

2020 wird der Grabstein umgedreht

Die Landesgeschäftsstelle Vorarlberg des überkonfessionellen und überparteilichen „Österreichischen Schwarzen Kreuzes-Kriegsgräberfürsorge (ÖSK) – Arbeit für den Frieden“, kümmert sich in Vorarlberg um alle Kriegsgräber und Gräber der „Ostarbeiter“, unabhängig welcher Kriegspartei, Konfession oder Weltanschauung. So übernahm es auf Bitte der evangelischen Gemeinde Feldkirch in sehr großzügiger Auslegung der oben angeführten Grundsätze vom Innenministerium im Jahr 2019 freiwillig die Instandsetzung, Pflege und Erhaltung des Grabes von Frau Hilde Monte-Olday, wie Erwin Fitz als ehrenamtlicher Landesgeschäftsstellenleiter des Schwarzen Kreuzes erklärt. Seit längerer Zeit hätte sich niemand mehr aktiv um die Pflege und Instandhaltung des Grabes gekümmert, erklärt Erwin Fitz: „Bis zur durch das ÖSK vorgenommenen Sanierung war die Grabstätte verwildert und die Grabinschrift stark verwittert und kaum mehr lesbar und war jedenfalls kein Zeichen der Wertschätzung gegenüber diesem Opfer einer unseligen Zeit.“ Da vorhandene parteipolitische Formulierungen mit der Überparteilichkeit des ÖSK nicht vereinbar seien, legte Fitz einen Textentwurf für eine neue Beschriftung ohne politische Inhalte dem zuständigen Innenministerium zur Prüfung vor. Nach schriftlicher Genehmigung wurde eine Neubeschriftung mit dem wirklichen Namen und dem Pseudonym der Toten einschließlich der Todesumstände bei einem Steinmetz in Auftrag gegeben und durch das ÖSK bezahlt. Dabei legte Fitz größten Wert darauf, dass der ursprüngliche Text erhalten blieb und ließ zu diesem Zwecke den Stein umdrehen und neu gravieren. Nach Widerruf der Genehmigung durch das Innenministerium gab das ÖSK das Grab in die Betreuung an das Ministerium zurück, erklärt Fitz.

Die erschossene Widerstandskämpferin und der umgedrehte Grabstein
Der Originalgrabstein wurde saniert und wieder korrekt aufgestellt und mit einer erklärenden Zusatztafel ergänzt. Ohne „ideologische Inschrift“ auf der Rückseite restaurierte das Schwarze Kreuz den Grabstein mit neuem Text.

2021 wieder umgedreht und erweitert

Im August 2020 erfuhr der (ehemalige?) Betreuer aus Köln, dass der Grabstein entfernt worden war und fragte beim Schwarzen Kreuz nach. Werner Bundschuh, als damaliger Obmann der Malingesellschaft, und Hanno Loewy, vom Jüdischen Museum in Hohenems, brachten sich in Folge in die Diskussion ein und konnten gemeinsam erwirken, dass der Grabstein wieder wie ursprünglich aufgestellt wurde, mit der „alten Inschrift“. Wieder auf Kosten des Schwarzen Kreuzes und auf Anweisung des Innenministeriums, erklärt Werner Fitz. Gleichzeitig wurde in einem feierlichen Akt eine Zusatztafel mit weiteren Erklärungen daneben angebracht. Das Grab wird heute durch das Jüdische Museum Hohenems betreut.

Ein neues Buch

Im Museum Prestegg in Altstätten wird noch bis Jänner 2027 die sehenswerte Ausstellung „Rettende Schweiz – Flucht im Rheintal“ gezeigt. Im Rahmen der Ausstellung präsentierte der Historiker Andreas Wilkens ein neues Buch über „Hilda Monte – eine Europäerin im Widerstand“.
Hilda Monte gehöre zu den außergewöhnlichen und neu zu entdeckenden Frauen des deutschen Widerstandes und Exils. Sie engagierte sich schon in jungen Jahren im „Internationalen Sozialistischen Kampfbund“ (ISK). Nach ersten Widerstandserfahrungen in Berlin und Köln ging sie zunächst ins Exil nach Paris (1934–1936), dann nach London, wo sie nach ihrem Ausscheiden aus dem ISK ab 1939 eigene Wege ging und für den britischen Geheimdienst von der Schweiz aus für ein freies Österreich nach dem Krieg agitierte. Der Herausgeber: „Im Oktober 1943 erschien ihr Hauptwerk .The Unity of Europe‘, ein frühes Plädoyer für eine europäische Gemeinschaft als Bedingung für Frieden und wirtschaftliche Entwicklung. Den Aufbau des von ihr erwarteten ,besseren Deutschland‘ und Österreichs, geleitet von humanen Werten und sozialer Demokratie, sollte sie nicht mehr erleben. Ihr Mut und ihr Widerstand gegen den Nationalsozialismus kostete sie bei der Grenze in Feldkirch-Tisis ihr Leben. Ihre Eltern und ihre Schwester überlebten im Exil und emigrierten nach Israel.“

Die erschossene Widerstandskämpferin und der umgedrehte Grabstein

Mit dem Leben bezahlt
Hilda Monte – eine Europäerin im Widerstand

Andreas Wilkens

Biografie, Lukas Verlag, Berlin
Reihe: Frauen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus
Festeinband, 555 Seiten, 60 Abb.

Erste Auflage, Dezember 2025
Preis: 29,80 Euro