Mehr Bedarf, weniger Helfer: Das Ehrenamt gerät unter Druck

Soziale Organisationen schlagen Alarm. Immer weniger Menschen in Vorarlberg engagieren sich freiwillig, während der Bedarf weiter steigt und finanzielle Spielräume enger werden.
Das Ehrenamt in Vorarlberg steht unter wachsendem Druck. Rückmeldungen aus sozialen Organisationen und dem Rettungsdienst zeichnen ein klares Bild: Die Zahl der Freiwilligen sinkt, gleichzeitig steigt der Bedarf an Hilfe und Unterstützung. Was lange als stabiles Fundament galt, gerät zunehmend ins Wanken.
Steigender Bedarf
Besonders deutlich wird die Entwicklung im Sozialbereich. „Wir werden derzeit mit Hilfsanfragen überhäuft“, sagt Anton Schäfer, Landesvorsitzender der Volkshilfe Vorarlberg. Die Wartezeit für einen Beratungstermin beträgt inzwischen rund zwei Monate – ein Zeitraum, der für viele Betroffene zur Belastung wird.

Hinter diesen Zahlen stehen konkrete Lebenssituationen. Menschen, die Unterstützung brauchen, müssen zunächst warten. Für die Organisation selbst wächst damit der Druck. „Das ist sowohl für unsere Mitarbeiter als auch die ehrenamtlichen Helfer eine starke zeitliche Belastung“, so Schäfer. Die Grenzen der Belastbarkeit seien vielerorts bereits erreicht.
Gleichzeitig zeigt sich ein zweites Problem: das Ehrenamt selbst. Zwar gebe es weiterhin Interesse, sich zu engagieren, doch nur ein kleiner Teil der Interessierten bleibe langfristig dabei. „Das freiwillige Engagement wird grundsätzlich immer weniger“, sagt Schäfer. Diese Entwicklung betreffe die gesamte soziale Arbeit – von Kinderarmut über allgemeine Hilfeleistungen bis hin zur Demenzbetreuung.
Weniger Helfer
Ein ähnliches Bild zeigt sich beim Roten Kreuz Vorarlberg. Die Zahl der freiwillig Engagierten ist im Vergleich zu 2015 um rund zehn Prozent zurückgegangen. Gleichzeitig bleibt die Anzahl der geleisteten Dienste nahezu unverändert. „Weniger Köpfe erbringen gleich viel Dienste wie vor zehn Jahren. Das ist auf Dauer nicht förderlich“, erklärt Daniel Peter vom Landesrettungskommando Vorarlberg.

Die Konsequenz daraus ist, dass die Belastung pro Person steigt. Während früher mehr Schultern die Arbeit getragen haben, verteilt sich die Verantwortung heute auf immer weniger Freiwillige.
Faktor Zeit
Engagement funktioniert heute anders als noch vor einigen Jahren. Freiwillige haben weniger Zeit, berufliche und private Verpflichtungen nehmen zu. Gleichzeitig stehen zahlreiche Möglichkeiten offen, sich kurzfristig oder projektbezogen einzubringen. Was früher oft über viele Jahre hinweg lief, dauert heute häufig nur noch wenige Jahre. Langfristige Bindungen werden seltener.
Anforderungen steigen
Parallel dazu wächst der Aufwand. Im Rettungsdienst bedeutet das: mehr Einsätze, mehr Dokumentation, strengere Qualitäts- und Sicherheitsstandards sowie zusätzliche Schulungen. Auch die Einsatzstruktur verändert sich. So verzeichnet das Rote Kreuz eine deutliche Zunahme an Transporten und gleichzeitig mehr sogenannte Bagatelleinsätze.
Das wirkt sich direkt auf den Alltag aus. Nachtdienste sind intensiver geworden, die Belastung steigt. Für Ehrenamtliche bedeutet das mehr Verantwortung, mehr Zeitaufwand und weniger Planungssicherheit.
Verantwortung
Auch auf kommunaler Ebene wird die Entwicklung spürbar. In Feldkirch etwa steigt zwar die Zahl der Vereine, gleichzeitig wird es aber schwieriger, Nachwuchs zu gewinnen und Personen für Vorstandsaufgaben zu finden. Gerade die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, nimmt ab. Aussagen zu finanziellen Rahmenbedingungen macht die Stadt nicht.
Dabei spielen genau diese Zahlen eine zentrale Rolle. spielen genau diese eine zentrale Rolle. Die Volkshilfe etwa finanziert ihre Arbeit nahezu ausschließlich über private Spenden. Öffentliche Förderungen machen nur einen sehr kleinen Teil aus. Gleichzeitig wünschen sich immer mehr Interessierte eine finanzielle Abgeltung für ihr Engagement – ein Wunsch, der oft nicht erfüllt werden kann.
Damit verschiebt sich auch die Verantwortung zunehmend in den ehrenamtlichen Bereich. Während öffentliche Förderungen eine untergeordnete Rolle spielen oder – wie im Fall der Volkshilfe – kaum vorhanden sind, müssen immer mehr Leistungen über freiwilliges Engagement abgefangen werden. Sinkt gleichzeitig die Zahl der Helfer, verstärkt sich dieser Druck zusätzlich.
Offizielle Zahlen
Laut Land Vorarlberg ist das Ehrenamt weiterhin stark verankert. Mit Stand 1. Jänner 2026 sind 5970 Vereine gemeldet – ein Rekordwert und ein Plus von über 21 Prozent seit 2020. Auch die Beteiligung bleibt hoch: Laut Statistik Austria engagieren sich rund 51,2 Prozent der Bevölkerung ehrenamtlich. Gleichzeitig bestätigt auch das Land strukturelle Veränderungen. So werde es schwieriger, Mitglieder langfristig zu binden und Personen für Führungsfunktionen zu gewinnen. Viele Menschen suchten heute eher flexible, zeitlich begrenzte Formen des Engagements.
Damit decken sich die offiziellen Einschätzungen zumindest teilweise mit den Rückmeldungen aus der Praxis – auch wenn Organisationen vor Ort die Entwicklung deutlich kritischer sehen.
„Leise“ Bereiche
Besonders deutlich wird das in Bereichen, die vollständig auf Ehrenamt basieren. Dazu zählen etwa soziale Angebote wie Besuchsdienste, bei denen Freiwillige regelmäßig Zeit mit älteren oder alleinstehenden Menschen verbringen. Diese Form der Unterstützung ist im Alltag zwar oft unscheinbar, aber für viele Betroffene von großer Bedeutung.
Solche Initiativen leben davon, dass Menschen bereit sind, sich regelmäßig und langfristig einzubringen. Genau das wird jedoch zunehmend schwieriger. Anders als im Rettungsdienst oder bei Großorganisationen fehlt hier oft die strukturelle Absicherung. Das Angebot steht und fällt mit der Bereitschaft einzelner Personen.
Gerade diese „leisen“ Bereiche des Ehrenamts sind besonders anfällig. Sie sind weniger sichtbar, stehen seltener im öffentlichen Fokus und geraten deshalb schneller unter Druck. Wenn hier Freiwillige fehlen, entstehen Lücken, die nicht sofort auffallen, aber langfristig spürbare Folgen für die Betroffenen haben.
Ungewissheit
Die Auswirkungen zeigen sich bereits heute. Projekte können nur eingeschränkt umgesetzt werden oder hängen vollständig von der Verfügbarkeit von Freiwilligen ab. So plant die Volkshilfe neue Angebote wie eine „Pflegeauszeit in den Bergen“, die pflegende Angehörige entlasten soll.
Ob solche Initiativen tatsächlich umgesetzt oder ausgebaut werden können, ist angesichts der aktuellen Entwicklungen zunehmend ungewiss.
Der Trend ist eindeutig: Der Bedarf an ehrenamtlichen Tätigkeiten steigt, die Zahl der freiwilligen Helfer sinkt und die Belastung wächst kontinuierlich. Das Ehrenamt bleibt ein unverzichtbarer Bestandteil des gesellschaftlichen Zusammenhalts, doch dieser Pfeiler wird schmaler.