Diabetes auf dem Vormarsch: Was Fachleute aus Vorarlberg fordern

Österreich konsumiert deutlich mehr Zucker als empfohlen. Besonders Getränke treiben den Wert in die Höhe. Fachleute sehen Handlungsbedarf, auch in Vorarlberg.
Viele kennen wahrscheinlich Sätze wie: „Die US-Amerikaner, die essen alle so viel Zucker.“ Oder: „Die Säfte in Amerika sind so süß, die bekommt man als Europäer gar nicht runter.“ Ein weiterer Klassiker lautet: „Egal, was du dort isst, überall sind Unmengen an Zucker drin, das kannst du dir kaum vorstellen.“ Das Vorurteil, dass Lebensmittel in den USA deutlich zuckerhaltiger sind als in Europa, ist tief verankert.
Kaum besser
Dabei sind die Unterschiede längst nicht mehr so groß, wie oft angenommen. Eine kurze Recherche zeigt: 100 Milliliter Coca-Cola enthalten in den USA 10,9 Gramm Zucker. In Österreich sind es mit 10,6 Gramm nur unwesentlich weniger. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei anderen Süßgetränken. Fanta enthält hierzulande laut Hersteller rund 10 Gramm Zucker pro 100 Milliliter, in den USA etwa zwölf Gramm. Auch bei Süßigkeiten sind die Differenzen gering. Ein 51-Gramm-Mars-Riegel kommt in den USA auf 30,5 Gramm Zucker. In Österreich liegt der Wert laut Hersteller bei 31 bis 32 Gramm pro Riegel.
Nicht nur Produkte amerikanischer Hersteller weisen ähnliche Werte auf. Eine Dose Red Bull enthält in Österreich rund elf Gramm Zucker pro 100 Milliliter, in den USA ist der Wert identisch.
Wenig überraschend ist daher der Zuckerkonsum insgesamt hoch. Laut dem Verein Foodwatch nimmt der Durchschnittsösterreicher etwa 92 Gramm Zucker pro Tag zu sich. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt hingegen, nicht mehr als 50 Gramm täglich zu konsumieren.

Ein erheblicher Anteil davon kommt aus Getränken. Laut aktuellen Auswertungen konsumieren Menschen in Österreich täglich rund 23 Gramm Zucker allein über Softdrinks. Süßigkeiten tragen im Vergleich dazu im Schnitt rund 15 Gramm pro Tag bei. Besonders stark gestiegen ist der Konsum von Energydrinks. Hier liegt Österreich im westeuropäischen Vergleich weit vorne. Gleichzeitig gelten gezuckerte Getränke als zentraler Risikofaktor für Übergewicht und Typ-2-Diabetes. Flüssiger Zucker liefert viele Kalorien, sorgt aber kaum für ein Sättigungsgefühl.
Großes Angebot
Auch in Vorarlberg ist das Thema präsent. Joe Meusburger, Obmann der Diabetes Selbsthilfe Vorarlberg, sieht im Alltag eine ständige Verfügbarkeit von Zucker: „Überall wird Zucker angeboten, wie zum Beispiel, wenn man im Geschäft an der Kasse steht.“ Er verweist auch auf die steigenden Erkrankungszahlen. In Österreich leben bis zu 800.000 Menschen mit Diabetes, der Großteil davon ist vom Typ 2 betroffen. Die Erkrankung entwickelt sich oft schleichend und wird lange unterschätzt, da sie anfangs kaum Beschwerden verursacht. Erst Spätfolgen wie Gefäßschäden oder Nervenerkrankungen machen sie für viele Betroffene sichtbar.
Mehr Bewegung
Neben der Ernährung spielt auch der Lebensstil eine Rolle. Bewegungsmangel und energiereiche Kost begünstigen die Entstehung von Übergewicht und damit auch von Diabetes. Gerade bei Kindern und Jugendlichen sieht Meusburger eine problematische Entwicklung, da süße Getränke und stark verarbeitete Lebensmittel früh Teil des Alltags werden.

Zuckersteuer?
Ein möglicher Ansatz zur Reduktion des Zuckerkonsums ist für ihn eine Abgabe auf stark gezuckerte Getränke. Mehr als 100 Länder weltweit haben eine solche Steuer bereits eingeführt. Organisationen wie Foodwatch fordern auch für Österreich eine sogenannte Kracherl-Steuer sowie strengere Regeln, etwa für den Verkauf von Energydrinks an Minderjährige.
Zucker in Getränken
Unterstützung kommt auch aus medizinischer Sicht. Der Internist und Diabetologe Alexander Vonbank vom Landeskrankenhaus Feldkirch hält gezielte Maßnahmen für sinnvoll: „Aus meiner Sicht ist eine Zuckersteuer für stark gezuckerte Getränke, wie Cola, Eistee, aber auch Energy Drinks und Smoothies besonders sinnvoll.“
Er spricht sich für eine gestaffelte Abgabe aus, bei der der Zuckergehalt über die Höhe der Steuer entscheidet. Dadurch entstehe ein Anreiz für Hersteller, den Zuckergehalt zu reduzieren.
Vonbank verweist auf internationale Beispiele. In Ländern wie England habe die Einführung einer Zuckersteuer dazu geführt, dass der Konsum sowie der Zuckergehalt in Getränken gesunken sind. Auch die Verwendung der Einnahmen für Gesundheitsprojekte oder Schulprogramme wird als möglicher Vorteil genannt.

Ursache
Gleichzeitig betont der Mediziner, dass Zucker nur ein Faktor unter mehreren ist. „Der wichtigste Punkt ist, dass sich der Lebensstil generell verändert hat. Die meisten Menschen bewegen sich weniger, sitzen mehr und essen häufiger energiereiche Nahrung“, erklärt Vonbank. Bewegungsmangel, Übergewicht und genetische Faktoren tragen zur Entstehung von Diabetes bei.
Mehr Aufklärung. Beim Wissen über Ernährung sieht er noch Lücken. Zwar habe sich das Bewusstsein in den vergangenen Jahren verbessert, dennoch bestehe weiterhin Aufklärungsbedarf, etwa über versteckten Zucker in Lebensmitteln oder die Wirkung von Fruchtzucker, der die Leber belasten kann.
Zuckerersatzstoffe bewertet der Mediziner differenziert. Sie enthalten zwar oft weniger Kalorien und beeinflussen den Blutzucker weniger stark, können aber auch Auswirkungen auf den Stoffwechsel haben. In manchen Fällen können sie etwa Heißhunger fördern oder zu Verdauungsproblemen führen.
Während internationale Beispiele Effekte zeigen, wird in Österreich derzeit weiterhin über Maßnahmen diskutiert.