“Da läuft es dir kalt den Rücken runter” – Über Sicherheit, Mutterkühe und die Alpwirtschaft

Jährlich kommt es zu Unfällen mit Weidevieh. Der pensionierte Landwirt Manfred Jenny gibt vor Beginn der Alpsaison Einblicke in Sicherheit auf der Alpe, Mutterkuhhaltung und welche Bedeutung die Alpwirtschaft für die Zukunft hat.
Am vergangenen Sonntag schockierte ein tödlicher Unfall auf einer Weide in Osttirol. Die Umstände sind zum aktuellen Zeitpunkt noch nicht geklärt. Das Thema war medial präsent und wirft erneut die Frage über sicheres Verhalten um Weidevieh auf.
Angesichts der im Juni beginnenden Alpsaison hat sich die NEUE am Sonntag mit Manfred Jenny getroffen. Er hat mehrere Sommer auf der Alpe verbracht und rund vierzig Jahre eine Landwirtschaft mit Mutterkuhhaltung betrieben. Im Gespräch erzählt er über das Bewusstsein von Wanderern, Instinkte der Weidetiere und warum die Alpwirtschaft Lebensräume sichert.
Aufklärung
Aufklärung erachtet Jenny als das wichtigste Thema. Wanderer, Fahrradfahrer, sämtliche Besucher in den Bergen müssen umfassend informiert werden. In seinen Augen ist da in den letzten Jahren viel Positives geschehen. Er sieht seine eigene Berufsgruppe auch in der Pflicht. Landwirte werden öffentlich gefördert, dementsprechend befürwortet er die zahlreichen Hinweise, die bei Schulungen und Veranstaltungen gemacht werden.
Zugleich betont er, dass sich das Bild von der Alpe in den letzten Jahrzehnten stark gewandelt hat: “Früher haben die Tiere noch richtige Pampas gehabt und heute sind sie mit brutal Vielem konfrontiert.” Er spricht von Touristen, zu Fuß und auf Fahrrädern. Das verursache bei den Tieren mitunter erheblichen Stress.

Ein Ereignis beschreibt er mit eindringlichen Worten: Einmal traf er eine deutsche Familie an. Sie setzten Kinder auf den Rücken eines Kalbes und machten ein Foto. “Da läuft es dir kalt den Rücken runter. Sie hatten Glück, dass es friedliche Kälber und Mütter waren. Das kann aber ganz anders ausgehen.”
Während seiner Zeit auf der Alpe habe er oft das Gespräch mit den Menschen gesucht. Die meisten Leute reagieren demnach sehr positiv und dankbar. Doch manch einer habe auch die Konfrontation gesucht. So wurde ihm teilweise bereits vorgeworfen, er habe keine Ahnung.
Der Wolf im Hund
Oft werden in der Diskussion um Sicherheit auf Weideflächen Hundehalter in die Pflicht genommen. Hunde sollen an der kurzen Leine geführt und nur bei drohender Gefahr abgeleint werden.
Manfred Jenny erklärt die Hintergründe: “Der Hund ist für die Kuh nach wie vor der Wolf.” Die kurze Leine vermittle der Kuh, dass vom Hund keine Gefahr ausgehe. Sollte es dennoch zu einer bedrohlichen Situation kommen, fokussiere sich das Weidevieh aber auf den Hund. Bei einem einzigen Angreifer muss es aber nicht bleiben.

“Die Kühe halten zusammen. Wenn Gefahr droht, wie durch einen streunenden Hund, dann kommt nicht eine Kuh, sondern zwanzig. Da rollt dann was auf dich zu”, erläutert Jenny.
Mutterkuhhaltung
Angesichts der Thematik hat sich die NEUE am Sonntag mit Manfred Jenny auch über die Mutterkuhhaltung unterhalten. Diese gilt als die natürlichste Form der Rinderhaltung. Die Jungtiere wachsen bei ihrer Mutter auf, können mehrmals am Tag Milch saugen. Entsprechend ausgeprägt ist der angeborene Beschützerinstinkt, welcher reinen Milchkühen vom Menschen über Jahrhunderte abtrainiert wurde.
Für den oft zitierten Beschützerinstinkt präsentiert er ein praktisches Beispiel: Direkt nach der Kalbung – der Geburt eines Jungtiers – auf Alpe oder Weide fressen die Mutterkühe die Nachgeburt auf. Der Grund ist simpel: Das Überbleibsel könnte Wildtiere anlocken. Denkbar wären Füchse ebenso wie Wölfe.
Laut Jenny sei der Beschützerinstinkt in den ersten Wochen nach der Geburt besonders stark ausgeprägt. Da müsse auch der Bauer aufpassen. Geschehen könne immer etwas, aber die Tendenz sinke mit der Zeit. Je eigenständiger die Kälber werden, desto weniger habe die Mutterkuh es ständig im Blick.

Lebensräume sichern
Während des Gesprächs steht auch der größere Kontext im Fokus. Jenny erklärt die Notwendigkeit der Alpwirtschaft, um Lebensräume zu erhalten – auch jene in den Tälern. Es müsse alles im Einklang sein.
“Das wäre in ein paar Jahrzehnten ein Riesenproblem, das wäre kein Lebensraum mehr. Wenn wir die Alpen nicht mehr bestoßen würden, dann könnten wir im Tal nicht mehr leben. Da kommt alles runter. Man denkt das gar nicht, so viel können wir gar nicht an Lawinenverbauungen machen, was dort runterkommt.”
Zugleich hält er fest, dass sich die Alpwirtschaft verändert habe. Früher gab es viel mehr kleine Betriebe, wo vor allem Rassen rein zur Milch- und Fleischgewinnung gezüchtet wurden. Heute gebe es große Betriebe mit vielen Milchkühen und zugleich Alpen, wo nur Mutterkühe aufgetrieben werden.

Abschließend erklärt Jenny, dass die besten Vorbereitungen getroffen werden. Neben Informationen zählen dazu auch stabile und gute Zäune. Die richtigen Verhaltensweisen sorgen für viel Sicherheit, doch ein Restrisiko bleibe immer bestehen. Er selbst würde es allerdings bedauern, wenn Alpen im Privatbesitz Betretungsverbote bekämen. Er freute sich immer über Gäste und letztlich gehe man in die Berge, um den Tag zu genießen. Zu diesem Lebensraum zählen eben auch die schöne Alpenflora und die Weidetiere.
(NEUE am Sonntag)