Sicher auf dem Mountainbike: Die wichtigsten Tipps vom Ex-Profi

Mountainbiken und E-Mountainbiken boomen, gleichzeitig steigt die Zahl der Unfälle. Mario Amann von Sicheres Vorarlberg, ehemaliger 24-Stunden-Mountainbike-Weltmeister und erfahrener Trainer, erklärt häufige Fehler und gibt Tipps für mehr Sicherheit am Berg.
Mountainbiken und E-Mountainbiken boomen seit Jahren. Warum steigen aber gleichzeitig auch die Unfallzahlen?
Amann: Durch die motorbetriebene Unterstützung fahren mehr Menschen Mountainbike und kommen dadurch leichter und ohne großes Konditionstraining in die Berge. Gleichzeitig fehlt oft die nötige Übung und Fahrtechnik auf dem Bike. Viele sind heute auf Strecken unterwegs, die früher nur erfahrene Mountainbiker bewältigt haben. Das führt schneller zu Situationen, die fahrtechnisch überfordern können.
E-Mountainbikes bringen heute viele Menschen auf Strecken, die früher nur geübte Biker gefahren sind. Welche Folgen beobachten Sie dadurch?
Amann: Die meisten öffentlichen Mountainbike-Strecken verlaufen auf Forstwegen. Dort sind auch Wanderer, Landwirte und Forstarbeiter unterwegs. Durch die stark gestiegene Zahl an Bikern nehmen die Nutzungskonflikte zu. Tempo anpassen, gegenseitige Rücksichtnahme und Sperrschilder nicht ignorieren. Wer aufmerksam fährt und andere respektiert, trägt viel zu einem sicheren Miteinander bei.

Viele verlassen sich auf moderne Technik an ihren Bikes. Wird die Bedeutung der Fahrtechnik dadurch oft unterschätzt?
Amann: Die motorbetriebene Unterstützung gibt einem das Gefühl, stärker zu sein, als man ist. Dadurch geht oft auch der Respekt vor dem Berg verloren. Besonders das Bergabfahren wird häufig unterschätzt. Es ist fahrtechnisch eine völlig eigene Disziplin. Moderne Technik kann unterstützen, fehlende Fahrtechnik und mangelnde Erfahrung aber nicht ersetzen.
Auf Social Media wirken anspruchsvolle Trails oft einfacher, als sie tatsächlich sind. Führt das dazu, dass sich Biker überschätzen?
Amann: Social Media trägt mit Sicherheit seinen Teil dazu bei, dass Biker das Gefühl haben, sie können jede Strecke problemlos bewältigen. Ähnliche Entwicklungen beobachtet er beim Wandern oder auf Klettersteigen. Viele Videos zeigen spektakuläre Szenen, blenden Vorbereitung, Erfahrung und Risiken aber aus. Solche Beiträge haben mit der Realität leider oftmals nicht viel gemeinsam beziehungsweise verbergen wichtige Details. Was einfach aussieht, ist oft das Ergebnis jahrelanger Erfahrung.
Warum passieren die meisten Bikeunfälle bergab und welche Fehler führen dabei besonders häufig zu Stürzen?
Amann: Die meisten Unfälle passieren durch Eigenfehler, ausgelöst durch Unsicherheit, falsche Linienwahl, falsches Bremsen oder falsche Körperhaltung. Gerade bergab reichen kleine Fehler aus, um die Kontrolle über das Bike zu verlieren. Besonders wichtig ist die richtige Position auf dem Rad. Mir zieht es immer eine Gänsehaut auf, wenn ich sehe, wie Freizeitbiker in einer Kurve das Innenpedal unten haben.

„Viele sind heute auf Strecken unterwegs, die früher nur erfahrene Mountainbiker bewältigt haben.“
Mario Amann, Sicheres Vorarlberg
Gibt es typische Fehler, die Sie bei jüngeren oder älteren Bikern beobachten?
Amann: Jüngere Fahrer sind oft risikofreudiger unterwegs. Ältere überschätzen dagegen eher ihre Fitness oder Reaktionszeit. Aber die Ausnahme bestätigt auch hier die Regel. Am Ende spielt das Alter meist eine kleinere Rolle als die Fähigkeit, die eigenen Grenzen richtig einzuschätzen.
Woran merkt man während einer Tour, dass man besser einen Gang zurückschalten sollte?
Amann: Spätestens wenn ich merke, dass die Konzentration nachlässt und die Unsicherheit auf dem Bike zunimmt, sollte ich das Tempo rausnehmen. Dann ist eine Pause sinnvoll. Wer merkt, dass Fahrfehler zunehmen, sollte die Tour verkürzen oder umdrehen. Gerade ungeübte Fahrer geraten oft schon früh unter Druck, wenn in einer Gruppe zu schnell oder zu hektisch gefahren wird.
Was sollte man tun, wenn man auf einer abgelegenen Strecke stürzt?
Amann: Nach einem Sturz gilt es zunächst, Ruhe zu bewahren. Sich erst einmal sammeln, den Körper auf Verletzungen und Schmerzen durchchecken und dann entscheiden, ob man weiterfahren kann. Ist das nicht möglich, muss der Notruf abgesetzt werden. Ein aufgeladenes Handy gehört deshalb auf jede Tour. Wer allein in den Bergen unterwegs ist, sollte aber immer mit Funklöchern rechnen.
Wie können Mountainbiker und Wanderer besser miteinander auskommen?
Amann: Ein erster wichtiger Schritt wäre, wenn jeder Sportler nur die Wege nimmt, die für ihn bestimmt sind. Dazu kommen angepasste Geschwindigkeiten und gegenseitige Rücksichtnahme. Mountainbiker sollten rechtzeitig abbremsen, Wanderer nicht überraschen und klar kommunizieren. Freundliche Kommunikation hilft dabei sehr. So lassen sich viele Konflikte vermeiden und man hat viel mehr Freude in der Natur.
Sie waren 24-Stunden-Mountainbike-Weltmeister und haben zahlreiche Extremrennen bestritten. Was haben Sie über Risiko gelernt, das jedem Freizeitsportler helfen kann?
Amann: Das Risiko lässt sich nicht zu 100 Prozent vermeiden, aber man kann es minimieren. Entscheidend dafür sind eine gesunde Selbsteinschätzung und der Respekt vor den eigenen Grenzen. Wer seine Fähigkeiten realistisch einschätzt, Reserven einplant und sich nicht überschätzt, kann viele gefährliche Situationen vermeiden.
Wie hat sich Mountainbiken in den letzten 20 Jahren verändert?
Amann: Ich würde sagen: um 180 Grad. In den vergangenen 20 Jahren hat sich beim Mountainbiken unglaublich viel getan. Größere und breitere Reifen, mehr Federweg, Scheibenbremsen und moderne Rahmengeometrien erleichtern das Fahren enorm, egal in welchem Gelände man unterwegs ist. Dazu kommt auch die Motorunterstützung. Sie hat den Sport für viele Menschen zugänglicher gemacht. Touren und Strecken, die früher nur gut trainierte Fahrer bewältigen konnten, sind heute für deutlich mehr Menschen erreichbar.
Welche Region oder Tour in Vorarlberg eignet sich besonders gut für Einsteiger?
Amann: Pauschal eine Route anzugeben ist schwierig. Ich würde Anfängern Strecken mit 400 bis 700 Höhenmetern und einer angenehmen Steigung empfehlen. Zum Einfahren und um sicherer zu werden, können anfangs auch asphaltierte Straßen sinnvoll sein. Wichtig ist, sich langsam zu steigern und nicht gleich zu viel zu wollen. Sehr beliebt sind aber beispielsweise die Buchrunde zwischen Wolfurt, Buch, Alberschwende und Schwarzach sowie die alte Straße nach Fraxern.
Welchen Rat würden Sie Ihrem 20 Jahre jüngeren Ich heute geben?
Amann: (schmunzelt) Entwickle das Mountainbike von heute, nur ohne Motor, und genieße damit jeden Moment auf dem Bike. Und ja, gewinne damit noch mehr Rennen.