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ADHS: Warum eine Therapie so wichtig ist

18.06.2026 • 13:45 Uhr
ADHS: Warum eine Therapie so wichtig ist

Die „Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung“ ist eine kindliche Entwicklungsstörung, die sehr belastend sein kann.

Wie Autismus zählt auch ADHS zu den neurodevelopmentalen Störungen im Kindes- und Jugendalter, kann sich aber auch in das Erwachsenenalter fortsetzen. Umso wichtiger sind eine frühzeitige Erkennung und Diagnose mit der richtigen Therapie. Kinder und Jugendliche mit ADHS sind für Familien, aber auch für die Schule oder Pädagogen eine Herausforderung. Ein besseres Verständnis und die richtige Therapie können Erleichterung verschaffen und die betroffenen Menschen unterstützen. Die aks-Kinderdienste informierten in Götzis. Der Saal war ausgebucht. Es gab auch Kritik – auch am Sparkurs der Regierung.

Eine Mutter erzählte

Sie habe es sehr schwer gehabt, die richtige Stelle für ihr Kind zu finden. Sie habe sich im Internet eingelesen und dort als verzweifelte Mutter Hilfe gefunden. Solche Vorträge, wie dieser, seien zwar super, aber es brauche Stellen, wo man sich hinwenden könne, wo einem geholfen werde. Denn die Belastung sei von morgens bis abends sehr, sehr groß. Nicht nur für die Kinder sei schnelle und unkomplizierte Hilfe wichtig, sondern auch für die Eltern und die Schule. Für sie sei das Elterntraining sehr wichtig gewesen. Das aks habe sie, wie andere Stellen auch, als überlastet erlebt und vieles nicht erfahren. Hilfe habe sie in einem Internet-Elterntraining gefunden, das zwar etwas koste, aber ihr viel geholfen habe.

Kindertherapie und Elterntrainings

Alexandra Kremer ist Klinische Psychologin und Gesundheitspsychologin der aks Kinderdienste. Sie erklärte, dass der Weg zum aks über den Kinderarzt, Hausarzt oder Kinder- und Jugendpsychiater führt, der einen Reha-Schein für den aks ausstelle. Aber ja, es gebe Wartezeiten. Anbieten konnte sie Elterntrainings nach internationalem Standard, die der aks in Vorarlberg an drei Standorten organisiere. Auch die Elternhilfe der Katholischen Kirche biete Unterstützung für Eltern mit Kindern mit ADHS, erklärte eine Zuhörerin. Darüber hinaus seien auch die Angebote des Landes Vorarlberg genannt, die auf der Website des Landes zu finden sind.

Symptome und Diagnose

Kinder mit ADHS zeigten nicht altersgemäße Auffälligkeiten in den Bereichen Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität. Neben der eingeschränkten Konzentrationsfähigkeit zeigen sich bei ADHS auch ein übersteigerter Bewegungsdrang und eine mangelnde Impulskontrolle; die Kinder hätten eine „kurze Zündschnur“. Es komme auch ADS vor, also ohne die Hyperaktivität. Die Ausprägungen seien zwar unterschiedlich, aber bei AD(H)S immanent vorhanden und seien bei Kindern mit ADHS deutlich stärker ausgeprägt als bei anderen. Die klinische Psychologin Alexandra Kremer schilderte: „Im therapeutischen Alltag erleben wir häufig, dass Eltern und Bezugspersonen bereits lange vor einer Diagnose unter großer Belastung stehen. Umso wichtiger sind frühzeitige Information, Verständnis und konkrete Unterstützungsmöglichkeiten für Familien“.  

ADHS: Warum eine Therapie so wichtig ist

„Im therapeutischen Alltag erleben wir häufig, dass Eltern und Bezugspersonen bereits lange vor einer Diagnose unter großer Belastung stehen. Umso wichtiger sind frühzeitige Information, Verständnis und konkrete Unterstützungsmöglichkeiten für Familien.“  

Alexandra Kremer, Klinische Psychologin und Gesundheitspsychologin der aks Kinderdienste

Die Diagnose werde nach internationalen Kriterien mittels psychologischer Tests gestellt und sei zuverlässig. Wobei: „Eine fundierte Diagnostik ist erst mit einem Alter von etwa sechs Jahren möglich, also mit Schuleintritt“, erklärte Alexandra Kremer. Sie sprach von vier bis fünf Terminen, die für eine fundierte Abklärung notwendig seien. Die Diagnose erfolge immer von psychologischer Seite durch eine psychologische Diagnostik und wird fachärztlich durch den Kinder- und Jugendpsychiater bestätigt und begleitet. Organische Erkrankungen müssten aber davor vom Kinderarzt ausgeschlossen werden. Die Verschreibung eines Medikamentes obliegt Fachärzten für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Fachärzten für Kinder und Jugendheilkunde, wobei es auch ein Medikament gibt, das chefarztpflichtig sei und nur zur Anwendung kommen könne, wenn die anderen Präparate, wie das bekannte Ritalin, nicht die entsprechende Wirkung gezeigt hätten. Über die medikamentöse Therapie würden aber in jedem Fall die Eltern im Rahmen der Beratung durch Fachärzte entscheiden. Mädchen würden in der Regel zu spät diagnostiziert, weil sie anders reagierten und Ängste und Zwänge erst später auffallen würden. Aber es sei zu empfehlen, dass bei ADHS-Knaben auch die Schwester(n) mit begutachtet werden, weil es sich um eine genetische Disposition handeln könne.

Diagnosen und das liebe Geld

Je nach Studienlage, erklärte die Kinder- und Jugendpsychiaterin, Susanne Bauer, seien es im deutschsprachigen Raum zwischen zwei und sieben Prozent der Kinder, die von ADHS betroffen seien. Knaben häufiger als Mädchen. Diese Zahl verändere sich nicht, sondern bleibe seit Jahrzehnten konstant. Es gebe aber viele Gründe, warum Kinder heute mehr auffallen: gesellschaftspolitische Gründe nannte sie explizit. Kremer erklärte, dass wir sensibler geworden seien und man eher zum Psychologen gehe, und es abklären lassen wolle.

ADHS: Warum eine Therapie so wichtig ist

„ADHS zeigt sich sehr unterschiedlich. Manche Kinder wirken vor allem unruhig und impulsiv, andere kämpfen eher mit Konzentration und innerer Unruhe. Entscheidend ist, Kinder nicht auf ihr Verhalten zu reduzieren, sondern ihre individuellen Stärken und Bedürfnisse wahrzunehmen.“

Susanne Bauer, Ärztliche Leitung der aks Kinderdienste und Fachärztin für Kinder-und Jugendpsychiatrie und Psychotherapeutische Medizin

Sparen führt zu Unzufriedenheit

Leider war die „Politik“ nicht anwesend, was aber wichtig wäre, waren sich die Teilnehmenden einig. Auch in diesem Bereich sei der Sparkurs spürbar geworden und Sparen werde allen auferlegt. Im aks würden jährlich über 4.000 Kinder vorgestellt und trotzdem gebe es eine Versorgungslücke, die immer wieder in den politischen Gremien angesprochen werde. Dr. Bauer erklärte, dass das Wissen da wäre, aber das Geld nicht, und es sei für alle unangenehm, wenn sie die Expertise nicht so leben könnten, wie sie es gelernt hätten: „Wir sind ein hohes Niveau in der Versorgung gewohnt und Eltern haben einen Anspruch auf Hilfe und Unterstützung.“ Aber es gebe nicht nur zu wenig Geld, es gebe zu wenig Elementarpädagogen, zu wenig Lehrpersonal, zu wenig Therapeuten, zu wenig Ärzte in der Peripherie, erklärte Bauer. Deswegen gebe es immer wieder Einzelfälle, bei denen es nicht so laufe, wie sie es sich wünschen würden. Das führe zu Unzufriedenheit bei allen Betroffenen.  

Therapie- und Unterstützungsmöglichkeiten

Der aks setze auf ein multimodales Therapiemodell: von Verhaltenstherapie mit Trainings und Ergotherapie über die Psychoedukation des Umfeldes – also vor allem die Elternbildung, um diesen „Teufelskreis“ zu verstehen und zu durchbrechen – bis zu den medikamentösen Therapien. Es gebe mehrere Wirkstoffe mit unterschiedlichen Wirkungen, vor allem was den Eintritt der Wirkung betrifft. Der differiere nämlich zwischen Wochen und weniger als einer Stunde. Die Medikamente kämen eher ab Schuleintritt und immer in Absprache mit den Kindern und Eltern zum Einsatz. Das Ziel sei immer die Ermöglichung der Teilhabe des Kindes im Unterricht und in der Schulgemeinschaft. Susanne Bauer: „ADHS zeigt sich sehr unterschiedlich. Manche Kinder wirken vor allem unruhig und impulsiv, andere kämpfen eher mit Konzentration und innerer Unruhe. Entscheidend ist, Kinder nicht auf ihr Verhalten zu reduzieren, sondern ihre individuellen Stärken und Bedürfnisse wahrzunehmen.“

ADHS im Jugend- und Erwachsenenalter

Auch wenn Kinder mit ADHS schon im Grundschulalter die nötige Unterstützung bekommen sollten, wächst sich ADHS im späteren Lebensverlauf nicht aus. ADHS im Jugend- und Erwachsenenalter zeigt sich in einer starken Impulsivität und Unaufmerksamkeit, wodurch dann im Jugendalter das Risiko für Unfälle, depressiven Symptome, Suchterkrankungen und straffälliges Verhalten steigt.  Bei Erwachsenen zeige sie sich vor allem in einer inneren Unruhe, wobei das impulsive Handeln bestehen bleiben kann und Aufmerksamkeits- und Konzentrationsprobleme häufig sind. Depressionen können als Begleiterkrankung auftreten. Bekannt ist auch das Phänomen der Hyperfokussierung, bei dem sich Menschen exzessiv auf ein Thema konzentrieren und vielleicht darin verlieren, erklärte die Psychologin. Idealerweise wird ADHS frühzeitig erkannt und therapiert, um den betroffenen Kindern und Jugendlichen und den späteren Erwachsenen die gelungene Teilhabe am Leben zu sichern.  

Kurt Bereuter

Anlaufstellen

Eltern, Betroffene und Interessierte finden bei folgenden Anlaufstellen Informationen zu ADHS, Beratungsangebote sowie Unterstützung im Familienalltag:

• Elternhilfe der Katholischen Kirche Vorarlberg:
https://www.kath-kirche-vorarlberg.at/portal/aktuelles/article/8180.html

• Elternbildung Vorarlberg: https://vorarlberg.at/-/elternbildung-fuer-muetter-und-vaeter

• ADHS-Informationsportal: www.adhs.info

• Zentrales ADHS-Netz: https://www.zentrales-adhs-netz.de/