Vom Keller ins Museum: Was tun mit NS-Erbstücken?

Ein Erbe, das belastet ist, kann auch belastend sein. Neue Ausstellung bietet die Möglichkeit Gegenstände aus der NS-Zeit abzugeben.
Klar, dass es in jedem Museum belastete Objekte aus der NS-Zeit gibt. Diese werden entweder gar nicht gezeigt, oder in einem musealen Kontext, der sie als Teil einer vergangenen Epoche präsentiert. Aber es gibt sie auch in den Privathäusern. Objekte aus der Zeit des Nationalsozialismus, die dort seit Jahrzehnten mehr oder weniger sichtbar vorhanden waren. Von Opa und Omas “Mein Kampf” mit der Widmung des damaligen Bürgermeisters über SS-Briefe von Angehörigen bis zu Ausrüstungsgegenständen und Kriegsorden von Wehrmachtsangehörigen. Die Ausstellung “Baustelle Erinnerung” und speziell deren Teil “Hitler entsorgen. Vom Keller ins Museum” widmet sich nun der Frage, was mit diesen geschehen soll.
Persönlichen Bezug verloren
Unter diesem Motto konnten Privatpersonen im Vorarlberg Museum solche Gegenstände mitbringen, sie erklären lassen und auch abgeben. Etwa fünfzig Personen hätte die Beratungsstelle für solche Objekte aufgesucht: Mitgebracht wurden Abzeichen, Kriegsorden und sogar eine Sammlung von SS-Dolchen, erklärt Direktor Michael Kasper. Gab es anfangs einen persönlichen Bezug zu diesen Gegenständen aus dieser Zeit, wurde der mit jeder Generation kleiner und irgendwann stellt sich die Frage: “Was damit tun?”.
Wegwerfen, weiter aufbewahren oder einschlägigen Sammlern verkaufen? Letzteres wäre jedoch verboten, dienen diese Objekte doch in extrem rechten Kreisen als Huldigungsobjekte. Deshalb ist Michael Kasper der Umgang mit diesen Erbstücken wichtig: “Im Herbst werden wir solche Beratungsstellen auch in Bludenz und im Bregenzerwald einrichten. Vielen Menschen ist es schon ein Anliegen, dass solche Dinge aus der NS-Zeit nicht in falsche Hände kommen.”
Desinteresse am Nationalsozialismus nach dem Krieg
Nach dem Krieg wollte man die Vergangenheit möglichst rasch hinter sich lassen und auch die Politik hatte kein großes Interesse an einer Aufarbeitung der hiesigen Verstrickungen in den Nationalsozialismus. Eher sollte auch denen eine Zukunft gesichert werden, die anderen ihre Zukunft nahmen und nehmen wollten. So wurde der Arzt und NSDAP-Ortgruppenleiter von Alberschwende, der die „Euthanasie“-Opfer maßgeblich verantwortete, 1948 amnestiert und praktizierte wieder als Allgemeinmediziner in Dornbirn.
Die Literatin Natalie Beer durfte weiter schreiben, für den ORF tätig sein, fand eine Anstellung bei der “Mustermesse” Dornbirn und erhielt ein lebenslanges Stipendium des Landes Vorarlberg. Während ihr die Wohngemeinde Rankweil die Ehrenwürde in einem Allparteienbeschluss aberkannte und das ihr gewidmete Turmmuseum “entsorgte”, ist sie bis heute Ehrenringträgerin ihrer Heimatgemeinde Au im Bregenzerwald und des Felder-Vereines.
Südtiroler Siedlungen und Tracht
Dass die Südtiroler Siedlungen sichtbare Zeichen des Nationalsozialismus sind, wurde vielen Menschen im Land erst in den letzten Monaten bewusst, seit deren Fortbestehen bedroht und auch deren Geschichte in den Medien ist. Dass die “Bregenzer Sommertracht” in der NS-Zeit entstanden war, ist wohl kaum jemanden bewusst, der sich in dieser “traditionellen Kleidung” vorstellt. Dass die Bregenzerwälder “Trachtenheilige” Therese Metzler nahtlos zwischen NS-Tracht und Traditionstracht changierte, wird umfassend präsentiert, ist doch die Kuratorin, Theresia Anwander, nicht Historikerin, sondern Ethnologin.
Auch der aus dem Bregenzerwald abstammende, 1953 verstorbene Maler Bartle Kleber “steuert” mit seinem Plakat der „Vorarlberger Kunstgemeinde“ seinen Beitrag bei. Er wurde in der NS-Zeit zu einem führenden “NS-Kunstfunktionär Vorarlbergs” und porträtierte unter anderem NS-Landeshauptmann Anton Plankensteiner und wurde von Gauleiter Hofer zu den “Getreuen” gezählt.
Wachsame Erinnerungskultur
Die Ausstellung will dort ansetzen, wo das NS-Erbe in Vorarlberg bisher nur am Rande thematisiert wurde: im Trachtenwesen, im Kunst- und Ausstellungsbetrieb, in Architektur und Siedlungsbau sowie in privaten Haushalten. Themen, die mitunter nicht explizit als nationalsozialistisch wahrgenommen werden, die aber alles andere als harmlos sind. Sie tragen Bedeutungen, Leerstellen und Widersprüche in sich. Ihre Sichtbarmachung öffnet einen Raum für Forschung und Vermittlung, für Zweifel und Einwände sowie für eine Auseinandersetzung darüber, wie mit materiellen Hinterlassenschaften umzugehen ist.
Kuratorin Theresia Anwander: “Unsere Ausstellung zeigt, wie tief NS-Ideologie und Vereinnahmung in Kunst und Kultur verankert war und in allen Themenbereichen der Ausstellung wird klar auf die Rolle der Instrumentalisierung eingegangen.” Was der Ausstellung fehlt, ist ein “Plan” für ein Endprojekt „Erinnerung“ an die NS-Zeit, aber den kann es vermutlich nicht geben, denn diese Baustelle bleibt eine “ewige Baustelle”. Was sich hinter dem Bauzaun abspielt, mag oft verborgen bleiben, aber der Blick auf das Unfertige ermöglicht Einblicke in eine tiefere Struktur. Solche ausgewählten Einblicke ermöglicht diese Ausstellung, auch wenn der große Plan und das fertige Werk verborgen bleiben. Es bleibt eine “Baustelle”, die ihre Schatten wirft.
Die Ausstellung im vorarlberg museum ist noch bis zum 29. August 2027 zu sehen: vorarlbergmuseum.at

Von Kurt Bereuter