Impfkritik: Warum Fakten allein viele Menschen nicht überzeugen

Bei den aks-Impfgesprächen wurde der Nutzen von Impfungen thematisiert und auch diskutiert, wie Impfkritiker überzeugt werden können. Die NEUE war bei den Gesprächen vor Ort.
Bei den 31. aks-Impfgesprächen am Samstag lag der thematische Fokus auf den Impf-Dauerbrennern „FSME und Influenza“, aber auch die Covid-Impfung war noch Thema. Besonders erwähnenswert ist ein Referat eines Wissenschaftsjournalisten, der der Ärzteschaft den Spiegel vorhielt und dafür viel Applaus erntete. Die impfkritische Haltung von Personengruppen sei nämlich auch dem medialen Umgang mit Impfen geschuldet. Der Kinder- und Jugendfacharzt Dr. Bernhard Jochum aus Bludenz ist Bundesfachgruppenobmann für Kinder- und Jugendheilkunde der Ärztekammer und führte als Vorstandsmitglied des aks gemeinsam mit der Impfreferentin der Ärztekammer für Vorarlberg, Reyhan Tschiderer, durch den Vormittag. Das Referat des Gesundheitsjournalisten Köksal Baltaci (Die Presse) wurde mit Spannung erwartet. Davor gab es fachliche Inputs von Experten.

„Ich glaube, dass die Kommunikation der größte Hebel wäre, die Durchimpfungsraten zu erhöhen, sie wird nämlich vernachlässigt.“
Köksal Baltaci, Gesundheitsjournalist
FSME-Impfung immer wichtiger
Der Infektiologe, Ulrich Heininger, aus Basel, appellierte an die Ärzteschaft, die FSME-Impfungen, also gegen die Früh-Sommer-Meningitis, die durch Zeckenstiche ausgelöst werden kann, sehr ernst zu nehmen. Denn einerseits werden die Zecken immer mehr, erobern sich weitere geografische Räume und andererseits könne mittlerweile keine „Saison“ mehr festgestellt werden, denn Zecken sind mittlerweile ganzjährig aktiv. FSME kann nur symptomatisch behandelt werden und die Krankheitsverläufe könnten sehr massiv sein. Je älter die Patienten, desto schwerer die Erkrankungen, ab 65 Jahren mit einer hohen Hospitalisationsrate. 2020 habe es die meisten FSME-Fälle in der Schweiz gegeben, und 2025 wurde ein neuer „Rekord“ verzeichnet. Die Impfakzeptanz für FSME in der Schweiz sei „lausig“, erklärte Heininger, dabei sei die Impfung hochwirksam. Heininger: „Es gibt nie eine absolute Sicherheit beim Impfen, aber es ist immer ein Abwägen von Risiko und Nutzen. Studien belegen, dass nach zwei Impfungen und nach zwei Wochen eine neunzigprozentige Sicherheit besteht. Die erste Impfung nützt noch nichts, deshalb ist die Einhaltung des Impfschemas so wichtig.“ Zu dieser sicheren und hochwirksamen Impfung sollte also dringendst geraten werden, erst recht für ältere, männliche Menschen, die sich viel im Freien aufhalten. Heininger: „Es ist noch ein Rätsel, warum männliche Patienten in allen Altersklassen stärker betroffen sind. Je älter die Patienten sind, desto heftiger sind die Verläufe.“ Übrigens werde auch intensiv an einer Impfung gegen die viel häufiger auftretende Borreliose geforscht, wobei diese als bakterielle Infektion gut behandelbar sei, so der Arzt.
Influenza-Impfung schützt vor schwerem Verlauf
Der Innsbrucker Immunologe Günter Weiss berichtete über neue Entwicklungen bei der Influenzaimpfung, die für jede Saison neu angepasst werden müsse, weil sich das Virus ständig ändere. Da werde sich in Zukunft auch die KI (künstliche Intelligenz) positiv bemerkbar machen. Empfohlen wird die Influenza-Impfung vor allem älteren Menschen, solchen mit Vorerkrankungen oder mit vermindertem Immunsystem, wie Krebspatienten. Günter Weiss: „Aufgrund der ständigen Mutation der Influenzaviren ist die Impfung zwar nicht ideal, aber das Beste, was wir haben, vor allem, um die Risiken für schwere Verläufe sowie für Kollateralschäden, wie akute kardiovaskuläre Ereignisse, zu minimieren.“

„Aufgrund der ständigen Mutation der Influenzaviren ist die Impfung zwar nicht ideal, aber das Beste, was wir haben, vor allem um die Risiken für schwere Verläufe sowie für Kollateralschäden, wie akute kardiovaskuläre Ereignisse, zu minimieren.“
Günter Weiss, Infektiologe
„Verständnis für Skepsis und Argwohn“
Köksal Baltaci, Journalist bei „Die Presse“ in Wien, schreibt seit 15 Jahren über Gesundheitsthemen und erklärte der anwesenden Ärzteschaft, warum er nichts von Power-Point-Präsentationen halte, wie er sie jetzt erlebt habe. Ja, er habe Verständnis für Menschen, die Skepsis und Argwohn gegen Impfen hegten. Dass das Thema „Impfen“ so weit unter dem medialen Radar liege, sei bemerkenswert und nicht einer Fahrlässigkeit geschuldet, „sondern der Unwissenheit, Selbstüberschätzung und Nachlässigkeit von Ihrer Seite, selbstverständlich“, erklärte er der Ärzteschaft. Entscheidend sei nämlich für eine hohe Durchimpfungsrate die Kommunikation, und nicht so sehr Studien und andere Arten der Aufklärung. Baltaci: „Ich glaube, dass die Kommunikation der größte Hebel wäre, die Durchimpfungsraten zu erhöhen, sie wird nämlich vernachlässigt“.
Fünf Thesen für eine gelungene Impf-Kommunikation
„Die breite Masse glaubt im Wesentlichen, was sie selbst erlebt oder gesehen hat und was ihnen ihre Vertrauenspersonen erzählt haben“, sagte Baltaci. Ärzte würden in der Regel nicht zu diesen Vertrauenspersonen gehören, so der Journalist, auch Journalisten nicht. Es liege nicht am Mangel an Informationen – Statistiken spielten bei der breiten Masse überhaupt keine Rolle, das sei eine bittere Erfahrung, die er während der Covid-Pandemie gemacht habe. Die Lösung für den Großteil der Bevölkerung sei Simplifizierung: „Konzentrieren Sie sich auf die zwei, drei wichtigsten Dinge, die Sie kommunizieren wollen“, legte der Journalist der Ärzteschaft nahe. Zu viel „Aufklärung“ hinterlasse Verwirrung und manchmal auch Skepsis. „Lassen Sie Dinge weg, auch wenn es unvollständig wird, konzentrieren Sie sich auf die zwei, drei entscheidenden Punkte“, gab sich der Journalist überzeugt: „Außer, die Patienten fragen von sich aus nach und wollen es genauer wissen.“
„Wenn Sie die Durchimpfungsraten erhöhen wollen, müssen Sie die ausgetretenen Pfade verlassen und den skeptischen Menschen auf Augenhöhe begegnen.“
Köksal Baltaci, Gesundheitsjournalist
Baltaci erklärte weiters, warum eine Minderheit zu subjektiven Impfgegnern wird und Follower bekommt. Weil sie sehr laut und sehr vehement auftreten würden. Baltaci: „Sie glauben, was sie sagen, sind davon völlig überzeugt.“ Auch wenn es sich hierbei nur um rund fünf Prozent der Bevölkerung handle, das Problem seien die 20 bis 30 Prozent, die ihnen glauben. Die müssten abgeholt und aufgeklärt werden. Dazu müssten sie (die Ärzteschaft) „raus“ aus ihrer Bubble und diesen Menschen auf Augenhöhe begegnen. So berichtete er von einer Ärztin, die auf die Frage nach der Sinnhaftigkeit der Gürtelroseimpfung beleidigt reagierte, „sie habe ja erklärt, dass die Impfung sinnvoll sei“. Diese Ärztin sei in ihrer Bubble so „verbohrt“, dass sie der Meinung war, ihre Autorität als Professorin müsse reichen. Baltaci: „Tut es ganz einfach nicht, es muss auf Augenhöhe kommuniziert werden.“
Informationsquellen der jüngeren Generation
Social Media spielten eine viel größere Rolle, als wir es uns wünschen würden. Menschen unter 35 Jahren informierten sich über Instagram, TikTok und wüssten nicht einmal, was „Die Presse“ ist, erklärte Baltaci. Diese neuen Medien müssten genutzt werden, die Impfskeptiker würden sie sehr gut für sich und ihre Theorien nützen und erreichten die breite Masse an jungen Menschen. „Machen Sie Podcasts“, empfahl er den Anwesenden.
Wenn Ärzte und Institutionen etwas falsch machten, sei das verheerend, war Baltacis dritte These. Er erzählte von einer TV-Sendung, bei der Herbert Kickl, FPÖ, am Höhepunkt der Covid-Pandemie die Ärztin Pamela Rendi-Wagner, vor laufender Kamera bat, die PCR-Testung zu erklären und sie es nicht tat, lediglich erklärte, das sei der Goldstandard. Das hatte eine katastrophale Wirkung und hinterließ große Unsicherheit. „Wenn Sie die Durchimpfungsraten erhöhen wollen, müssen Sie alles zusammen tun, sich glaubwürdiger in allen Communitys präsentieren, die ausgetretenen Pfade verlassen und den skeptischen Menschen auf Augenhöhe begegnen“, lautete die letzte These. „Bedienen Sie sich glaubwürdiger Autoritäten wie Sportlern, Migranten, aber auch Ärzten“, lautete sein Vorschlag.

„Köksal Baltaci hat uns wichtige Impulse gegeben und die Rolle von Ärztinnen, Ärzten und Vertrauenspersonen neu ins Bewusstsein gerückt.“
Reyhan Tschiderer, Ärztekammer und Bernhard Jochum, aks
Der Referent bekam auf alle Fälle den Applaus der Ärzteschaft. „Wir wollten bewusst eine Außensicht auf unsere Kommunikation bekommen. Köksal Baltaci hat uns wichtige Impulse gegeben und die Rolle von Ärztinnen, Ärzten und Vertrauenspersonen neu ins Bewusstsein gerückt. Ich glaube, viele haben seinen Vortrag als Inspiration für die eigene Praxis mitgenommen“, erklärte Moderator Bernhard Jochum und die Impfreferentin der Ärztekammer, Reyhan Tschiderer.
Kurt Bereuter