“Der größte Faktor ist der Pilot”: Verantwortung hebt immer mit ab

Marcus Benedict ist Inhaber der Flugschule Arlberg. Nach mehreren Unfällen im Flugsport hat die NEUE mit ihm über Sicherheit in der Luft gesprochen und wie wichtig Selbsteinschätzung ist.
“Wir sind in der Materie unterwegs, wo der Mensch nicht hingehört: in der Luft.” Der Fluglehrer Marcus Benedict findet oftmals klare Worte. Er betreibt seit 2023 die Flugschule Arlberg in Schnifis. Diese ist auf die Ausbildung von Paragleitern spezialisiert und auch als alpine Flugschule zertifiziert. Mit rund 400 Flügen pro Jahr und vielseitiger Ausbildung verfügt der Fluglehrer über tiefgreifende Erfahrung, worauf es in der Luft ankommt. Dabei ist er bei den Ansprüchen für sich und sein Team kompromisslos: “Ich bin der Meinung, dass der Fluglehrer alles überdurchschnittlich gut beherrschen muss und auch selbst viel fliegen muss.”
Nach mehreren Unfällen in jüngerer Vergangenheit – Paragleiter-Unfälle letztes Wochenende in Tirol und Steiermark sowie verunglückte Wingsuiter – hat sich die NEUE ausführlich über das Thema Flugsicherheit erkundigt. Benedict teilt seine Erfahrungen und legt zugleich den Fokus auf ganz bestimmte Aspekte, betont sie mehrfach: Eigenverantwortung, Gefühl, Zeit und Wiederholungen. Ein Element ist in seinen Erklärungen stets präsent: “Der größte Faktor ist der Pilot.”

Fünf-Punkte-Check und Verantwortung
Sicherheit beginne bei den Basics: Beim Paragleiten gibt es den sogenannten Fünf-Punkte-Check. Dabei handelt es sich um ein standardisiertes Prüfverfahren vor dem Start. Kurz gesagt, werden dabei die fünf Bereiche Pilot, Leinen, Schirm, Wind und Luftraum geprüft. Benedict und sein Team legen darauf besonderen Wert, denn diese Routine ist ein elementarer Sicherheitsfaktor.
“Es gab letztes Jahr leider tödliche Unfälle, weil die Piloten vergessen haben, die Beingurte zu schließen”, führt Benedict in diesem Kontext beispielhaft an. Die Beingurte sind auch Bestandteil des Fünf-Punke-Checks.
Zugleich baut das Team um den Fluglehrer auf Eigenverantwortung. Wenn ein Schüler einen Punkt nicht beherrscht, müsse dieser so lange üben, bis dieser funktioniert – auch in seiner Freizeit, wenn notwendig.

“Wir können nicht den zweiten Schritt vor dem ersten Schritt machen. Da sind wir dann auch streng.” Die Basis müsse zwingend funktionieren, vorher fliege der- oder diejenige nicht.
Eigenverantwortung bedeute aber auch Selbsteinschätzung. Das gelte sowohl für Anfänger als auch langjährige Flieger. Verantwortung gelte auch für ihn selbst. Er sei schließlich Luftfahrzeugführer, der anderer vom Fußgänger zum Piloten ausbilde. Diese Verpflichtung müsse man sich in seinem Beruf bewusst sein.
Zeit investieren
In der Luft können schwierige Bedingungen vorherrschen. Benedict erwähnt beispielhaft Starkwinde und Gewittersituationen. Das bedeute anders zu starten, anders zu landen. Umstände können sich schnell verändern: Wer um 13 Uhr startet, kann ganz andere Bedingungen haben, als jemand, der um zehn Uhr losflog. Damit Flugschüler ein Gefühl für diese entwickeln können und wissen, was die Unterschiede mit sich bringen, seien laut ihm mindestens zwei Jahreszeiten notwendig.
“Wir müssen eine gewisse Zeitinvestition leisten, um ein Niveau zu erreichen, welches dich sicher fliegen lässt”, erklärt er mit Blick auf die Ausbildung.
Benedict vermeidet einen Vergleich zwischen der Gefährlichkeit unterschiedlicher Flugsportarten, sondern betont immer wieder die Verantwortung des Sportlers. Dies bedeute auch zu wissen, welchen Bedingungen der Pilot gewachsen ist. Diese spielen bei Unfällen ebenso eine Rolle und bringen unterschiedliche Risiken mit sich.

Fliegt der Gleitschirm beispielsweise bei starkem Aufwind und gerät schließlich in eine Zone, wo die Luft ruht, kann sich der Flugwinkel verändern und ein Teil des Schirms einklappen. Ein spiralförmiger Sturz sei die Folge. Bei tausend Meter Fallhöhe könne der Pilot gegebenenfalls wieder ausgleichen und ansonsten auf die Rettungsausrüstung zurückgreifen. Bei fünfzig Meter nahe eines Berges sehe die Situation anders aus.
Und eine Eigenschaft von Fluggeräten, die nicht leichter als Luft sind, dürfe nicht vergessen werden: “Die letzte Konsequenz von Fliegen ist halt immer noch das Fallen.”
In der Luft nicht allein
Marcus Benedict führt die NEUE durch seine Flugschule. Er präsentiert Methoden und Material, welches in der Ausbildung verwendet wird. Dazu zählt unter anderem ein Simulationssystem, mit welchem Flugschüler Gefühl dafür entwickeln können, wie ein Gleitschirm auf einzelne Manöver reagiert. Ein Smartboard dient der Analyse von Flugaufnahmen. Die Flugschüler übermitteln ihr Videos, Lehrer zeichnen direkt auf dem riesigen Bildschirm ein, wo Verbesserungspotenzial liegt.

Daneben stehen die Funkgeräte.Benedict hebt den Stellenwert des Funkes hervor. Da er über Funk mit den Piloten in Kontakt stehe, biete dies nämlich die Möglichkeit, auch in der Luft noch bis zu einem gewissen Grad einzugreifen.
Abschließend hält Benedict noch einen Punkt fest, die ihm ganz wichtig ist: “Mein Appell ist, dass das Risiko beim Flugsport ernstgenommen wird. Ich muss bei mir selbst anfangen, indem ich sage ‘Wo sind meine Schwächen?’, ‘Was muss ich tun, damit ich das sicher machen kann?’.”