“Möchte die Büste nicht mehr sehen”: Hermann Gmeiner bleibt in Alberschwende eine „Baustelle“

Die Heimatgemeinde Hermann Gmeiners arbeitet an der „Baustelle“ zu seinem Ehrenbürger. Bei einer Diskussionsveranstaltung wurde deutlich, wie die Bevölkerung den weiteren Umgang mit Hermann Gmeiner sieht.
Mit Spannung wurde die letzte Veranstaltung zum Umgang mit Hermann Gmeiner in seiner Heimatgemeinde erwartet. Ein kompetentes Podium stand dem großen Andrang Rede und Antwort. Die Geleise für eine klare Entscheidung des Bürgermeisters und der Gemeindevertretung wurden gelegt. Wie schnell nun Maßnahmen folgen, wird sich am Montag in der Gemeindevertretungssitzung weisen.
Neue Erkenntnisse der „Griss-Kommission“
Mittlerweile sind viele Institutionen nach den Vorwürfen gegen den Mitgründer der SOS-Kinderdörfer umgehend tätig geworden und haben Ehrenbezeugungen in Depots verbracht, wie die Gemeinde Imst, oder sich mehr oder weniger klar von Hermann Gmeiner distanziert, wie die Vorarlberger Landesregierung nach Empfehlung des Landesehrenzeichenrates. Mehr oder weniger, weil es im Wortlaut heißt: „Weiters verurteilt der Landesehrenzeichenrat jegliche Form von Gewalt gegen Kinder und Jugendliche und distanziert sich in einem ersten Schritt von der Verleihung des Goldenen Ehrenzeichens an Herrn Hermann Gmeiner – vorbehaltlich der juristischen Aufarbeitung durch die österreichische Justiz.“ Gegen Verstorbene gibt es keine Strafverfahren. Nach Vorliegen des Berichtes der „Griss-Kommission“ beschloss der Tiroler Landtag letzte Woche die posthume Aberkennung der höchsten Auszeichnung des Landes für Hermann Gmeiner und Helmut Kutin, seinen Nachfolger in der Organisation.
Alberschwende zögerte
Nach Bekanntwerden der Vorwürfe von sexualisierter Gewalt durch Hermann Gmeiner entschloss sich die Gemeinde unter Bürgermeister Klaus Sohm, einen „Aufarbeitungsprozess“ zu starten, mit dem Ziel bis zum Herbst des Folgejahres – also heuer – einen Weg zu finden „mit den Spuren Hermann Gmeiners im Ort“ umzugehen. Habe es doch nach der öffentlichen Diskussion um die Person Hermann Gmeiners in der Gemeinde eine große Betroffenheit gegeben und viele Menschen fühlten sich mit Gmeiners Geschichte und dessen Wirken verbunden, so die Gemeinde. Die mutmaßlich massiven Verfehlungen Gmeiners wurden durch mindestens acht Opferschutzfälle belegt. Das SOS-Kinderdorf leistete an die Betroffenen Entschädigungszahlungen und bot ihnen psychotherapeutische Hilfe. Mittlerweile hat die eingerichtete Opferschutzkommission unter Irmgard Griss die Organisation schwer belastet. Gerüchten über sexuellen Missbrauch durch die „heroische Gründerfigur“ (Hermann Gmeiner) sei nicht nachgegangen worden, um den guten Ruf zu schützen.
Wie mit Gmeiners Spuren umgehen?
Noch vor einem Jahr wollte Alberschwende als Heimatgemeinde ihrem Ehrenbürger Hermann Gmeiner ein eigenes Museum einrichten. Michael Kasper, als Direktor des Vorarlberg Museums war eingebunden und erklärte, dass die Gemeinde einen guten Weg gefunden habe, Objekte der Erinnerung nicht einfach verschwinden zu lassen, sondern einen Weg der Auseinandersetzung und des Lernens suche. Direkt neben der Schule und der Kirche befindet sich eine Büste Hermann Gmeiners, die im Dezember schon einmal Ziel eines „Anschlags“ mit Farbe, einer Augenbinde und einer Tafel wurde: „Wer Tätern ihre Büste lässt, spaltet die Gesellschaft“. Sie wurde wieder „instandgesetzt“ und steht dort wie seit drei Jahrzehnten und spaltet die Gemüter.

„Wir werden einen Weg finden, mit den Spuren Hermann Gmeiners in unserem Ort gut umzugehen, dafür haben wir uns Zeit genommen und eine Arbeitsgruppe mit Experten eingerichtet.“
Klaus Sohm, Bürgermeister Alberschwende
Auch der Gemeindesaal, der nach dem Ehrenbürger Hermann Gmeiner benannt wurde, soll nun umbenannt werden. Bei der Saalbeschriftung gab es schon „Interventionen“ aus der Bevölkerung. Es wurde ein Transparent auf der Saalbeschriftung mit neuem Namen aufgehängt: „Heinamol Gemeinde Saal“. Auch dieses wurde umgehend entfernt, was nicht alle goutierten. Bei der Veranstaltung wurde das Transparent von zwei Proponentinnen im Saal aufgehängt.
Die Sicht des Historikers
Schon zum wiederholten Mal wurde der Innsbrucker Historiker, Horst Schreiber, der 2013 ein Buch über die SOS-Kinderdörfer schrieb, bemüht. War er bisher als Historiker mit einer „Beurteilung“ der Person Gmeiners vorsichtig, sprach er an diesem Abend der Griss-Kommission eine hohe Glaubwürdigkeit zu. Er lobte die Gemeinde neuerlich, diesen Weg mit der Bevölkerung zu gehen, sich Zeit zu nehmen und monierte zugleich das „Fehlen“ der SOS-Kinderdorf-Organisation vor Ort.

„Wir müssen nun endlich ins Tun kommen, das sind wir den Opfern schuldig.“
Klaus Gmeiner
Die Bevölkerung von Alberschwende
Bürgermeister Klaus Sohm wollte von Anfang an die Bevölkerung in diesen „Aufarbeitungsprozess“ einbinden und „gemeinsam tragfähige Empfehlungen“ erarbeiten, die die Gemeindevertretungssitzung anschließend beschließen müsse. Bei der Diskussion mit dem Publikum war Zurückhaltung angesagt. Anwesende „Verteidiger“ Gmeiners, die in der Vergangenheit von „Lügen“ sprachen, waren da, meldeten sich aber nicht zu Wort. Zwei Wortmeldungen sprachen sich für die Werte von „Vergebung“ und die Sicht auf den Täter als Opfer einer schweren Kindheit aus. Es überwog die Meinung, nun endlich ins Tun zu kommen, „das seien wir den Opfern schuldig, rasch zu handeln“, meinte Klaus Gmeiner. Birgit Fiel wünschte sich, dass jetzt ganz schnell etwas geschehe, ein ganzes Jahr Warten sei ein „No-Go“, sie wünsche sich so schnelle Schritte, wie bei der Reinigung der Büste nach der Verunstaltung und erntete viel Applaus. Wieso die Büste nicht wie bei einer Baustelle „eingehaust“ werde, als Zeichen, dass man dran ist“, fragte ein Gast. Dieser Metapher konnte der anwesende Künstler, Stefan Amann, viel abgewinnen, „eine Baustelle, die noch Zeit bis zu ihrer Fertigstellung brauche“.
Stimmen aus der Gemeinde

„Büste entfernen“
“Für mich wäre es aus Sicht des Opferschutzes ein klares Statement, wenn man die Büste entfernen würde und sich mit einem klaren Statement für den Schutz der Kinder positioniert. Als Wirkung auch für den Rest Vorarlbergs, wenn man damit klar für den Opferschutz der Kinder eintritt und ein klares Zeichen setzt.”
Jeannine Harlacher

„Möchte sie nicht mehr sehen“
Die Büste steht vor der Schule, jeden Tag gehen Schülerinnen und Schüler dort vorbei. Ich als Lehrerin auch. Ich hatte schon ein Tuch darüber geworfen, das entfernt wurde. Ich beschmiere die Büste nicht oder verunstalte sie nicht, aber Ich möchte diesen Mann jetzt nicht mehr sehen müssen. Es ist Zeit etwas zu tun.
Petra Raid

„Keine Unschuldsvermutung“
Wenn man Kinder schwer missbraucht, darf man von seiner Gemeinde nicht geschützt werden. Meine Tochter geht dort in die Spielgruppe und wenn sie zum Fenster hinausschaut, sieht sie erhöht die Hermann-Gmeiner-Büste und es tut als Mama wirklich weh, wenn da nichts passiert. Es kann in diesem Fall keine Unschuldsvermutung geben, sonst hätte die Organisation nicht so regiert, wie sie reagiert hat. Man muss als Alberschwender, als Alberschwenderin nun überlegen, will ich diesen Mann ehren oder nicht.
Stefanie Rinnhofer-Hopfner

„Muss jetzt schnell gehen“
Wir haben gesehen, wie schnell dieses Transparent auf dem Saalnamen entfernt wurde. Die Aufarbeitung ist wichtig, aber mir fehlen Zeichen im Sinne der Opfer, wenn ich vom Opferschutz höre, dass es zu einer Retraumatisierung kommen könne, wenn ein Opfer daran vorbeigehe. Ich wünsche mir Schritte und Zeichen, aber nicht in einem halben oder Jahr, sondern das muss jetzt ganz schnell gehen.
Birgit Fiel