Was der VW-Umbau für Vorarlbergs Industrie bedeutet

Volkswagen steht vor dem größten Umbau seiner Geschichte. Was in Deutschland entschieden wird, könnte auch Vorarlberger Industriebetriebe treffen. Denn zahlreiche Unternehmen liefern über internationale Wertschöpfungsketten in die europäische Autoindustrie.
Die Krise der deutschen Autoindustrie hat eine neue Dimension erreicht. Volkswagen steckt mitten in einem historischen Umbau. Nach dem bereits beschlossenen Abbau von mehr als 35.000 Stellen bis 2030 stehen inzwischen noch weitreichendere Einschnitte im Raum. Konzernchef Oliver Blume soll intern von bis zu 100.000 Arbeitsplätzen gesprochen haben, die langfristig wegfallen könnten. Auch die Schließung mehrerer deutscher Werke gilt nach Medienberichten als möglich, beschlossen sind diese Schritte allerdings nicht. Klar ist jedoch: Europas größter Autobauer steht unter enormem Druck.
Lieferketten unter Druck
Für Vorarlberg ist das weit mehr als eine Nachricht aus Wolfsburg. Die heimische Industrie ist eng mit der deutschen Wirtschaft verflochten. Viele Unternehmen produzieren keine Fahrzeugteile im klassischen Sinn, sondern Maschinen, Kunststoffkomponenten, Metallteile, Elektronik oder Automatisierungstechnik. Dennoch landen ihre Produkte häufig über mehrere Zulieferstufen in den Fertigungslinien großer Automobilhersteller. Gerät die Autoindustrie ins Stocken, geraten auch diese Lieferketten unter Druck.
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Vorarlbergs wichtigster Markt
Die wirtschaftlichen Verbindungen sind eng. Deutschland ist mit Abstand Vorarlbergs wichtigster Handelspartner. Nach den jüngsten Außenhandelszahlen exportierten Vorarlberger Unternehmen 2025 Waren im Wert von rund 3,6 Milliarden Euro nach Deutschland. Gleichzeitig stammen rund 37 Prozent aller Importe aus dem Nachbarland. Kaum ein anderer Wirtschaftsraum ist für die exportorientierte Vorarlberger Industrie so bedeutend.
Dabei reicht die Verbindung weit über klassische Autozulieferer hinaus. Viele Betriebe liefern an Maschinenbauer, Systemlieferanten oder Hersteller technischer Komponenten. Diese beliefern wiederum große Zulieferer oder direkt die Fahrzeughersteller. Die Folgen von Produktionskürzungen oder verschobenen Investitionen zeigen sich deshalb oft erst zeitversetzt entlang der gesamten Wertschöpfungskette, auch in Vorarlberg.
Genau darauf weisen sowohl die Wirtschaftskammer Vorarlberg als auch die Industriellenvereinigung Vorarlberg hin. Die Krise bei Volkswagen sei nicht isoliert zu betrachten. Vielmehr zeige sie exemplarisch, wie eng Europas Industrie miteinander verbunden sei.
78 Betriebe direkt betroffen
Michael Amann, Geschäftsführer der Sparte Industrie in der Wirtschaftskammer Vorarlberg, beziffert den direkt der Fahrzeugindustrie zuordenbaren Bereich im Land auf 78 Betriebe mit rund 2600 Mitarbeitenden. Daneben nennt sie einen deutlich größeren Kreis von rund 1800 Betrieben mit insgesamt etwa 41.000 Beschäftigten. Dabei handelt es sich allerdings um Unternehmen, die aufgrund ihrer Branche grundsätzlich Teil automobiler Lieferketten sein können. Dazu zählen unter anderem Metallverarbeitung, Kunststofftechnik, Elektrotechnik, Maschinenbau, Werkzeugbau sowie industrielle Dienstleistungen. Die Wirtschaftskammer betont ausdrücklich, dass diese Zahl nicht mit tatsächlich betroffenen Arbeitsplätzen gleichgesetzt werden darf. Daraus lasse sich weder ableiten, wie viele Unternehmen tatsächlich an die Automobilindustrie liefern, noch wie viele von der aktuellen Entwicklung unmittelbar betroffen seien.

Michael Amann berichtet aus Gesprächen mit Mitgliedsbetrieben von wachsender Unsicherheit. Bestellungen würden kurzfristiger erfolgen, Investitionsentscheidungen verschoben, Prognosen häufiger angepasst und der Preisdruck entlang der Lieferketten nehme zu. Gleichzeitig betont der Spartenobmann: „Ein flächendeckender negativer Effekt auf Beschäftigung lässt sich daraus derzeit jedoch nicht ableiten.“ Die Auswirkungen unterschieden sich je nach Unternehmen und Kundenstruktur erheblich. Dass viele Vorarlberger Industriebetriebe mehrere Branchen beliefern, wirke derzeit stabilisierend. Neben der Automobilindustrie zählen unter anderem Maschinenbau, Medizintechnik, Energiewirtschaft oder Luftfahrt zu wichtigen Absatzmärkten.
Mehr als eine Autokrise
Auch die Industriellenvereinigung Vorarlberg sieht die Entwicklung nicht als reine Krise eines einzelnen Autobauers. Für sie ist Volkswagen vielmehr ein Beispiel für die zunehmenden Probleme des europäischen Industriestandorts.
Deutschland sei Vorarlbergs wichtigster Wirtschafts- und Absatzmarkt. Viele heimische Unternehmen seien über Komponenten, Maschinen, Automatisierungslösungen, Elektronik oder Kunststoffe Teil internationaler Lieferketten. Produktionsrückgänge bei Fahrzeugherstellern oder großen Zulieferern blieben deshalb auch in Vorarlberg nicht ohne Folgen. Besonders betroffen könnten Unternehmen aus den Bereichen Metalltechnik, Kunststoffverarbeitung, Elektronik sowie Maschinen- und Anlagenbau sein.
Die Industriellenvereinigung verweist dabei auf strukturelle Herausforderungen. Hohe Arbeitskosten, steigende Energiepreise, umfangreiche Berichtspflichten und langwierige Genehmigungsverfahren würden die Wettbewerbsfähigkeit Europas zunehmend schwächen. Die Transformation hin zur Elektromobilität sei aus ihrer Sicht nicht das eigentliche Problem. Schwieriger werde es dort, wo Investitionen aufgrund der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in andere Weltregionen abwanderten.
„Die Probleme der deutschen Automobilindustrie sind kein isoliertes Branchenproblem. Sie sind Ausdruck eines schleichenden Verlusts an Wettbewerbsfähigkeit des Industriestandorts Europa. Für Vorarlberg ist das deshalb relevant, weil wir als exportorientierte Industrieregion eng mit den europäischen Wertschöpfungsketten verflochten sind“, erklärt die Industriellenvereinigung.
Zwischen Risiko und Chance
Trotz aller Unsicherheit sehen sowohl Wirtschaftskammer als auch Industriellenvereinigung die Vorarlberger Industrie vergleichsweise gut aufgestellt. Viele Unternehmen hätten ihre Kundenbasis in den vergangenen Jahren verbreitert und seien heute deutlich weniger von einzelnen Branchen abhängig als früher. Neue Geschäftsfelder in den Bereichen Automatisierung, Digitalisierung, Energietechnik oder Luftfahrt könnten helfen, Rückgänge in der Automobilindustrie teilweise auszugleichen. Gleichzeitig werde der Innovationsdruck weiter steigen.
Die Entwicklung bei Volkswagen zeigt dennoch, wie eng Vorarlbergs Industrie mit Deutschland verbunden bleibt. Was derzeit in den Vorstandsetagen der großen deutschen Autobauer entschieden wird, kann sich über internationale Lieferketten bis in Vorarlberger Produktionshallen auswirken.
Nicht jede Sparmaßnahme führt unmittelbar zu weniger Aufträgen. Doch je länger Investitionen verschoben und Produktionskapazitäten reduziert werden, desto stärker geraten auch jene Unternehmen unter Druck, die selbst nie ein Auto gebaut haben.
VW und Vorarlberg in Zahlen
35.000 Stellen sollen bei der Volkswagen AG bis 2030 nach einer bereits vereinbarten Restrukturierung sozialverträglich abgebaut werden.
100.000 Jobs könnten laut aktuellen Medienberichten und internen Überlegungen langfristig konzernweit wegfallen. Beschlossen ist dieses Szenario derzeit nicht.
78 Vorarlberger Betriebe ordnet die Wirtschaftskammer Vorarlberg direkt der Fahrzeugindustrie zu.
2600 Mitarbeitende sind in Vorarlberger Unternehmen beschäftigt, die laut Wirtschaftskammer direkt der Fahrzeugindustrie zugeordnet werden. Hinzu kommen zahlreiche Betriebe, die über Zulieferketten indirekt mit der Autoindustrie verbunden sind.
41.000 Mitarbeitende arbeiten in rund 1800 Vorarlberger Betrieben, die aufgrund ihrer Branche Teil automobiler Lieferketten sein können. Das ist keine Zahl gefährdeter Arbeitsplätze.
3,6 Milliarden Euro exportierte Vorarlberg 2025 nach Deutschland. Das Nachbarland ist der wichtigste Exportmarkt.