Mit „Ultra Fast Fashion“ an die Börse

Der Online-Modehändler Shein zählt zu den am meisten beachteten Börsenkandidaten der vergangenen Jahre. Nach gescheiterten bzw. verzögerten Plänen für eine Notierung in New York und London arbeitet das ursprünglich in China gegründete, heute in Singapur ansässige Unternehmen an einem Börsengang in Hongkong. Beobachter erwarten eine Bewertung deutlich unter dem früheren Höchststand von rund 100 Milliarden US-Dollar. Jüngsten Schätzungen zufolge wird die Bewertung im Bereich von 40 bis 50 Milliarden Dollar liegen. Der Börsengang könnte bereits Mitte August über die Bühne gehen.
Das wirtschaftliche Umfeld ist für diese Neuemissionen derzeit denkbar ungünstig. Geopolitische Spannungen, Handelskonflikte und verschärfte Zollbestimmungen belasten vor allem globale Lieferketten. Hinzu kommen eine gedämpfte Konsumstimmung in wichtigen Absatzmärkten sowie steigende regulatorische Anforderungen. Für den Billigmodehändler ist das besonders relevant, weil er den Großteil seiner Produkte direkt aus China an Endkunden versendet. Ohne Zwischenlager in den Verkaufsregionen konnte Shein jahrelang zollfrei und unter dem Marktpreis verkaufen. Damit ist nun in den USA – und bald auch in der EU – Schluss.
Shein hat die Modebranche mit seinem Konzept der „Ultra Fast Fashion“ grundlegend verändert. Mithilfe von Datenanalysen und Algorithmen erkennt das Unternehmen Trends in sozialen Netzwerken binnen kürzester Zeit und bringt täglich Tausende neue Artikel auf den Markt. Produziert wird hauptsächlich in chinesischen Subunternehmen – zunächst in kleinen Stückzahlen. Erfolgreiche Produkte werden rasch nachbestellt. Umweltorganisationen werfen dem Unternehmen vor, den Überkonsum von Kleidung zu fördern und damit Ressourcenverbrauch, Textilmüll sowie CO₂-Emissionen zu erhöhen. Zudem sehen Menschenrechtsgruppen offene Fragen hinsichtlich Arbeitsbedingungen und Transparenz in der Lieferkette. Die anhaltende Kritik gilt als einer der Gründe, weshalb der geplante Börsengang mehrfach auf sich warten ließ.
Für Anleger wird der Börsengang damit sehr spannend. Einerseits verfügt Shein über enorme Reichweite und Milliardenumsätze. Andererseits werfen regulatorische Risiken, politische Spannungen und die gesellschaftliche Debatte über Superfast Fashion Fragen zur langfristigen Zukunftsfähigkeit des Geschäftsmodells auf. Ob der Konzern die Investoren überzeugen kann, wird daher weit über die Modebranche hinaus aufmerksam beobachtet.
