Was erfahrene Wingsuiter in Hohenems lernen, obwohl sie längst fliegen können

Wingsuit-Fliegen wirkt wie Freiheit in Reinform. In Hohenems zeigt sich, wie nüchtern diese Freiheit vorbereitet werden muss.
In Marco Fürsts Gesicht breitet sich ein Lächeln aus, wenn er an seinen ersten Sprung mit dem Wingsuit denkt. „Sowas vergisst man nie“, sagt der Bregenzer. Damals, 2009, war er Anfang 20 und schon ein erfahrener Fallschirmspringer. Heute zählt Fürst zu den bekanntesten Wingsuit-Piloten der Welt. Spätestens seit Mai 2024 kennt man ihn auch außerhalb der Szene: Gemeinsam mit Marco Waltenspiel flog er mit einem Wingsuit durch die Londoner Tower Bridge.

Am Mittwoch ging es in Hohenems aber weniger um Weltrekorde als um Weiterbildung. Am Flugplatz Hohenems-Dornbirn ist Betrieb, wie ihn der Upcs Skydive Hohenems gewohnt ist. Rund 10.000 Sprünge werden hier im Jahr absolviert, der Verein gilt als der größte Fallschirmspringerverein Österreichs. Zwischen Flugzeug, Packmatten und Briefing-Runden wird klar, dass Wingsuit-Fliegen viel spektakulärer aussieht, als es sich erklären lässt und zugleich viel nüchterner vorbereitet werden muss, als viele Internetvideos vermuten lassen.

Auf den ersten Blick erinnert ein Wingsuit an ein buntes Flughörnchen-Kostüm für Menschen. Das Prinzip ist tatsächlich ähnlich: Stoffflächen zwischen Armen und Beinen vergrößern die Körperoberfläche. Beim Absprung strömt Luft in Stoffkammern des Wingsuits, der Anzug bläst sich auf und bildet eine Art Flügel. Aus einem senkrechten Fall wird ein kontrollierter Gleitflug. „Mit Fallen hat das auch nicht mehr so viel zu tun“, sagt Fürst. Im Wingsuit verlängert sich die Zeit in der Luft deutlich. Wer ohne Wingsuit aus 4000 Metern springt, hat ungefähr eine Minute Freifall. Mit Wingsuit werden daraus rund drei Minuten Flugzeit.
Mehr fliegen, weniger fallen
Auch die Strecke verändert sich. Während ein klassischer Fallschirmsprung vor allem nach unten führt, kann ein Wingsuit-Pilot für jeden Meter Höhenverlust bis zu drei Meter horizontal zurücklegen. Wird der Fallschirm etwa auf 1000 Metern geöffnet, lassen sich aus 4000 Metern Höhe theoretisch mehrere Kilometer Horizontalflug erreichen. Die Geschwindigkeiten liegen dabei schnell bei 180 bis 200 km/h. Fürst vergleicht die Herausforderung dabei mit einem Sportwagen auf der Autobahn, nur dass zwischen Armen und Beinen „der breiteste Stofffetzen“ hängt, den man erst einmal kontrollieren lernen muss.

Genau hier beginnt der Unterschied zwischen Faszination und Gefahr. Wingsuit-Fliegen ist nicht einfach ein Fallschirmsprung mit mehr Stoff. Wer damit anfangen will, braucht zuerst viel Erfahrung im klassischen Fallschirmspringen. In Hohenems spricht man von 200 bis 300 normalen Sprüngen, bevor die ersten Einführungen mit einem Wingsuit sinnvoll sind. Dann folgen Schritt für Schritt mehr Geschwindigkeit, weitere Distanzen und komplexere Formationen.
Keine Base-Jumps in Österreich
Wichtig ist Fürst vor allem die Unterscheidung zwischen Wingsuit-Sprüngen aus dem Flugzeug und Base-Jumps. Aus dem Flugzeug hat man in der Regel mehrere tausend Meter Luft unter sich. Fehler sind damit nicht ungefährlich, aber es bleibt mehr Raum und Zeit zum Reagieren. Beim Base-Jumping ist das anders. Dort springen Sportler von festen Objekten, beispielsweise von Felsen, Brücken, Gebäuden oder Türmen. Die Höhe ist geringer, das Gelände näher, die Zeit für Korrekturen minimal. Zudem stehen oftmals vor dem Sprung mehrere Stunden Aufstieg, Gelände- und Wetterbeurteilung eine Erschwernis da. „Ich habe 4000 Fallschirmsprünge, inklusive Wingsuit-Sprüngen absolviert, bevor ich überhaupt mit dem Base-Sport angefangen habe“, erinnert sich Fürst.

In Österreich ist Base-Jumping grundsätzlich verboten. Das wurde auch im Frühjahr wieder Thema, als sich ein 28-jähriger Mann bei einem illegalen Sprung vom Rhomberg-Felsen zwischen Dornbirn und Hohenems schwer verletzte. Am Tag davor waren zwei Wingsuit-Springerinnen bei einem legalen Fallschirmsprung in Hohenems in der Luft zusammengestoßen. Beide konnten danach nicht mehr kontrolliert landen. Beide Frauen überlebten, wurden jedoch schwer verletzt.
Übung macht den Meister
Für den Verein waren der Unfall mit den zwei Springerinnen ein schwerer Einschnitt. „Als Konsequenz daraus haben wir für uns gezogen, dass die Leute besser ausgebildet werden müssen“, sagt Fürst. Darum entstand das Skill-Camp, das die Vereinsmitglieder Dominik Summer und Matthias Thoma initiierten und über ihre Unternehmen Sonnen Apotheke und Thoma Werbetechnik gemeinsam mit dem Verein finanziert. Drei Tage lang trainierten in Hohenems rund 30 bis 35 erfahrene Hobby-Wingsuiter mit internationalen Coaches. Vor jedem Sprung wurde geplant, danach wurde anhand von Videoaufnahmen analysiert, besprochen und der nächste Sprung vorbereitet.

Es geht dabei besonders um Können und Selbsteinschätzung. „Eine Verbesserung der Sicherheit“ sei das Ziel, sagt Fürst, und die Minimierung jenes Risikos, das mit dem Sport immer verbunden bleibt.

Ganz risikolos wird Wingsuit-Fliegen nie sein. Aber Fürst wehrt sich dagegen, den Sport nur über Unfälle zu erzählen. Für viele ist er die Form des Fallschirmspringens, die dem menschlichen Fliegen am nächsten kommt. Wer es lernen will, braucht Geduld, Demut und viele kleine Schritte.