Der Wald wirkt gesund. Unter der Rinde brütet die Gefahr

Vorarlbergs Wälder stehen nicht vor einem sichtbaren Problem. Genau das macht den Borkenkäfer so gefährlich. In Hittisau zeigt sich, warum jetzt jede Woche zählt.
Etwa „70.000 Käfer sind da drinnen gewesen.“ Alexander Huber zeigt auf eine Borkenkäferfalle am Waldrand in Hittisau. Anfang August wurde darin diese enorme Zahl an Buchdruckern gezählt. Eine Woche später waren es laut dem Waldaufseher nur noch 80. Der starke Rückgang bedeutet allerdings keine Entwarnung: Die Flugphase war weitgehend vorbei, viele Käfer hatten sich bereits neue Brutstätten gesucht.
Das bedeutet allerdings keine Entwarnung. Der Rückgang zeigt vor allem, dass die Flugaktivität nach der Hauptflugphase deutlich nachgelassen hat. Die Käfer können zu diesem Zeitpunkt bereits andere Bäume befallen haben. Die Falle dient deshalb vor allem der Überwachung. Pheromone locken die Tiere an und zeigen, wann besonders viele Käfer unterwegs sind.

Huber ist Waldaufseher der Gemeinde Hittisau und für rund 46 Quadratkilometer Fläche verantwortlich – ungefähr die Hälfte davon ist bewaldet. Gemeinsam mit Thomas Ölz, dem Geschäftsführer des Waldverbandes Vorarlberg, führt er durch den Bestand. Immer wieder bleiben die beiden stehen, zeigen auf Baumkronen, Rinde und einzelne Fichten, die aus dem Wald entfernt werden müssen.
Geschwächte Bäume
Die Gefahr ist oft nicht sofort sichtbar. Ein Baum kann von außen noch unauffällig wirken, während sich unter seiner Rinde bereits Buchdrucker oder Kupferstecher vermehren. „Wenn ich eine rote Krone sehe, dann ist es eigentlich schon wieder zu spät“, sagt Huber. Die verfärbte Krone sei ein deutliches Zeichen dafür, dass der Befall bereits weit fortgeschritten ist.

Die wichtigsten Borkenkäfer-Arten
Buchdrucker:
Der rund fünf Millimeter große Käfer befällt vor allem den dicken Stammbereich älterer Fichten. Seine Brutgänge verlaufen längs zur Stammachse.
Kupferstecher:
Die kleinere Art befällt vorwiegend dünnere Fichten, Äste und den Kronenbereich. Der Befall ist deshalb oft schwerer zu erkennen.
Beide Arten entwickeln sich unter der Rinde und zerstören dort das für den Baum lebenswichtige Bastgewebe. In Vorarlberg sind sie die wirtschaftlich wichtigsten Borkenkäferarten.
Normalerweise kann sich eine Fichte gegen die Angreifer wehren. Sie setzt Harz frei, das Larven und Käfer abtöten oder zurückhalten kann. Doch dafür braucht der Baum ausreichend Wasser. „Wenn ihm die Flüssigkeit fehlt, geht das nicht“, erklärt Ölz.
Die lange Trockenheit setzt den Bäumen daher doppelt zu. Sie schwächt ihre Abwehr und macht sie für den Käfer leichter angreifbar. Gleichzeitig beschleunigen höhere Temperaturen dessen Entwicklung. Was früher durch kühlere Bedingungen gebremst wurde, kann sich nun deutlich schneller entwickeln.
Sechs Wochen
Eine der wichtigsten Gegenmaßnahmen sind sogenannte Fangbäume. Dafür werden Fichten gezielt gefällt und den Käfern als attraktive Brutstätte angeboten. Die Tiere werden von den Duftstoffen des frischen Holzes angelockt und sollen so von gesunden Bäumen ferngehalten werden.

Das funktioniert aber nur, wenn der Zeitpunkt genau stimmt. „Ich locke sie an in diesen Stamm“, sagt Ölz. „Aber bevor die sechs Wochen fertig sind und sich die nächste Generation entwickelt, muss der Baum wieder weg.“ Wird der Fangbaum zu spät entfernt, wird aus dem Schutzinstrument eine neue Brutstätte. „Sonst schießt du dir ein Eigentor“, sagt Ölz. Ausgehend von 200 Buchdrucker-Weibchen können bei jeweils 40 Nachkommen in der ersten Generation rund 8000 Käfer entstehen, in der zweiten bereits 160.000. Bei drei Generationen wären es theoretisch 3,2 Millionen Käfer. Die gefällten Stämme müssen deshalb rechtzeitig aus dem Wald gebracht oder entrindet werden.

Auch die Pheromonfallen helfen bei der Überwachung. Sie fangen nicht den gesamten Käferbestand ab, sondern liefern Hinweise auf die Flugaktivität. Huber kontrolliert die Fallen regelmäßig und wechselt die Lockstoffe. Werden besonders viele Käfer gezählt, müssen die umliegenden Bestände intensiver kontrolliert werden.
So schnell wächst die Population
Ausgehend von 200 Buchdrucker-Weibchen und jeweils 40 Nachkommen ergibt sich laut Waldverband Österreich theoretisch:
- 1. Generation: 8.000 Käfer
- 2. Generation: 160.000 Käfer
- 3. Generation: 3,2 Millionen Käfer
Die Berechnung berücksichtigt weder natürliche Sterblichkeit noch Geschwisterbruten. Bei lang anhaltend warmer Witterung können bis zu drei Generationen pro Jahr entstehen. Wird im Frühjahr nur ein befallener Baum übersehen, können daraus bis zum Herbst bis zu 1000 Käferbäume entstehen.
Saubere Waldwirtschaft
Das Problem: Befallene Bäume rechtzeitig zu finden, ist schwierig. Luft- und Satellitenbilder zeigen Schäden oft erst, wenn sie bereits deutlich sichtbar sind. „Wenn ich in den Bestand hineingehe: Wo muss ich anfangen?“, fragt Huber. Deshalb sei es wichtig, dass auch die Waldbesitzer ihre Flächen regelmäßig kontrollieren. „Jeder Grundbesitzer muss ein Auge drauf haben“, sagt Ölz.
Entdeckt werden müssen vor allem frische, bruttaugliche Hölzer, etwa nach Sturm, Schneebruch oder Wipfelbruch. Abgestorbene Bäume sind dagegen nicht automatisch ein Problem. „Die können drinbleiben. Das ist Ökologie“, erklärt Ölz. Entscheidend sei eine „saubere Waldwirtschaft“: Frisch befallene oder geschwächte Bäume müssen rasch gefällt, entrindet oder aus dem Bestand gebracht werden.

Schutzwald in Gefahr
Das ist in den steilen Lagen Vorarlbergs nicht immer einfach. Für einzelne Bäume lohnt sich der Einsatz einer Seilkrananlage oft nicht. Manche Bestände sind nur mit großem Aufwand erreichbar. Genau hier sehen Ölz und die Landwirtschaftskammer ein Problem bei den Förderungen.

Das Land weist darauf hin, dass derzeit aus budgetären Gründen bestimmte Förderungen für die Aufarbeitung und Entfernung von Einzelschäden sowie für die Aufarbeitung von durch Borkenkäfer befallenen Bäumen mit Tragseil nicht genehmigt werden können.

„Wir sparen nicht, wenn wir an diesen Stellen sparen“, sagt Ölz. Denn der Wald ist nicht nur Wirtschaftsfaktor. Seine Wurzeln stabilisieren die Hänge. Wenn sie nach dem Absterben der Bäume ihre Wirkung verlieren, steigt die Gefahr von Erosion, Rutschungen und Muren. In einem Gebirgsland kommen Lawinen als weitere Gefahr hinzu.

Noch ist Vorarlberg von Verhältnissen wie in stark betroffenen Gebieten Tirols entfernt. Doch gerade das macht die rechtzeitige Vorsorge entscheidend. „Wenn es so ausschaut wie in Osttirol, dann bist du viel zu spät“, warnt Ölz.
Dann müsste der Wald großflächig wiederaufgeforstet werden und das ohne den Schutz eines Bestandes und mit hohen Kosten. Als Hoffnungsträger gilt unter anderem die Weißtanne. Sie kommt mit Trockenheit besser zurecht als die Fichte. Der Wald der Zukunft werde aus mehreren Baumarten bestehen müssen. Entscheidend sei aber, zu handeln, bevor der Alarm im Wald für alle sichtbar wird.