Tätowieren in der Kirche? In Dornbirn wird genau das gemacht

Darf christlicher Glaube unter die Haut? In Dornbirn bekam diese Frage an einem ungewöhnlichen Ort eine neue Bedeutung.
Der Satz: „Ihr sollt euch keine Zeichen einritzen“ – aus dem dritten Buch Mose gilt vielen als biblisches Tattoo-Verbot. Theologiestudent Lukas Mattei löste diese Lesart bei der Veranstaltung „Religious Ink“ in der Pfarrkirche St. Martin in Dornbirn auf. Gemeint sei damit nämlich nicht das moderne Tätowieren, sondern die Abgrenzung des Volkes Israel von kultischen Praktiken anderer Völker. Konkret ging es damals um Einschnitte und Inschriften im Kontext eines Totenkultes und nicht allgemein um das Tättowieren an sich.

Religiöse Tinte. Zwischen Kirchenbänken und Altarraum stand am Freitag dann Tattoo-Equipment – Mitten in der Kirche. Die ungewöhnliche Kulisse war dabei mehr als ein Blickfang: Sie machte die Frage sichtbar, ob und wie die Kirche dem Bedürfnis nach individueller Glaubenssprache Raum geben kann. Veranstaltet wurde „Religious Ink“ von der Katholischen Kirche Vorarlberg in Kooperation mit der Initiative Denk Dich Neu.

Pfarrer Dominik Toplek hat das Format bewusst in den Kirchenraum geholt. Das Thema beschäftige ihn und sein Team schon länger, erzählt der bekennende Tattoo-Fan. Eine erste Veranstaltung habe 2021 noch in einem Pfarrsaal stattgefunden; nun kehre die Idee als Neuauflage in die Kirche zurück. Toplek selbst bringt dafür auch eine persönliche Erfahrung mit: Sein Glaubensbekenntnis trägt er auf dem Rücken.

Den kulturhistorischen Blick lieferte Julia Pucher, Kultur- und Sozialanthropologin sowie Tätowiererin. Tätowierungen und Christentum seien keineswegs erst ein Phänomen der Gegenwart, betonte sie. Christen hätten sich seit jeher tätowiert, auch wenn kirchliche Verbote und gesellschaftliche Machtverhältnisse zeitweise eine starke Ambivalenz geschaffen hätten.

Spezialgebiet: Christliche Symbole
Wie selbstverständlich religiöse Bildsprache in die Gegenwart übersetzt werden kann, zeigte der Tattoo-Artist Ego Sum Lux Mundi. Der aus Barcelona stammende Tätowierer hat sich seit elf Jahren auf christliche Symbole spezialisiert. Für „Religious Ink“ reist er extra nach Dornbirn. Fünf Termine waren vorab online vergeben worden, weitere Tätowiermöglichkeiten wurden am Abend unter den Gästen verlost. In St. Martin stach er religiöse Symbole dann direkt vor Ort.

Besonderer Kontext
Eines dieser Tattoos kam bei Martin Dedvukaj unter die Haut. Der 22-Jährige wurde durch seinen Zivildienst im katholischen Seelsorgeraum und die kirchliche Jugendarbeit auf den Abend aufmerksam. Dass das Tattoo in einer Kirche gestochen werde und einen kirchlichen Kontext habe, gebe der Entscheidung für ihn besonderes Gewicht, sagte er gegenüber der NEUE. Welches Motiv es genau werden sollte, wollte er erst nach der Beratung mit dem Künstler entscheiden. Das Tattoo durfte ein spontanes sein, seine Bedeutung aber sollte bleiben.