„Es geht um weit mehr als nur um Haare“

Perückenmacherin Sandra Schenk berät Frauen, die krankheitsbedingt ihre Haare verlieren. Ihre Mitarbeiterin Aline Weninger weiß aus eigener Erfahrung, wie viel eine Perücke bedeuten kann.
“Es gibt Frauen, die sagen, es war meine beste Freundin in dieser Zeit.“ Sandra Schenk spricht über Perücken, die für Frauen während einer Krebserkrankung zu wichtigen Begleiterinnen werden. Sie können helfen, sich im Spiegel wiederzuerkennen und im Alltag ein Stück Normalität zu bewahren. In ihrem Perückenstudio geht es deshalb um weit mehr als Haarfarben und Frisuren. Es geht um persönliche Geschichten, Unsicherheit und darum, gemeinsam eine Lösung zu finden, mit der sich eine Frau wohlfühlt.

Ein neues Spiegelbild
Der Verlust der Haare gehört für viele Frauen zu den sichtbarsten Folgen einer Krebserkrankung. Was zuvor selbstverständlich war, kann plötzlich zur Herausforderung werden: Der Blick in den Spiegel oder der Gang aus dem Haus. Mit den Haaren verändert sich für manche auch das Gefühl für den eigenen Körper. Die Erkrankung wird nach außen sichtbar, selbst wenn man sich zuvor nicht unbedingt krank gefühlt hat.
Schenk ist seit 45 Jahren Friseurin. Auf das Thema Perücken kam sie vor rund zehn Jahren, als eine Freundin ihrer Mutter an Krebs erkrankte und eine Perücke brauchte. Schenk begann sich zu informieren und stellte fest, dass es in Vorarlberg nicht wirklich ein Perückenstudio gab. Sie entschied sich, in ihrem Friseursalon in Feldkirch einen eigenen Raum einzurichten, damit die Beratung in geschützter Atmosphäre stattfinden kann. „Wenn ich das mache, dann will ich es professionell machen“, so Schenk.

Heute kommen Frauen mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen ins Perückenstudio. Manche stehen am Anfang einer Krebstherapie, andere leben mit Alopezie, einer Erkrankung, bei der die Haare dauerhaft oder teilweise ausfallen können.

Die Beratung ist das Wichtigste für die Perückenfachfrau. „Wir beraten, und zwar jeden, der hier hereinkommt, und mit allem, was wir haben.“ Es gibt unterschiedliche Modelle und Preisklassen, von Kunsthaarperücken um 0 Euro, die von der Krankenkasse bezahlt werden, über Mischhaarvarianten bis zu Modellen aus Echthaar, die bis zu 7000 Euro kosten. Zudem gibt es Unterschiede bei Verarbeitung und Tragekomfort.

Wenn möglich, möchte Schenk die Kundin sehen, solange sie noch ihre eigenen Haare hat. Farbe, Länge und Form lassen sich so leichter einschätzen. Nach dem Erstgespräch wird eine Auswahl passender Modelle bestellt. „Eine Perücke ist ein Hilfsmittel, wie eine Brille oder eine Prothese“, erklärt sie. Sie könne das Haar nicht einfach ersetzen, aber sie könne etwas Normalität ermöglichen.

Schenk erzählt mit professioneller Zurückhaltung von Begegnungen mit Kundinnen. „Ich muss mich schützen, kann nicht jedes Schicksal mit ins Bett nehmen“, sagt sie. Dennoch gibt es Momente, die ihr in Erinnerung bleiben: Ein Mädchen habe mit seinen Eltern und ihrer Schwester ihre Perücke abgeholt. Sie hatte ihre Haare zu diesem Zeitpunkt leider nicht mehr. Als sie ihr dann die Perücke aufsetzte, sagte die Schwester: „Mama, Papa, schaut her, jetzt können wir doch noch Pizza essen gehen!“ Für Schenk zeigte dieser Moment, dass eine Perücke auch für Angehörige eine Bedeutung haben kann. Ein vertrautes Aussehen kann helfen, mit der Situation umzugehen und für einen Augenblick etwas Normalität zurückbringen. „Wenn die Mama wieder Haare hat, dann ist es gleich wieder die Mama.“

Weniger Scham, mehr Offenheit
Haarausfall ist für viele Betroffene noch immer ein Thema, über das sie ungern sprechen. Schenk findet es bemerkenswert, dass vieles am eigenen Aussehen offen diskutiert wird, während eine Perücke möglichst unbemerkt bleiben soll. „Es geht ja keiner raus und sagt: Schau, meine tolle Perücke“, erklärt die Fachfrau. Viele Frauen möchten nicht, dass andere erkennen, dass sie eine tragen. Für Schenk ist das verständlich, gleichzeitig wünscht sie sich aber auch mehr Offenheit. Vielmehr wäre es für sie das schönste Kompliment, wenn jemand die Kundin fragt, ob sie beim Friseur gewesen sei oder eine neue Frisur habe. „Man muss nicht schambehaftet durch die Welt rennen, mit wenigen Haaren.“
Im Brustkrebsmonat Oktober möchte Schenk auch an die Früherkennung erinnern. In ihrem Studio begegnet sie besonders häufig Frauen mit Brustkrebs, die durch ihre Behandlung Haare verloren haben. Brustkrebs ist jene Krebsart, bei der Perücken am häufigsten gebraucht werden.

Aus eigener Erfahrung begleiten
Aline Weninger, eine Mitarbeiterin von Schenk, kennt die Erfahrung mit Krebs und Perücken auch aus ihrem eigenen Leben. Ihr Mann erhielt zwei Tage vor ihr die Diagnose Prostatakrebs. Kurz darauf wurde bei ihr Brustkrebs festgestellt. Als ihre Haare auszufallen begannen, entschied sie sich für eine Echthaarperücke. „Glatze wird immer noch mit Krankheit in Verbindung gebracht“, sagt sie.
Für Weninger war der Haarverlust ein Moment, in dem die Erkrankung greifbar wurde. „Wenn die Haare weg sind, denkst du: Jetzt ist es so.“ Sie hatte das Gefühl, dass die Krankheit plötzlich auch nach außen sichtbar war.
Heute begleitet Weninger Frauen, die vor einer ähnlichen Entscheidung stehen. Sie weiß, dass es Überwindung kosten kann, einen Termin zu vereinbaren. Manchmal braucht es Zeit, bis man sich eingestehen kann, dass eine Perücke infrage kommt. Ihre eigene Erfahrung macht die Arbeit für sie zu mehr als einem Beruf. „Jetzt weiß ich, worüber ich rede, und jetzt kann ich auch die Kundinnen nachempfinden.“ Gemeinsam mit Schenk möchte sie Frauen zeigen, dass sie mit ihren Fragen und Sorgen nicht allein sind.

Eine Perücke kann die Krankheit nicht abnehmen, aber sie kann helfen, sich selbst wieder ein Stück näherzukommen. Manchmal bedeutet das, mit einer vertrauten Frisur vor den Spiegel zu treten und manchmal, sich wieder unter Menschen zu wagen. Es geht darum, Frauen in einer schwierigen Zeit ein Stück Sicherheit, Selbstbestimmung und Lebensqualität zurückzugeben.
