Fast jeder Vierte Vorarlberger ist im Ausland geboren

Der Österreichische Integrationsfonds vergleicht Vorarlbergs Entwicklung bei Bevölkerung, Schule und Arbeit. Die NEUE am Sonntag ordnet die Zahlen ein und fragt nach den Folgen für das Land.
Am 1. Jänner 2026 lebten knapp 97.800 Menschen mit ausländischem Geburtsort in Vorarlberg. Das waren 23,7 Prozent. Zehn Jahre zuvor lag ihr Anteil bei knapp einem Fünftel. Die Zahl der im Ausland Geborenen stieg in diesem Zeitraum um rund 21.500. Damit zählt Vorarlberg – nach Wien – zu den Bundesländern mit dem höchsten Anteil.
Die jüngste Wanderungsstatistik fällt anders aus: 2025 kamen unterm Strich 547 Menschen mehr aus dem Ausland nach Vorarlberg, als wegzogen. Das war der niedrigste Wert seit 2016 und 59 Prozent weniger als 2024. Weniger Menschen zogen zu, während die Wegzüge auf hohem Niveau blieben, sagt Barbara Stewart, stellvertretende Teamleiterin für Wissensmanagement und Internationales beim Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF).
Das ist kein Widerspruch: Der Anteil im Ausland Geborener bildet die Entwicklung über viele Jahre ab. Die Zahl der Zu- und Wegzüge beschreibt die Bewegung über die Landesgrenze innerhalb eines Jahres. Sie sagt nicht, wie viele Menschen mit ausländischem Geburtsort im Land leben oder welche Staatsbürgerschaft sie haben.
Auch die übrigen Kennzahlen messen Verschiedenes: Die Schulstatistik erfasst die angegebene Alltagssprache, nicht Deutschkenntnisse. Die Arbeitsmarktdaten vergleichen Staatsangehörigkeiten, nicht Geburtsorte. Die Zahlen lassen sich deshalb nicht zu einer einzigen Integrationskennzahl zusammenziehen.
Große Unterschiede
Innerhalb Vorarlbergs ist der Anteil ebenfalls unterschiedlich: In Dornbirn lag er 2026 bei 25,5 Prozent, in Bludenz bei 21,3. In Mittelberg waren es 77,6 Prozent. Die NEUE am Sonntag hat beim ÖIF nachgefragt, welche Entwicklungen dahinterstehen und was die Zahlen über Integration aussagen.
Zahlen & Fakten · Vorarlberg
Wie sich Vorarlberg verändert
Vier Kennzahlen aus der ÖIF-Broschüre „Migration & Integration in Österreich 2026“.
Bevölkerung
Anteil der im Ausland geborenen Bevölkerung
der Bevölkerung · 1. Jänner 2026
Was die Zahl bedeutet
Gezählt wird der Geburtsort. Eingebürgerte Menschen bleiben in dieser Gruppe; im Ausland geborene Menschen mit österreichischer Staatsbürgerschaft ebenso.
Quelle: Statistik Austria, Statistik des Bevölkerungsstandes; ÖIF, Bundesländer 2026, S. 88–90.
Zu- und Wegzüge
Wanderungen zwischen Vorarlberg und dem Ausland
Unterschied: rund 1.300 mehr Zuzüge als Wegzüge 2024 · rund 500 mehr 2025.
Was gezählt wird
Erfasst werden Zu- und Wegzüge über die Landesgrenze. Umzüge zwischen Vorarlberg und anderen Bundesländern sind hier nicht enthalten.
Quelle: Statistik Austria, Wanderungsstatistik; ÖIF, Bundesländer 2026, S. 92–93. Werte im Begleittext gerundet.
Schule
Anteil mit anderer Erstsprache als Deutsch
Was die Zahl bedeutet
„Andere Erstsprache“ beruht auf der ersten Angabe zur Alltagssprache. Die Statistik misst weder Deutschkenntnisse noch individuellen Förderbedarf.
Quelle: Statistik Austria, Schulstatistik; ÖIF, Bundesländer 2026, S. 95.
Arbeit
Erwerbstätigenquote in Vorarlberg 2025
Was die Zahl bedeutet
Die Quote vergleicht Staatsangehörigkeiten, nicht Geburtsorte. Sie zeigt Unterschiede, aber keine Ursachen dafür.
Quelle: Statistik Austria, Mikrozensus-Arbeitskräfteerhebung 2025; ÖIF, Bundesländer 2026, S. 96.
Sprachvielfalt an Vorarlbergs Schulen
Jeder vierte Schüler in Vorarlberg hatte im Schuljahr 2024/25 eine andere Erstsprache als Deutsch. Zehn Jahre zuvor waren es 23,4 Prozent, der Anstieg beträgt also 1,6 Prozentpunkte. Besonders hoch ist der Anteil an Polytechnischen Schulen: 43,9 Prozent, gegenüber 29,7 Prozent 2014/15. An Sonderschulen stieg der Anteil von 37,8 auf 51,5 Prozent. In Mittelschulen lag er bei 34,4 Prozent, in Volksschulen bei 32,1 Prozent.
Barbara Stewart vom ÖIF ordnet den Wert ein: „Dass an Vorarlbergs Polytechnischen Schulen rund 44 Prozent der Jugendlichen eine andere Erstsprache als Deutsch haben, bedeutet nicht automatisch, dass sie schlecht Deutsch sprechen.“ Die Zahl verdeutliche aber, wie wichtig Sprachförderung im Bildungsbereich sei. Gute Deutschkenntnisse seien besonders beim Übergang von der Schule in eine Lehre entscheidend.
Die Statistik misst keine Sprachkompetenz. Erfasst wird die erste Angabe zur im Alltag verwendeten Sprache; auch Schüler, die zusätzlich Deutsch sprechen, können in dieser Kategorie aufscheinen. Aus dem Wert lässt sich daher weder der individuelle Förderbedarf noch der tatsächliche Deutschstand der Jugendlichen ablesen.
Im Schuljahr 2024/25 gab es in Vorarlberg rund 2100 außerordentliche Schüler mit unzureichendem Deutschstand, das waren 3,8 Prozent aller Schüler. Der Anteil lag im Bezirk Dornbirn bei 4,3 Prozent, in Bregenz bei 3,1. Die Broschüre liefert keine Verlaufsdaten dazu, wie sich die Deutschkenntnisse der betroffenen Schüler entwickeln oder wie viele nach Sprachförderung in eine Lehre wechseln.
Große Lücke bei der Erwerbstätigkeit
Bei der Erwerbstätigkeit zeigt sich ein deutlicher Abstand zwischen Staatsangehörigkeitsgruppen. In Vorarlberg lag die Erwerbstätigenquote 2025 bei österreichischen Staatsangehörigen bei 78,1 Prozent, bei ausländischen bei 72,5 Prozent. Innerhalb der ausländischen Bevölkerung reicht die Spanne von 80,5 Prozent bei EU-/EFTA-Staatsangehörigen und Menschen aus Großbritannien bis zu 63 Prozent bei Drittstaatsangehörigen. Das sind 17,5 Prozentpunkte Unterschied.
Stewart erklärt den Abstand mit verschiedenen Ausgangslagen: Viele EU-Bürger kämen mit hohem Bildungsniveau und konkreten Beschäftigungsperspektiven nach Österreich. Viele Flüchtlinge mit Asyl oder subsidiärem Schutz hätten in Vorarlberg einen vergleichsweise niedrigen Bildungsstand. „Besonders niedrig ist die Erwerbstätigenquote bei Frauen aus Syrien und Afghanistan“, sagt die ÖIF-Vertreterin. Dafür liegen allerdings keine Vorarlberger Detailzahlen im Bericht vor.
Stewart fordert mehr Verbindlichkeit bei der Integration, besonders von Frauen und Müttern. „Denn wirtschaftliche Eigenständigkeit ist eine wesentliche Voraussetzung für ein selbstbestimmtes Leben“, sagt sie. Die Arbeitslosenquote lag 2025 bei ausländischen Staatsangehörigen bei 8,3 Prozent, bei österreichischen bei 4,9 Prozent. Beide Werte stiegen gegenüber dem Vorjahr um 0,3 Prozentpunkte. Die Quote zeigt, wie viele Menschen einer Gruppe erwerbstätig sind. Sie erklärt aber nicht, welchen Anteil Ausbildung, Betreuungspflichten, die Anerkennung von Abschlüssen oder andere Hürden am Abstand haben.
Zuzug aus vielen Ländern
Rund 21.500 mehr im Ausland Geborene als zehn Jahre zuvor: Der Anteil an Vorarlbergs Bevölkerung ist auf 23,7 Prozent gestiegen. „In den vergangenen zehn Jahren ist die Zahl der im Ausland geborenen Menschen in Vorarlberg um rund 21.500 gestiegen“, sagt Barbara Stewart, stellvertretende Teamleiterin für Wissensmanagement und Internationales beim ÖIF. Dazu hätten Zuwanderung aus EU-Staaten sowie Fluchtmigration aus Syrien und die Vertriebenen aus der Ukraine beigetragen.
2016 waren laut Broschüre rund 76.300 Menschen im Ausland geboren, 2026 knapp 97.800. Das entspricht einem Plus von etwa 28 Prozent. Der Bevölkerungsanteil stieg im selben Zeitraum von 19,9 auf 23,7 Prozent. Prozentpunkte machen dabei die Differenz zwischen zwei Anteilen aus: Der Zuwachs beträgt 3,8 Prozentpunkte, nicht 3,8 Prozent. Die absolute Zahl zählt Personen, die Prozentzahl setzt sie ins Verhältnis zur Gesamtbevölkerung.
Die Broschüre weist Deutschland als häufigstes Geburtsland aus: 22.539 Menschen in Vorarlberg wurden dort geboren. Es folgen die Türkei (16.438), Bosnien und Herzegowina (5904) und Syrien (4699). Die Zahlen beschreiben Geburtsorte, nicht die heutige Staatsangehörigkeit. Eingebürgerte Menschen bleiben darin erfasst; umgekehrt können österreichische Staatsbürger im Ausland geboren worden sein.
Stewart sagt, die Zuwanderung habe sich zuletzt deutlich abgeschwächt. Für die Zukunft gehe es darum, jene zu integrieren, die bereits im Land leben. „Deutschlernen, Arbeiten und das Anerkennen der österreichischen Werte sind dafür die Grundlage“, sagt sie. Wie der ÖIF diese Werte definiert und wie ihre Anerkennung in der Praxis beurteilt wird, führt die Broschüre nicht aus.
Zuwachs schrumpft
Im Jahr 2025 kamen nach Angaben des ÖIF unterm Strich 547 Menschen mehr aus dem Ausland nach Vorarlberg, als wegzogen. Stewart sagt: „Während weniger Menschen zuziehen, bleiben die Wegzüge auf einem hohen Niveau.“ Sie fasst die Entwicklung so zusammen: „Mit einem Wanderungsüberschuss von nur 547 Personen wurde 2025 der niedrigste Wert seit 2016 erreicht.“ Gegenüber 2024 sank dieser Überschuss um 59 Prozent.
Die Größenordnung ist ein Jahreswert, kein Maß für die Zahl der im Ausland Geborenen im Land. Für 2025 weist die Broschüre rund 7.000 Zuzüge und etwa 6.500 Wegzüge aus. Mehr als die Hälfte der Zuzüge entfiel auf Staatsangehörige aus EU- und EFTA-Staaten sowie Großbritannien. Die größte Gruppe stellten deutsche Staatsangehörige, gefolgt von Rumänien, der Ukraine und Ungarn.
Auch 2024 zogen mehr Menschen nach Vorarlberg als weg; der Überschuss lag damals bei rund 1.300. Der niedrigere Wert 2025 bedeutet daher nicht, dass die im Ausland geborene Bevölkerung geschrumpft wäre. Er zeigt, dass der jährliche Zuwachs durch Wanderungen stark zurückging.