Evangeliumkommentar: Die alten Gassen warten

In unseren wöchentlichen Evangelienkommentaren geben Geistliche, Religionslehrerinnen, Theologinnen und andere ihre Gedanken zum Sonntagsevangelium weiter. Heute mit Johannes Lampert von der Jungen Kirche Vorarlberg.
Da redete Jesus zu dem Volk und zu seinen Jüngern und sprach: Auf dem Stuhl des Mose sitzen die Schriftgelehrten und die Pharisäer. Alles nun, was sie euch sagen, das tut und haltet; aber nach ihren Werken sollt ihr nicht handeln; denn sie sagen’s zwar, tun’s aber nicht. Sie binden schwere und unerträgliche Bürden und legen sie den Menschen auf die Schultern; aber sie selbst wollen keinen Finger dafür rühren. Alle ihre Werke aber tun sie, damit sie von den Leuten gesehen werden. Sie machen ihre Gebetsriemen breit und die Quasten an ihren Kleidern groß. Sie sitzen gern obenan beim Gastmahl und in den Synagogen und haben’s gern, dass sie auf dem Markt gegrüßt und von den Leuten Rabbi genannt werden. Aber ihr sollt euch nicht Rabbi nennen lassen; denn einer ist euer Meister; ihr aber seid alle Brüder. Und ihr sollt niemand euren Vater nennen auf Erden; denn einer ist euer Vater: der im Himmel. Und ihr sollt euch nicht Lehrer nennen lassen; denn einer ist euer Lehrer: Christus. Der Größte unter euch soll euer Diener sein. Wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.
Matthäus 23,1-12
Via San Chiara, vor zwei Tagen. Es ist die Wohnung ganz oben; Küche, Schlafzimmer, Bad. Die Aussicht am Balkon ist atemberaubend. Ausgebreitet liegt die ligurische Küste, dahinter Porto Maurizio: Dächer und Fenster, Terrakotta, roh weiß und rosenrot. Das Meer ist dunkelblau mit leicht grünem Glanz und den weißen Schaumstreifen, sobald sich die Wellen Richtung Strand nach oben wölben. Hier hat man einen Überblick, hat Weite und Tiefe, sieht nicht, ob das Meer am Horizont anfängt oder aufhört, ob es dort in alle Richtungen zerfällt oder sich konzentriert auf einen Punkt, wie eine aufgehängte Kugel. “Von oben herab.” Ein Blicken, eine Erhabenheit, eine Ambivalenz. Ich denke an andere Zeiten, daran, was sich seither verschoben und verlagert hat: Hierarchien und Abhängigkeiten, Notwendigkeiten und Strategien, Schicksale und Gemeinschaften. Ich überlege weiter: “Von oben herab können wir reden, urteilen, abkanzeln und verfahren.” Die Frage der Höhe ist immanent und zutiefst menschlich. Wir sind versucht und anfällig; wir verfallen der Versuchung. Die Höhe macht alles einfacher: Antworten, Fragen und Hinterfragen, Eingrenzungen und Festsetzung. Die Augenhöhe macht alles schwieriger: Antworten, Fragen und Hinterfragen, Entgrenzung und Einlassen. “Lass es!” Ich denke wieder nach. Darüber, welche Menschen diesem Leben eine dauernde Spur aufgeprägt haben. Die vielen leisen Anmerkungen, die Berührungen in Geist und Seele, das Anhaltende und Zeitlose, das Nährende und das Maß.
“Ist die Liebe unsichtbar?” Zumindest ermächtigt sie sich nicht durch Sichtbarkeit, vielmehr durch ihren Dienst; ohne Verlangen, ohne Vergleich, ohne Erbrechen. “Sie tut es, aber sie redet nicht.” Ist sie nicht unbequem einfach, diese Botschaft, dieses Fundament, das jeden Tag zu einem wahrhaften Tag macht: Das Offengelegt sein, die Ganzheit, die Integrität. Es bricht an die Oberfläche: Wir sind nackt vor der Wahrheit. Die Liebe zum einfachen, unverdorbenen Dasein bewahrt uns vor den Niederungen: die akribische Schonungslosigkeit gegenüber unseren Illusionen und Statusverliebtheiten.
Via San Chiara. Ganz oben. Alles weitet sich, enthüllt sich. Die Wurzeln breiten sich aus, wachsen über Balkone und Ziegeldächer. Die Gedanken sind roh weiß und Terrakotta, tiefblau und glanz-grün. Die alten Gassen warten. Mit ihren leisen Geschichten, mit den Begegnungen und der Luft, die alle gemeinsam atmen.
