_Homepage

Na geh, wer ist denn das jetzt?

08.11.2026 • 14:00 Uhr
Neue Kopfkino Salmhofer Kolumne
NEUE

Lange Zeit hatten wir ein Telefon mit Wählscheibe. Ich liebte das Geräusch, wenn sich die Scheibe zurückdrehte. Brrrrrt, brrrt, brrrrrt, brt, brt. Wenn man aufmerksam lauschte, konnte man am Klang des Wählers erkennen, wer gerade angerufen wurde.

Ich weiß noch, wie unfassbar modern mir unsere Familie vorkam, als wir das erste grüne Posttelefon mit schwarzen Tasten und einem langen Kabel bekamen. Endlich war das Telefon nicht mehr an seinen angestammten Platz im Vorzimmer gefesselt, sondern konnte mit ins Kinderzimmer genommen werden, wo ich, das Kabel in der geschlossenen Tür eingezwickt, heimlich und ausgiebig telefonierte. Vorausgesetzt, der Viertelanschluss war gerade frei. Irgendwann klopfte mein Vater an die Tür, um mich darauf aufmerksam zu machen, dass lange Gespräche mit Freundinnen am Spielplatz gratis seien und man sich doch eventuell – zum Schutz der Telefonrechnung – dorthin begeben möge.

Die Uhren wurden damals – mangels umfassender Digitalisierung – mittels Telefonansage sekundengenau justiert. 1503 wählen und dann der Frauenstimme die Zeit abnehmen: „Es wird mit dem Summerton 15 Uhr, 45 Minuten und 7 Sekunden.“ Gefragt habe ich mich natürlich, wie das ging, dass dort 24/7 die gleiche Frau am anderen Ende sitzt. Wann geht sie denn auf das Klo?

Ich liebte das Telefonieren, weil ihm immer etwas Besonderes anhaftete. Und was ich heute tatsächlich vermisse, ist das Klingeln des Telefons und der darauffolgende Ruf: „Heidi, Telefon für dich!“ Dieses aufgeregte Hochschießen von der Couch gefolgt von einem erwartungsvollen „Wer?“.

Fast 40 Jahre später bin ich keine Zu-Hause-Telefoniererin mehr. Die einstige Aufregung hat sich in ein angestrengtes „Na geh, wer ist denn das jetzt?“ verwandelt. Statt eifrig zum Apparat zu eilen, muss ich das klingelnde Handy ohnehin erst mittels Schallortung wie ein alternder Drogenhund suchen. Ich belle zwar nicht, wenn ich es finde, aber seufze etwa gleich laut, weil die anrufende Person schon aufgelegt hat.

Im Auto telefoniere ich jedoch für mein Leben gerne. Mit Freisprechanlage, versteht sich. Auf längeren Fahrten schaffe ich es, fünf längst überfällige Arzttermine zu vereinbaren, einen Tisch im Restaurant zu reservieren, diverse ausständige „Hallo, ich lebe noch“-Anrufe zu erledigen und nebenbei bei meinem Friseur den nächsten Haarschnitt einzubuchen. Mein Auto ist meine fahrende Telefonzelle. Ohne Münzeinwurf und der verzweifelten Stimme am anderen Ende der Leitung: „Ich höre dich nicht! Bitte roten Knopf drücken!“