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Covid-19: Äthiopien leidet

07.07.2020 • 18:21 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Die Corona-Krise hat auch Äthiopien fest im Griff. <span class="copyright">Cartias Vorarlberg</span>
Die Corona-Krise hat auch Äthiopien fest im Griff. Cartias Vorarlberg

Martin Hagleitner-Huber über die aktuelle „Hungerkampagne“.

Herr Hagleitner-Huber, die Caritas Vorarlberg startet diese Woche mit der Sammlung für ihrer Hunger-Kampagne. Worum geht es?

Martin Hagleitner-Huber: Jedes Jahr führt die Caritas in Österreich Sammlungen für die Hungerkampagne durch. Diese hat ihren Ursprung vor vielen Jahren, als es eine Hungerkrise in Westafrika gegeben hat. Heuer befinden wir uns jedoch in einer einzigartigen Situation.

Sie spielen damit auf die derzeit vorherrschende Corona-Pandemie an. Inwieweit beeinflusst diese die Kampagne?

Hagleitner-Huber: Die Covid-19-Pandemie hat den gesamten Globus erfasst und somit auch unsere Partnerländer. Und stellt uns somit vor große Herausforderungen.

Martin Hagleitner-Huber steht der Auslandshilfe der Caritas Vorarlberg vor. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Martin Hagleitner-Huber steht der Auslandshilfe der Caritas Vorarlberg vor. Klaus Hartinger

Welche konkreten Projekte werden mit den gesammelten Geldern unterstützt?

Hagleitner-Huber: Aufgrund der Pandemie leisten wir derzeit etwa in Äthiopien klassische Hungerhilfe. Eigentlich wurden wir von unseren Partnern gebeten, die Versorgung von 5000 Haushalten, sprich etwa 25.000 Menschen, mit Lebensmitteln zu übernehmen. Dies mussten wir jedoch ablehnen, da es den finanziellen Rahmen gesprengt hätte. Nun werden wir in den kommenden Monaten 1000 Haushalte mit Lebensmitteln wie Reis, Mehl oder Hülsenfrüchten versorgen.

Worauf liegt der Schwerpunkt der heurigen Kampagne?

Hagleitner-Huber: Derzeit sind wir in den Partnerländern Äthiopien, Mosambik, Ecuador und Armenien ganz stark mit den Auswirkungen der dortigen Lockdowns konfrontiert. Die derzeitige Pandemie ist eine Gesundheitskrise. Aber was den Menschen noch viel mehr zusetzt, ist die damit verbundene soziale Krise. Denn obwohl derzeit keine Dürresituation etwa in Äthiopien vorherrscht und die Wetterverhätlnisse nicht so schlecht sind, werden wir gerade dort wieder verstärkt – auch aufgrund der wirtschaftlichen Situation – mit der Hungerproblematik konfrontiert. Derzeit ist vor allem die ärmere Bevölkerung in städtischen Konglomeraten betroffen.

Spendenkonto

Caritas der Diözese Feldkirch

Raiffeisenbank Feldkirch

IBAN: AT 3742 2000 0004 0006

BIC: RVVGAT2B422

Kennwort:

Hungerhilfe 2020

Sammelzeitraum ist bis September

Können Sie kurz die derzeitige Situation in Bezug auf Covid-19 in Äthiopien beschreiben?

Hagleitner-Huber: Es ist ganz schwer zu sagen, wie viele Infizierte es tatsächlich gibt. Was man sagen kann, ist, dass die Zahlen am Steigen sind und die Kurve der Infizierten nach oben zeigt. Offiziell hat das Land knapp 110 Millionen Einwohner, offiziell erkrankt sind derzeit etwa 6000 Menschen. Klingt auf den ersten Blick nicht nach viel. Jedoch muss bedacht werden, dass die Testmöglichkeiten in dem Land marginal sind und der Zugang zu Gesundheitseinrichtungen nicht leicht ist. Die Dunkelziffer dürfte daher um ein Vielfaches höher sein. Gleichzeitig mit den Zahlen der Corona-Patienten gehen weltweit auch die Zahlen der hungernden Menschen in die Höhe.öhe.

Wie viele Menschen leiden derzeit an Hunger?

Hagleitner-Huber:Eine Zeit lang hatten wir das Gefühl, dass wir das Problem im Griff haben, dass die Zahlen etwas nach unten gehen. Die offiziellen Zahlen bewegten sich global gesehen bei 820 Millionen Menschen. Ich bin mir aber sicher, dass diese Zahl jetzt wieder ansteigen wird – und das nicht nur kurzfristig. Denn das Problem ist, dass das Virus einen langfristigen Schaden in den Wirtschaftssystemen angerichtet hat beziehungsweise anrichten wird.

Zur Person

Martin Hagleitner-Huber (Jahrgang 1965) ist Fachbereichsleiter der Auslandshilfe der Caritas. Er studierte Theologie und Geschichte an der Universität Innsbruck-

Sie haben wirtschaftliche Auswirkungen angesprochen. Wie sehen diese Auswirkungen konkret aus?

Hagleitner-Huber: In Äthiopien verdingen sich ganz viele Menschen als Taglöhner oder sind im informellen etwa als Haushaltshilfen tätig oder verkaufen auf Märkten ihre Produkte. Aufgrund des Lockdowns haben die Menschen aber nun von einem Tag auf den anderen ihren Job und somit ihre Einkommensquelle verloren. Beispielsweise verloren im Great Rift Valley, wo große Blumenplantagen zu finden sind, Tausende junge Menschen ihre Arbeit. Die stehen jetzt vor dem Nichts. Denn ein ganz großer Teil der Bevölkerung in Äthiopien hat kaum bis keine Ersparnisse.

Viele Taglöhner haben ihre Job verloren. <span class="copyright">Caritas Vorarlberg</span>
Viele Taglöhner haben ihre Job verloren. Caritas Vorarlberg

Was bedeutet dies nun für die Betroffenen? Stehen diese jungen Menschen jetzt sprichwörtlich auf der Straße?

Hagleitner-Huber:a, sie stehen auf der Straße beziehungsweise vor den kirchlichen Institutionen. Vor Pfarrhöfen und den Bischofssitzen bilden sich Gruppen, die betteln und die auf Hilfe angewiesen sind, weil sie nichts mehr zum Essen haben.

Dann steht bei der diesjährigen Kampagne die Soforthilfe im Mittelpunkt?

Hagleitner-Huber:  Wir agieren auf allen Ebenen. Beispielsweise haben wir in zwei Partnerdiözesen zwei Gesundheitseinrichtungen. Hier haben wir bereits im März reagieren müssen. Denn diese Gesundheitseinrichtungen haben sich zu Hotspots entwickelt. Sprich, das Personal hat sich infiziert und hat dann wiederum Patienten angesteckt. Hier mussten wir sehr schnell reagieren, um unser Gesundheitspersonal zu schützen. Es musste schnell gehandelt und Desinfektionsmittel, Schutzausrüstungen und Sanitärmaterial organsiert werden.

Welche Maßnahmen haben Sie noch getroffen?

Hagleitner-Huber: Wir haben sehr viel Aufklärungsarbeit geleistet, weil die Leute – genauso wie anfänglich in Österreich – nicht genau gewusst haben, um was es sich bei diesem neuartigen Virus handelt. In einem Land, in welchem man mehrere Kilometer zu einer Wasserquelle gehen muss, wird regelmäßiges Händewaschen zu einer Herausforderung. Weil es überall einen Mangel gegeben hat, haben wir dann damit begonnen, Desinfektionsmittel und Seifen in unseren Sozialeinrichtungen zu verteilen. Bei den Gesundheitseinrichtungen setzen wir alles daran, dass diese nicht zu Virenschleudern werden und dass wir unser Personal so gut wie möglich schützen können. Derzeit herrscht in Äthiopien nach wie vor der Ausnahmezustand.

Wasser ist ein knappes Gut in dem afrikanischen Land.<span class="copyright"> Cartias Vorarlberg</span>
Wasser ist ein knappes Gut in dem afrikanischen Land. Cartias Vorarlberg

Rechnen Sie damit, dass die Spendenfreudigkeit heuer aufgrund der Corona-Krise zurückgehen wird?

Hagleitner-Huber: Wir hoffen, dass die Spendenbereitschaft auch heuer vorhanden sein wird. Ebenfalls muss es zu einem Umdenken kommen. Wir müssen die Spenden als ein Investment in unsere gemeinsame Zukunft ansehen.

Wird es aufgrund der Pandemie  mit verstärkten Flüchtlingsbewegungen in Richtung Europa zu rechnen sein?

Hagleitner-Huber: Wenn wir ganz ehrlich sind und es nüchtern betrachten, hat es solche Bewegungen immer schon gegeben. Auch die Vorarlberger Bevölkerung ist eine Migrantenbevölkerung. Man muss nur an die Walser denken, die sich ebenfalls aus Notsituationen auf den Weg gemacht haben. Damit es jedoch gar nicht zu diesen Notsituationen kommt, müssen wir vor Ort investieren, um lebenswerte Räume schaffen und diese auch erhalten zu können. Denn ich bin fest davon überzeugt, dass die meisten Flüchtlinge ihre Heimat nicht verlassen wollen. Sprich, wenn diese eine Zukunft in ihrer Heimat sehen würden, dann wollen sie von dort nicht weg.