Auseinandersetzung mit dem Bösen

Ausstellung von Gregor Pirker im Kollektiv in Bregenz.
In der Pariser Bastille, in Haft, hat der französische Schriftsteller Marquis de Sade (1740–1840) im Jahr 1785 seinen berühmt-berüchtigten Episodenroman „Die 120 Tage von Sodom oder die Schule der Libertinage“ geschrieben. Gelesen haben ihn vermutlich nicht so viele. Mit dem Begriff Sadismus dürften allerdings die meisten Menschen etwas verbinden. Der geht direkt auf die im Roman geschilderten gewalttätigen Sexualpraktiken zurück beziehungsweise auf den Namen des Autors.
Passionen
Die Hauptfiguren des Romans sind vier Libertins. Weiters gibt es vier Erzählerinnen, von denen jede für eine Passion steht, die bis zum Tod, zur Auslöschung gehen, schildert Gregor Pirker. Der 1986 in Klagenfurt geborene Künstler, der in Wien Malerei und Bühnenbild studiert hat, hat den Roman als Ausgangspunkt für einen Bilderzyklus verwendet, der derzeit im Kollektiv in Bregenz zu sehen ist.

Über den auf das Buch zurückgehenden Film von Pier Paolo Pasolini, „Die 120 Tage von Sodom“ (1975) ist Pirker auf den Roman gestoßen. „Ich habe mir gedacht, vielleicht ist es von Vorteil, sich künstlerisch damit auseinanderzusetzen“, erzählt er seinen Beweggrund, sich damit zu befassen.
Fremde Denkweise
Auch weil der Inhalt eine Denkweise beinhalte, die einem eigentlich ziemlich fremd sei. Sich mit diesen Ideen, dem Bösen zu beschäftigen, war die Ausgangssituation für den Künstler und dafür, Bilder zu finden, nachdem die Sprache des Romans sehr bildhaft sei, sagt er.

Rund 200 Arbeiten hat Pirker, der seit gut zweieinhalb Jahren neben Wien auch in Bregenz lebt, dazu im Vorjahr und heuer gezeichnet und gemalt. Es sind 8,5 mal 14 Zentimeter große, aus einem Skizzenbuch herausgerissene Blätter, von denen derzeit rund 120 in Bregenz zu sehen sind. Dabei handelt es sich um äußerst detailreiche, feine Zeichnungen mit Aquarellfarben, die einzelne Szenen, Situationen des Romans darstellen.
Textelemente
Teilweise sind auch Texte vorhanden, Originalzitate aus dem Roman, aber auch Gedanken des Künstlers. „Ich arbeite sehr assoziativ“, sagt Pirker, sodass auch seine weiterführenden Kombinationen in die bildnerische und textliche Umsetzung eingeflossen sind. Drei Teile des vierteiligen Romans hat er bis dato gezeichnet, ob auch der letzte noch folgen wird, sei derzeit offen, sagt er. „Die Form hat sich nicht mehr richtig angefühlt“, begründet der Künstler seinen Entschluss, vorerst einmal damit aufzuhören.

Im Kollektiv in der Maurachgasse in Bregenz hängen die Blätter einzeln von der Wand. Die Hängung ist in gewisser Weise auch angelehnt an den Titel der Schau, „Der Bovist“. Dieser Pilz „explodiert“ bei geringster Berührung und verteilt seine Sporen in der Umgebung. Wie hinausgeschleuderte Sporen verteilen sich die Arbeiten nun im Raum. Zudem sei „der Bovist“ auch eine Verballhornung von „der Sadist“, erklärt Pirker mit einem Grinsen.

Neben den Bildern aus dem De-Sade-Zyklus ist noch eine „freie Arbeit“ von Pirker im Ausstellungsraum zu sehen, die mit den anderen Werken nicht direkt zu tun hat. Ein bemaltes Leporello, ein Faltbuch, auf dem verschiedenste Motive aufgegriffen werden.
Vielschichtige Entdeckungsreise
Insgesamt ist „Der Bovist“ eine spannende Schau, die nicht nur durch Akribie, Ästhetik und Virtuosität beeindruckt, sondern geradezu dazu auffordert, sich näher mit den ausgestellten Arbeiten zu befassen. Eine vielschichtige Entdeckungsreise mit faszinierenden Einblicken, die dem Betrachter auch viel Raum für eigene Assoziationen lässt.
Bis 2. Oktober. Montag, Mittwoch, Freitag, jeweils von 18 bis 20 Uhr. https://kollektiv-raum.org