Hagen Quartett verabschiedet sich nach fast 50 Jahren

Während das Alinde Quartett bei der Schubertiade debütierte, näherte sich das Hagen Quartett seinem musikalischen Finale.
Am letzten Mai-Wochenende lud die Schubertiade noch einmal zu intensiven Kammermusikerlebnissen in den Markus-Sittikus-Saal: am Samstag gab das italienisch-slowenische Alinde Quartett sein tolles Debüt, am Sonntag folgte das Hagen Quartett mit einem seiner letzten Konzerte.

Klingender Name
„Alinde“ ist ein klingender Name für Liedfreunde, hat Schubert doch ein Gedicht von Friedrich Rochlitz in ein fein nuanciertes Lied verwandelt. Zu Schubert haben die Primaria Eugenia Ottaviano, die Brüder Guglielmo und Bartolomeo Dandolo Marchesi an zweiter Geige und Violoncello und der slowenische Bratschist Gregor Hrabar ein besonderes Verhältnis, verbinden sie doch bis 2028, wenn sich Schuberts Todestag zum 200. Mal jährt, dessen Streichquartette in einer Gesamtaufnahme mit zeitgenössischen Werken, die auf Schubert Bezug nehmen.
Doch auch „Schubert pur“ ist bei diesem Ensemble, das von berühmten Lehrern ausgebildet wurde und außerdem Erfahrungen in Barockorchestern hat, in besten Händen: Der c-Moll-Quartettsatz D 703 klingt beim Alinde Quartett fahl, gefährlich, leidenschaftlich akzentuiert, aber auch beschaulich im lyrischen Seitenthema. Umso erstaunlicher, dass das frühe C-Dur-Werk D 46 des 16-Jährigen manche Elemente des späteren Einzelsatzes vorwegzunehmen scheint. Das lebhaft miteinander kommunizierende Quartett zeigt das mit starker musikalischer Rhetorik im Kopfsatz, atmender Phrasierung im langsamen Satz und kraftvollen Akzenten im Menuett. Bei den frühen Quartetten Schuberts gibt es immer noch viel zu entdecken!

Brausender Beifall
Im großen Streichquintett C-Dur D 956 kommt Stefan Heinemeyer, der Cellist des Atos Trios, dazu: Das späte Meisterwerk erklingt auch in dieser Konstellation von festem Quartett und einem Gast spannend, aufgeregt drängend, bohrend, frisch, die verschiedenen Temperamente sind fein aufeinander abgestimmt. Heinemeyer und das Quartett kennen sich hörbar gut, trotzdem bleibt auch Raum für Spontanes, für intensive Dynamik, für mutige Tempi und geheimnisvolle Wendungen. Im Zentrum steht der langsame Satz mit seinen erschütternden Gegensätzen, und wenn auf das risikofreudig wuchtige Scherzo ein sanft zurückgenommenes Trio folgt, schwingen sich die fünf in wunderbarer Einheit aufeinander ein. Auch das Finale bringt große Gegensätze und eine brausende Stretta, auf die das so kenntnisreiche Schubertiade-Publikum mit ebenso brausendem Beifall antwortet.
Familienquartett
Wie bekannt wird sich das Hagen Quartett nach viereinhalb Jahrzehnten im Familien- und Quartettverbund auflösen, die letzten Konzerte wirken so, als seien sie nochmals mit besonderer Dichte, Abgeklärtheit und Intensität aufgeladen. Und auch das Publikum strömt noch einmal, um jeden Ton der drei Geschwister Lukas, Veronika und Clemens Hagen und ihres seit bald 40 Jahren am zweiten Geigenpult musizierenden Kollegen Rainer Schmidt aufzusaugen.

Gemeinsam mit dem deutschen Klarinettisten und Komponisten Jörg Widmann erklangen die beiden herrlichen Klarinettenquintette von Mozart und Brahms: Verbunden im großen gemeinsamen Atem schien bei Mozart im langsamen Satz die Zeit aufgehoben, als die fünf die kristalline Klarheit der Partitur zum Klingen brachten. Bei Brahms begeisterten der volle symphonische Klang und die dazu im größtmöglichen Gegensatz stehenden filigranen Pianissimo-Passagen: Auch hier stand der langsame Satz mit seinen ungeheuren Emotionen im Mittelpunkt. Jörg Widmann gestaltete seinen Part mit spätromantischer Expressivität und in intensivsten Dialog mit den Streicherstimmen, mischte spukhafte Figuren und facettenreiche Agogik in den finalen Variationensatz. Zwei Akkorde setzten den Schlusspunkt: Kraftvoll arpeggiert der eine, zart aushauchend der andere. Auf Wiederhören im Juni, die beiden Konzerte des Hagen Quartetts sind allerdings schon ausverkauft!
Katharina von Glasenapp