„Lebensperspektive im Diesseits bieten“

Attentäter von Wien wurde in Deradikalisierungsprogramm betreut.
Der Attentäter von Wien war amtsbekannt. Er befand sich in einem sogenannten Deradikalisierungsprogramm, das vom Verein Neustart (Bewährungshilfe) gemeinsam mit der Organisation Derad (Netzwerk Sozialer Zusammenhalt für Dialog, Extremismusprävention und Demokratie) durchführt wird. Er wurde mit der maximalen Intensität – das sind drei Kontakte im Monat – betreut. „Als geläutert und harmlos wurde er nie eingeschätzt“, erklärt Andreas Zembaty von Neustart. Dennoch rechnete niemand mit einer solchen Gräueltat. Seine Versuche, sich in der Slowakei Waffen zu beschaffen, waren nicht bekannt.
Über den blutigen Anschlag war daher nicht nur die Öffentlichkeit entsetzt, auch bei Neustart war man erschüttert. Umso mehr als die bisherige Erfahrung mit dem Deradikalisierungsprogramm weitgehend positiv war. Von den insgesamt 116 Klienten, die das Programm seit seiner Einführung im Jahr 2006 durchlaufen mussten und müssen, wurden nur fünf rückfällig. „Das ist eine sehr niedrige Quote, bedenkt man, dass bei der ‚klassischen‘ Bewährung 38 Prozent der Klienten rückfällig werden“, erklärt Winfried Ender, der Leiter von Neustart Vorarlberg. „Erfolgt keine Bewährungshilfe, sind es sogar 54 Prozent“, zeigt er weiter die Relationen auf.

50 Betreute
Derzeit werden österreichweit 50 Menschen im Deradikalisierungsprogramm betreut. Insgesamt 11.000 erhalten Bewährungshilfe. In dieses Programm aufgenommen werden Menschen, die nach dem Paragrafen 278b Strafgesetzbuch (Terroristische Vereinigung) zu bedingter Strafe verurteilt oder nach Verurteilung nach diesem Paragrafen vorzeitig aus der Haft entlassen werden. „In der Regel werden sie nach einem Gefängnisaufenthalt unter klaren gesetzlichen Bedingungen bedingt aus der Freiheitsstrafe entlassen und bekommen drei Jahre Probezeit mit der Auflage von Bewährungshilfe mit Schwerpunkt des Deradikalisierungsprogrammes“, erläutert Ender. „Dazu kommen unter Umständen noch andere Auflagen, wie etwa eine Therapie. Das ist individuell ganz unterschiedlich.“ In Österreich werden für ihre Betreuung Spezialisten herangezogen. In Vorarlberg ist es eine Frau, die eine Ausbildung mit Basiswissen über Radikalisierungsrozesse, Religion und die Weltsicht dieser Klienten besitzt. „Wirkliches Detailwissen über die Strömungen und Gruppierungen in den jeweiligen Ländern besitzen insbesondere die Mitarbeiter von Derad“, betont Ender. Deshalb ist die Zusammenarbeit mit ihnen besonders wertvoll und wichtig.
Derad
Netzwerk Sozialer Zusammenhalt für Dialog, Extremismusprävention und Demokratie.
Als NGO im Auftrag des Bundesjustizministeriums für die Betreuung von Inhaftierten im Bereich der Extremismus-Prävention zuständig, sowie für die Nachbetreuung von einschlägig verurteilten Personen, und für Bildungsmaßnahmen für die Justizwachebeamten im Bereich Extremismusprävention.
www.derad.at
Kein Fall im Ländle
Muss in Vorarlberg jemand im Deradikalisierungsprogramm betreut werden, reisen eigens dafür Derad-Mitarbeiter aus dem Osten Österreichs an. Aktuell gibt es im Ländle keinen solchen Fall. Zweimal waren Ender und sein Team aber schon mit einem betraut. Ob es im Ländle eine aktive Gruppe an dschihadistisch orientierten Menschen gibt und wie groß sie ist, möchte Ender nicht beurteilen. „Das wäre eine Frage an das Landesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung“, sagt er. Er kann sich allerdings vorstellen, dass es eine kleine Szene gibt. In anderen Gegenden Österreichs sei sie aber sicherlich größer. „Mit Formen der Radikalisierung haben wir aber immer schon zu tun. Man denke nur an Punks, Skinheads, Wiederbetätigung im Neonazi-Bereich“, sagt er. Bei Menschen mit dschihadistischem Hintergrund gebe es mehrere Gruppen, die gewaltbereit sind. Für die Sozialarbeit ansprechbar seien junge, die noch nicht gefestigt sind. „Die Führungskräfte dieser Szene, die ideologisch, hochpolitisch motivierten Aktivisten, sind in der Regel für uns nicht erreichbar.“ Gemeinsam sei den jungen Menschen, die sich von radikalen Ideologien begeistern lassen, dass sie Desintegrationserlebnisse gehabt hätten, sich fremd fühlen würden und frustriert seien. „Meist haben sie nur ein niedriges Bildungsniveau und ihnen fehlt vor allem eines: eine Perspektive“, beschreibt Ender. Die radikalen Ideologien würden Antworten auf Bedürfnisse, wie Zugehörigkeit und Schutz bieten. „Die Welt wird in Schwarz und Weiß eingeteilt, es ist ganz klar, was gut und was böse ist“, erklärt Ender. Häufig werde mit Angstpädagogik gearbeitet. „Wenn du dich nicht richtig verhältst, kommst du in die Hölle“, erläutert er weiter.
Deliktverarbeitung
Die Bewährungshilfe im Allgemeinen hat den Auftrag, ihre Klienten bei der Existenzsicherung wie etwa bei der Job- und Wohnungssuche zu unterstützen und natürlich dafür zu sorgen, dass sie nicht rückfällig werden. Dazu ist es wichtig, dass sie eine Deliktverarbeitung durchlaufen. „Nur wenn ich einsehe, dass es falsch war, was ich gemacht habe, werde ich es nicht wieder tun“, zeigt Ender auf. Es gehe darum, dass die Klienten die Folgen ihres Tuns für sich aber auch für ihr Umfeld, insbesondere für die Opfer einsähen. „Opferempathie ist ein ganz wichtiges Schlagwort. Und sie müssen sich fragen, ob es das ist, was sie wollen.“ Daran anknüpfend sei es essenziell, für sie eine Lebensperspektive zu finden, die realistisch sei. Natürlich werde auch an den Ursachen für ihr gewalttätiges Handeln geforscht. „Wenn diese erkannt werden, kann man die Energie und die Kraft, die dahinterstecken, umlenken und auf andere Lebensziele richten.“
Wichtig ist auch, dass die Klienten merken, dass sie selbst etwas bewirken können. Ein Erleben von Selbstwirksamkeit bewirke auch eine Abwendung vom Wunsch, einem „Führer“ zu folgen. „Die Bewährungshilfe betreibt klassische Hilfe zur Selbsthilfe“, sagt Ender. „Wir ächten die Tat aber achten den Täter“, sei ihr Prinzip.
„Bewährungshilfe betreibt Hilfe zur Selbsthilfe. Wir ächten die Tat aber achten den Täter.“
Winfried Ender, Neustart
Damit diese Prozesse gelingen können, ist es wichtig, dass zwischen Betreuer und Klienten eine Arbeitsbeziehung und ein Vertrauensverhältnis entsteht. „Bei dschihadistisch Radikalisierten ist es essenziell, ihnen Alternativen aufzuzeigen, wo sie andocken können. Vielleicht gibt es eine Familie, die sie auffängt. Und sie müssen, wie gesagt, Lebensperspektiven für das Diesseits im Gegensatz zu den Versprechungen des Paradieses im Jenseits, die zum Beispiel der IS bietet, finden.“
Kontrolle und Unterstützung
All das können sie im Rahmen der Bewährungshilfe unter Bedingungen in Freiheit ausprobieren. „Bewährungshilfe ist Kontrolle und Unterstützung gleichzeitig“, sagt Ender. „Die Klienten bekommen die Chance, zu beweisen, dass sie sich ändern wollen.“ Im Zuge des Vorfalls in Wien wurden Diskussionen laut, die die Sinnhaftigkeit beziehungsweise die Gefährlichkeit der vorzeitigen Haftentlassung von Radikalisierten in Frage stellten. „Man muss sich aber vor Augen halten, dass jemand, der seine gesamte Strafe bis zum letzten Tag absitzt, am Tag X aus dem Gefängnis kommt und auf sich allein gestellt ist. Dann gibt es keinen Bewährungshelfer, keine wie auch immer geartete Therapie und Kontrolle. Denn dann wäre die Inanspruchnahme solcher Programme freiwillig. Ich glaube nicht, dass wir das wollen.“
Scheitern gehöre leider zur Bewährungsarbeit dazu. „Einhundertprozentige Rückfallfreiheit gibt es nicht, auch keine völlig straffreie Gesellschaft. „Wie gesagt, wir sind geschockt. Wir sehen das Attentat in Wien als Auftrag, dass wir noch besser werden müssen.“ Ein Mittel, auf das Ender große Hoffnung setzt, ist die sogenannte „Sicherheitspolizeiliche Fallkonferenz“, die seit Anfang des Jahres durchgeführt werden kann. „Da treffen sich Polizei, Gericht, Betreuung, Strafvollzug – kurz alle Beteiligten, die mit dem Klienten zu tun haben, und tauschen ihre Einschätzungen aus. So kann ein viel umfassenderes Bild entstehen.“
informationen
Verein Neustart
Resozialisierungshilfe für Straffällige, Unterstützung von Opfern und Prävention
www.neustart.at
Neustart Vorarlberg:
Römerstraße 1–3, 6900 Bregenz, 05574/45590